Es ist das große Ziel der CDU-Mitglieder im Wahlkreis 57 Singen-Stockach für die Landtagswahl 2021: Sie wollen wieder einen Vertreter ihrer Partei im Stuttgarter Landtag sehen. Nach vierstündiger Sitzung und drei Wahlgängen konnte der Gewinner der Nominierung in der Steißlinger Seeblickhalle ans desinfizierte Mikro treten: Der 48-jährige Lehrer Tobias Hermann hatte das Kopf-an-Kopf-Rennen gegen seiner Mitbewerberin Heike Kornmayer, ebenfalls Lehrerin, gewonnen. Er erreichte in der Stichwahl eine einfache Mehrheit von 55 von 107 Stimmen, Kornmayer hatte 52 Stimmen. Die drei Wahlgänge der Nominierung zeigten, wie schwer den Mitgliedern die Entscheidung fiel, obwohl die Bewerber in ihren Reden versuchten, sich thematisch abzugrenzen. Tobias Hermann war auf jeden Fall nach seiner Wahl erleichtert und rief seinen Parteifreunden zu: „Ich bedanke mich für die Unterstützung. Nach der Wahl ist vor der Wahl und deshalb ziehen wir jetzt alle an einem Strang. Ich freue mich auf den Wahlkampf.“ Der dritte Bewerber, Alexander Siegel, erreichte im zweiten Wahlgang elf Stimmen und zog seine Kandidatur zurück. Die Steißlingerin Katrin Mattes wurde mit großer Mehrheit zur Ersatzkandidatin gewählt.

Appell: Partei muss Vertrauen gewinnen

Der Kreisvorsitzende der CDU, Willi Streit, machte zu Beginn der Nominierung klar, wie es den CDU-Mitgliedern seit der Landtagswahl 2016 geht. Seither hat die CDU des Wahlkreises 57 „aufgrund des grünen Hypes“ keinen Abgeordneten mehr im Landtag und durchlebe eine schwierige Zeit, erklärte Streit. Das ehemalige AfD-Mitglied Wolfgang Gedeon, der 2016 neben der Grünen Dorothea Wehinger in den Landtag gewählt wurde, vertrete die Region in keinster Weise. Gedeon mache nur durch seine „abstrusen, peinlichen und verwirrenden Auftritte im Landtag“ auf sich aufmerksam. Das müsse sich ändern, so Streit. Die CDU werde gebraucht, die Bürger sehnten sich gerade in Zeiten von Corona nach Orientierung und einer Partei, die Klartext spreche. Die Partei müsse das Vertrauen der Bürger zurückgewinnen und mit einem überzeugenden Kandidaten zur Landtagswahl antreten.

Hermann steht für Bildungspolitik

In Steißlingen mussten die Kandiaten zuerst ihre Parteifreunde in einer Vorstellungsrunde überzeugen. Hermann machte den Anfang und sieht als Lehrer am Hegau-Gymnasium seinen Schwerpunkt in der Bildungspolitik. Das Leseverständnis und die sprachlichen Fähigkeiten der Schüler zu fördern, sei für ihn grundlegend. Er wolle sich dafür einsetzen, dass Baden-Württemberg wieder einen vorderen Platz im Bildungsranking einnehme. Dafür müsse man für die Bildung aber deutlich mehr ausgeben, sagte er. Er wolle sich außerdem für einen gesunden Mittelstand, die Förderung von Startups, eine Entbürokratisierung und ein flächendeckendes Glasfasernetz einsetzen. Die Bewahrung der Schöpfung sei ein Thema der CDU. Umweltschutz solle durch Nachhaltigkeit, innovative Spitzentechnologie und Umstieg auf erneuerbare Energien und Förderung des ÖPNV erreicht werden.

Kornmayer will ländliche Gemeinden stärken

Bewerberin Heike Kornmayer hat in Vorbereitung auf ihre Kandidatur eine Tour durch die ländlichen Gemeinden des Wahlkreises gemacht. Dabei fragte sie die Bürgermeister: „Was brauchen Sie, dass es ihrer Gemeinde gut geht?“ Die Themen, die dabei angesprochen wurden, wolle sie zu ihren Themen machen. Auf dem Land seien eine wohnortnahe Beschulung, medizinische Versorgung, ein flächendeckendes Glasfasernetz, kommunale Eigenverantwortung in Bezug auf Gewerbegebiete und die Möglichkeit, Bauplätze für Familien zu bieten, wichtig. Die Singenerin will sich für bezahlbare grüne Energie einsetzen und tritt unter dem Motto an: „Aus der Region, für der Region.“

Siegel setzt auf das Thema Sicherheit

Der dritte Bewerber, Alexander Siegel, hatte seine Kandidatur erst einen Tag vor der Nominierungsveranstaltung öffentlich gemacht. Er kam 1990 als Spätaussiedler aus Ungarn nach Deutschland. Er wolle für eine besonnene, stabile und bürgernahe Politik eintreten und seine interkulturelle Erfahrung einbringen. Für ihn stehe das Thema Sicherheit an erster Stelle, denn Sicherheit sei ein Grundbedürfnis aller Menschen. Deshalb wolle er die Polizei stärken. Umweltschutz sei eine christliche Verpflichtung, er solle aber mit einer starken Wirtschaft verbunden sein. Die Corona-Krise habe Schwächen im Bildungssystem offenbart und daraus müsse man lernen. Außerdem wolle er die Familien stärken. Zu seiner Bewerbung sagte er: „Ich hoffe, dass die CDU reif ist für einen Spätaussiedler.“

Abstimmen unter Corona-Bedingungen: 112 CDU-Mitglieder kamen zur Nominierung in die Seeblickhalle. Alexander Siegel (rechts) war einer der Bewerber.
Abstimmen unter Corona-Bedingungen: 112 CDU-Mitglieder kamen zur Nominierung in die Seeblickhalle. Alexander Siegel (rechts) war einer der Bewerber. | Bild: Tesche, Sabine

Aufwand in der Organisation

Die Durchführung der Veranstaltung unter Hygienevorschriften war für alle Mitglieder und Organisatoren ungewohnt und aufwendig. So mussten die Mitglieder vier Mal Reihe um Reihe zur geheimen Wahl schreiten. Doch alle trugen es mit Gelassenheit und Disziplin.