„Uns reicht es jetzt“, kommentiert der Vorsitzende des Singener Einzelhandelsverbandes, Hans Wöhrle, den neuen Lockdown-Beschluss von Bund und Ländern. „Die neue Verordnung ist für den Handel eine absolute Katastrophe“. Dies schreibt er auch so in einem scharf formulierten Brandbrief an die Bundes- und Landesregierung sowie an das Landratsamt Konstanz. Nachdem im Landkreis Konstanz drei Tage lang die Inzidenzzahl – das Verhältnis aktuell Corona-Infizierter pro 100.000 Menschen – über 100 lag, dürfen beispielsweise die Geschäfte nicht mehr öffnen. Dies war unter dem Begriff „Click and meet“ möglich bis am Dienstag, sodass Kunden nach Termin-Vereinbarung die Läden besuchen durften. Seit heute, Donnerstag, ist bis auf Weiteres unter der Bezeichnung „Clic and collect“ nur eine Abholung der Waren nach voriger Bestellung erlaubt.

Im Singener Schuhhaus Wöhrle sind nun Hygiene-Artikel dominant. Schuhe gibt es aber dort auch noch zu kaufen. Das Bild zeigt das Inhaber-Ehepaar Fanni und Falk Wöhrle.
Im Singener Schuhhaus Wöhrle sind nun Hygiene-Artikel dominant. Schuhe gibt es aber dort auch noch zu kaufen. Das Bild zeigt das Inhaber-Ehepaar Fanni und Falk Wöhrle. | Bild: Bittlingmaier, Albert

„Die Lage ist brandgefährlich und existenzbedrohend“, spricht auch Wöhrles Sohn Falk Klartext. Er selbst will aber als Geschäftsführer zweier Schuhhäuser in Singen und einem weiteren Geschäft in Villingen „das Sonderopfer des Handels“ nicht mehr länger hinnehmen. Stattdessen hat er das Sortiment eines der beiden Singener Geschäfte vollständig umgekrempelt. „Ich verkaufe 60 Prozent systemrelevante Hygiene-Artikel. Die restlichen 40 Prozent unseres Artikelbestandes sind Schuhe. Dazu habe ich ein neues Gewerbe angemeldet“, erklärt Falk Wöhrle. Das Singener Gewerbeamt habe schon grünes Licht gegeben. Auch ab Donnerstag sei das Geschäft in der Freiheitsstraße weiter offen. Er habe sich nach Rücksprache mit dem Einzelhandelsverband Südbaden auch nach rechtlicher Beratung an einem Beispiel eines Emmendinger Einzelhändlers orientiert.

Ein Beispiel aus Emmendingen übernommen

„Ich mache nur das, was auch große Einkaufsmärkte mit ihren Mix-Sortimenten praktizieren“, sagt Wöhrle. „Mit der Aktion will ich durch Kreativität die Absurdität der wechselnden Verordnungen aufzeigen und Hoffnung machen, dass derartige Aktionen auch den Gesetzgebern die Augen öffnen“, betont Wöhrle. Er gehe davon aus, dass solche neuen Geschäftsmodelle nach einigen Wochen wieder verboten werden, wenn es viele Nachahmer gebe. „Der ganze Irrsinn der Corona-Verordnungen zeigt sich auch darin, dass ich das Geschäft in Villingen für Kunden nach Termin-Vereinbarungen öffnen darf, weil im zuständigen Schwarzwald-Baar-Kreis die Inzidenzzahl deutlich unter 100 liegt“, so Wöhrle.

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Zurück zum Brandbrief von Hans Wöhrle. „Die Frühjahrsware für die Bekleidungsgeschäfte ist eingetroffen. Wir müssen sie bezahlen, die Geschäfte werden aber zugesperrt. Das kann nicht sein“, wettert Wöhrle. „Bei allem Verständnis für die Gesundheit – im Fachhandel herrscht am wenigsten Infektionsgefahr, da wir die Hygienevorschriften vorbildlich umgesetzt haben, was auch laut Robert-Koch-Institut ein niedriges Infektionsrisiko darstellt“, so Wöhrle.

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„Es kann nicht sein, dass auf dem Rücken von uns und der Gastronomie die Fehler ausgetragen werden müssen, die vor allem die Politik verursacht hat“, betont Wöhrle im Bezug vor allem auf die vielen Impfpannen. „Selbst wenn wir auch nur pro 40 Quadratmeter einen Kunde bedienen dürfen, ist es doch besser als nichts. Wir sind jetzt schon im vierten Monat. Und es geht immer weiter von einem Lockdown zum anderen.“

„Es nützt uns nichts, wenn wir immer an der Inzidenz gemessen werden und uns die Luft ausgeht, dadurch aber auch die Städte verwaisen“, betont Wöhrle. Er plädiert für kostenloses Testen nach dem Modell von Tübingen. Jeder Kunde bekomme einen Tagespass, mit dem er dann ins Geschäft und auch in die Außengastronomie dürfe.

„Jeder weiterer Schritt des Lockdowns gefährdet unsere Existenz unserer Geschäfte mehr.“Anna Russo, Geschäftsinhaberin
„Jeder weiterer Schritt des Lockdowns gefährdet unsere Existenz unserer Geschäfte mehr.“Anna Russo, Geschäftsinhaberin | Bild: Sandra Bossenmaier

„Der Einzelhandel und die Gastronomie werden durch die Politik systematisch zerstört“, sagt Anna Russo, die in Singen ein Schmuck- und Uhrengeschäft sowie in Gottmadingen eine Goldschmiede führt. „Es geht um Existenzen. Ich werde aber kämpfen, da ich nach einem mühseligen Aufbau der Geschäfte 25 Jahre lang selbstständig bin. Notfalls werde ich auch nach Ideen suchen, wie ich meine Geschäfte in anderer Form weiterbetreiben kann“, erklärt Anna Russo. „Die Kunden haben die kurze Zeit, in der wir öffnen dürfen, das Angebot gut angenommen. Wir bleiben aber seit Weihnachten auf einem Großteil unserer Artikel sitzen, müssen aber vielfältige laufende Kosten bewältigen“, so Anna Russo.