Gummistiefel waren Pflichtprogramm: Rauer Wind und Regenschauer fegten zum Auftakt des Ortstermins mit dem baden-württembergischen Umweltminister Franz Untersteller über den Bohlinger Galgenberg. Er besichtigte dort einen Teil des „Landesweiten Biotopverbundes„. 2015 war die Stadt Singen für das Pilotprojekt ausgewählt worden. „Das war uns eine besondere Ehre“, sagte Oberbürgermeister Bernd Häusler bei der Begrüßung. Schwerpunkte in Singen seien die Feuchtlebensräume, denn 19 Kilometer der Aach verliefen auf Singener Gemarkung.

Beim Ortstermin auf dem Galgenberg in Singen-Bohlingen: (von links) die Landtagsabgeordnete Dorothea Wehinger, Oberbürgermeister Bernd Häusler, Umweltminister Franz Untersteller, LUBW-Präsidentin Eva Bell und der Bohlinger Ortsvorsteher Stefan Dunaiski.
Beim Ortstermin auf dem Galgenberg in Singen-Bohlingen: (von links) die Landtagsabgeordnete Dorothea Wehinger, Oberbürgermeister Bernd Häusler, Umweltminister Franz Untersteller, LUBW-Präsidentin Eva Bell und der Bohlinger Ortsvorsteher Stefan Dunaiski. | Bild: Holle Rauser

„Wir haben eine besondere Verantwortung, die Aach als Lebensraum, aber auch als Naherholungsgebiet zu erhalten“, betonte Häusler. So wurden, wie Florian Sauter von der Stadtverwaltung, Abteilung Gewässer und Grün, erläuterte, zum Beispiel Aach-Altarme renaturiert, Gewässerrandstreifen erhalten und über zehn Kleingewässer neu angelegt oder reaktiviert und zusammen mit dem BUND gepflegt. Diese spielten etwa für den stark gefährdeten heimischen Laubfrosch eine wichtige Rolle. Umweltminister Untersteller erläuterte die Idee hinter dem Projekt „Landesweiter Biotopverbund„: Kleine, verstreute Schutzgebiete machten keinen Sinn.

Blick auf eine Streuobstwiese am Galgenberg.
Blick auf eine Streuobstwiese am Galgenberg. | Bild: Holle Rauser

„Es braucht die Verbindung zwischen den Biotopen für den genetischen Austausch“, so Untersteller, der die Maßnahmen und Mittel aufzählte, die von der Landesregierung dafür bereitgestellt würden (nachfolgender Erklärtext). Stehen die Bürger hinter dem Projekt „Landesweiter Biotopverbund„? „Der Rückgang der Artenvielfalt treibt die Menschen um“, ist Untersteller überzeugt. Das habe das große Interesse am Volksbegehren „Artenschutz“ gezeigt. Mit den bisherigen Maßnahmen habe das Land Maßstäbe „bis nach Brüssel„ gesetzt.

Auf der Blattform, der markanten Aussichtsplattform auf dem Galgenberg: Hier erläuterte Florian Sauter (links) von der Stadtverwaltung die Gewässer-Maßnahmen, Astrid Kohl, stellvertretende Geschäftsführerin des Landschaftserhaltungsverbands Konstanz (rechts), stellte die Magerwiesen vor.
Auf der Blattform, der markanten Aussichtsplattform auf dem Galgenberg: Hier erläuterte Florian Sauter (links) von der Stadtverwaltung die Gewässer-Maßnahmen, Astrid Kohl, stellvertretende Geschäftsführerin des Landschaftserhaltungsverbands Konstanz (rechts), stellte die Magerwiesen vor.

„Wir machen das für die nachfolgenden Generationen. Wir müssen alles tun, damit die Roten Listen (der gefährdeten Tier- und Pflanzenarten) kürzer werden“, betonte der Umweltminister. Das Projekt wird von der Landesanstalt für Umwelt Baden Württemberg betreut. Singen und Umgebung biete einzigartige Lebensräume, so Präsidentin Eva Bell. Aber nicht nur diese seien ausschlaggebend gewesen.

Auf den geschützten Magerrasen wachsen seltene Pflanzen wie die Karthäuser-Nelke. Die Wiesen sind ungedüngt und werden nur einmal pro Jahr gemäht. Wichtig ist die Entbuschung für die Flora.
Auf den geschützten Magerrasen wachsen seltene Pflanzen wie die Karthäuser-Nelke. Die Wiesen sind ungedüngt und werden nur einmal pro Jahr gemäht. Wichtig ist die Entbuschung für die Flora. | Bild: Holle Rauser

„Singen hat bei seiner Auswahl durch die örtlichen Initiativen überzeugt, denn je mehr Personen an einem Strang ziehen, umso mehr lässt sich erreichen“, so Bell. Die Ehrenamtlichen hätten sich mit viel Fachwissen und Herzblut beteiligt. Auch die Bohlinger selbst: Die Gemeinde pflanzte laut Ortsvorsteher Stefan Dunaiski Streuobstbäume, deren Ertrag in der Mosterei vor Ort verarbeitet werden soll. „Streuobst ist hier „Weltkulturerbe““, sagte Dunaiski. „Es liegt uns viel daran, das zu erhalten“.

Ein fast verblühter „Magerrasen“ am Galgenberg. Solche Wiesen gehören zu den artenreichsten Lebensräumen in Mitteleuropa. Hier wachsen seltene Pflanzen wie der Schwarzwerdende Geißklee oder die Karthäuser-Nelke.
Ein fast verblühter „Magerrasen“ am Galgenberg. Solche Wiesen gehören zu den artenreichsten Lebensräumen in Mitteleuropa. Hier wachsen seltene Pflanzen wie der Schwarzwerdende Geißklee oder die Karthäuser-Nelke. | Bild: Holle Rauser

Gerne hätte man die Obst- und Magerwiesen auf dem Rundgang gezeigt, sagte Sindy Bublitz von der städtischen Umweltschutzstelle, Bereich Naturschutz, wegen der Nässe verschafften sich die Teilnehmer aber von der Bohlinger „Blattform“ aus einen Überblick über die Ökomaßnahmen. Der Umweltminister konnte dem widrigen Wetter übrigens trotzdem etwas abgewinnen: Der Wald brauche das Wasser, so Untersteller mit Blick auf den Schienerberg, dessen Bäume auch unter Trockenheit und Borkenkäfer leiden.

Auf der Blattform, der markanten Aussichtsplattform auf dem Galgenberg: Hier erläuterte Florian Sauter (links) von der Stadtverwaltung die Gewässer-Maßnahmen, Astrid Kohl, stellvertretende Geschäftsführerin des Landschaftserhaltungsverbands Konstanz (rechts), stellte die Magerwiesen vor.
Auf der Blattform, der markanten Aussichtsplattform auf dem Galgenberg: Hier erläuterte Florian Sauter (links) von der Stadtverwaltung die Gewässer-Maßnahmen, Astrid Kohl, stellvertretende Geschäftsführerin des Landschaftserhaltungsverbands Konstanz (rechts), stellte die Magerwiesen vor.

Das sind die Bausteine für Biodiversität

  • Das Pilotprojekt: 2015 wurde die Stadt Singen als eine von vier Modellgemeinden in Baden-Württemberg für das Pilotprojekt zur Umsetzung des Fachplans „Landesweiter Biotopverbund ausgewählt. Damit sollten Erfahrungen für die Umsetzung des Fachplans gesammelt werden. Der Biotopverbund für das gesamte Gemeindegebiet Singen umfasst 409 Hektar an Kernflächen. Diese beherbergen schützenswerte Lebensräume mit charakteristischen Tier- und Pflanzenarten. Sie sind die „Quellgebiete“ für ihre Umgebung und sollen mit verschiedenen Biotopbausteinen vernetzt werden, damit sich Arten in der Landschaft ausbreiten können und ein genetischer Austausch stattfinden kann.
  • Leitung und Partner: Federführend bei der Planung ist die Landesanstalt für Umwelt Baden Württemberg. Die Landschaftserhaltungsverbände und örtlichen Naturschutzverbände sind wichtige Partner. Das Biodiversitätsstärkungsgesetz, erlassen am 22. Juli, entstand aus dem Volksbegehren „Artenschutz – Rettet die Bienen“ und sieht unter anderem vor, dass bis 2030 auf 15 Prozent der Offenlandfläche ein Biotopverbund eingerichtet wird. In den Doppelhaushalt 2020/21 hat das Land 62 Millionen Euro für die Umsetzung des Biodiversitätsstärkungsgesetzes für Naturschutz und ökologische Landwirtschaft eingestellt. Weitere 36 Millionen Euro gibt das Land für das Sonderprogramm biologische Vielfalt aus.

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