Die Stadt Singen steht hinsichtlich der Kinderbetreuung vor einer Herausforderung. Das räumt die Stadtverwaltung auf Nachfrage ein und das merken Eltern, die einen Platz für ihren Nachwuchs suchen. "Du bist aus Singen, wenn Du dich auch so über diese Kitaplatzvergabe aufregen kannst wie ich", schrieb neulich eine junge Mutter in einer Gruppe des sozialen Netzwerks Facebook. Die Resonanz war groß: In über 30 Kommentaren schilderten andere ihre Erfahrungen. Und die reichen von "alles super geklappt" bis "Absagen absagen absagen". Annika Klotz ist Vorsitzende des Gesamtelternbeirats und sagt: "Es gibt insgesamt zu wenige Plätze." Die Wartezeit von Eltern reiche von einem bis zu 20 Monaten. Und die Stadtverwaltung bestätigt, dass es in jeder Einrichtung Wartelisten gibt.

Platz erst September 2020 in Sicht

Jessica hat die Diskussion im Internet gestartet. Ihren vollständigen Namen möchte sie nicht in der Zeitung lesen, weil sie bei der Jobsuche Nachteile fürchtet. Doch ihre Situation beschreibt sie gerne: "So wie es aussieht, wird mein Sohn erst im September 2020 einen Platz bekommen. Mit vier Jahren! Wenn wir denn dann Glück haben." Dabei ist ihr aus verschiedenen Gründen wichtig, dass ihr Sohn betreut wird: Sie müsse wieder arbeiten und der Kleine brauche den sozialen Kontakt mit anderen. "Ab einem gewissen Punkt kann ich ihm einfach nicht mehr geben, was er in einer Gruppe lernen kann."

"Vakuum des Wartens" auch wegen Anmeldung via Portal

Doch die Suche nach einem Kitaplatz ist lang und teils umständlich. Eltern müssen dafür in Singen das Portal Little Bird nutzen, was auch für Kritik sorgt: "Es entsteht ein Vakuum des Wartens", sagt Gesamtelternbeirats-Vorsitzende Annika Klotz. Teilweise würden Monate vergehen, während derer Eltern nicht wissen, was passiert. Annika Klotz erlebte die lange Wartezeit bei ihrem eigenen Sohn: Nach der Geburt im November meldete sie im Januar einen Betreuungsbedarf an. Eine grobe Zusage erhielten sie erst im Sommer, den Platz erst Anfang Februar. "Wir haben vier Monate überbrücken müssen", denn Wunschtermin war Oktober.

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"Dann wartest du, bis es Absagen hagelt... aber zu diesem Zeitpunkt haben alle anderen Einrichtungen auch schon ihre Plätze vergeben", schildert Laura Fuchs ihre Erfahrung. Sie ist ebenfalls eine betroffene Mutter und kann nach eigenen Angaben noch keine neue Arbeit suchen, weil die Betreuung ihrer Kinder nicht gesichert ist. Ihr zweijähriger Sohn werde in einem Ersatzangebot betreut, aber nur je vier Stunden von Dienstag bis Freitag. Doch vom Betreuungsplatz hängt mitunter der Arbeitsplatz ab. Eine Mutter, die anonym bleiben möchte, berichtet, dass sie im Februar eine Zusage erhielt, dass ihr Sohn ab März einen Kitaplatz hat – da muss der Arbeitgeber spontan sein. Das sei in der Regel aber kein Problem, sagt Bürgermeisterin Ute Seifried. Sie erhalte selten die Rückmeldung, dass eine Rückkehr problematisch verlaufe. Vielmehr würden sich inzwischen auch Arbeitgeber selbst um Lösungen bemühen. So sei die Stadt derzeit in Gesprächen mit dem Klinikum, weil dort der Bedarf außerhalb des städtischen Angebots von 6.30 bis 17 Uhr gefragt sei. Daher arbeite man nun gemeinsam an Modellen, die das Klinikum als Arbeitgeber mitfinanziere.

Absolute Flexibilität nicht mehr leistbar

Flexibilität brauche es auch seitens Stadtverwaltung: Weil der Bedarf der Eltern so vielfältig sei, kommen die Einrichtungen an die Grenze des Leistbaren. Leonie Braun ist Abteilungsleiterin der Stadt für den Bereich Kindertageseinrichtungen und beschreibt ein Szenario, in dem Eltern ihr Kind sechs Stunden lang betreuen lassen. Bisher konnten sich Eltern aussuchen, ob sie ihr Kind von 7 bis 13 oder 10 bis 16 Uhr bringen. Doch das sei bei der Personalplanung so schwierig, dass man das so nicht mehr leisten könne. "Ich kann diese absolute Flexibilität nicht mehr bieten, ohne mein Personal zu verheizen." Deshalb sollen nun weniger Optionen zur Auswahl stehen, beispielsweise von 7 bis 13 oder 8 bis 14 Uhr. Und wer sein Kind nachmittags betreuen lassen möchte, müsse eine Ganztagesbetreuung wählen.

Wie die Stadt die Situation sieht: Angespannt

Einen zentralen verbindlichen Vergabetermin für die Kinderbetreuung gibt es nicht mehr, wie Achim Eickhoff als Pressesprecher der Stadt erklärt. Allerdings seien alle Kitas sehr bemüht, die durch Schulkinder frei werdenden Plätze für den jeweils kommenden September bereits im Frühjahr verbindlich zu vergeben. Einige der Einrichtungen werden in den nächsten Wochen ihre freien Plätze vergeben, wie Leonie Braun erklärt. Es könne gut sein, dass auch die Söhne von Laura und Jessica dann einen Platz zugesagt bekommen.

Eickhoff empfiehlt aufgrund der angespannten Situation in den Kitas möglichst viele Vormerkungen in verschiedenen Einrichtungen – und das mindestens sechs Monate vorab. "Familien, die ihre Wahl nur auf ein oder zwei Kitas begrenzen, müssen häufig sehr lange auf den gewünschten Platz warten." Das Portal selbst helfe der Stadtverwaltung, die jährliche Bedarfsplanung zu erstellen. Das habe auch Vorteile für die Eltern: "Sie müssen nicht mehr in alle Kitas gehen, um eine Vormerkung abzugeben. Doppelanmeldungen oder Missverständnisse bei mehreren Vormerkungen in den Kitas werden durch das System verhindert."

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Nicht jedes Kind kann direkt vor Ort betreut werden

Dennoch sehen viele Eltern die Betreuung ihrer Kinder als Problem. "Man muss regelrecht um einen Platz betteln und hat beim besten Willen nicht mehr die Wahl, welcher Kindergarten es werden soll", sagt Laura Fuchs. Jessica wurde ein Platz in Beuren angeboten, obwohl sie am Rand der Nordstadt wohnt. Achim Eickhoff bestätigt: "Wenn in einem Ortsteil noch Plätze in einer Kita frei sind, jedoch in der Wohnortnähe der Eltern nicht, so wird den Eltern der Platz im Ortsteil angeboten." Vorausgesetzt, im Ortsteil gibt es kein Kind, das diesen Platz nutzen möchte. In solchen Situationen suche die Stadtverwaltung auch das Gespräch mit Betroffenen: Nachdem durch einen Container in Beuren neue Kitaplätze entstanden und manche Eltern sagten, dass sie diese ohne Auto nicht hätten nutzen können, hat die Stadt laut Braun ein Sammeltaxi organisiert.

Doch solche Lösungen allein reichen nicht: "Wir werden wieder bauen", sagt Bürgermeisterin Ute Seifried und verweist dafür nicht nur auf eine neue Einrichtung in der Nordstadt, sondern auch auf ein mögliches weiteres Bauprojekt, das im Juli im Ausschuss und Gemeinderat besprochen werden soll. Auch in der Südstadt bemühe man sich derzeit um eine neue Lösung.

Gerichte haben laut Annika Klotz entschieden, dass 30 Minuten Fahrtweg zumutbar seien. Sie selbst habe die Erfahrung gemacht, dass für Eltern letztlich pragmatische, praktische Argumente wie Öffnungszeiten und Erreichbarkeit zählen. Um pädagogische Konzepte gehe es dann nur noch selten.

Geklagt hat in Singen noch niemand

Was wünscht sich Annika Klotz als Gesamtelternbeiratsvorsitzende? Da muss sie nicht lange überlegen: Die Stadt solle ihre Bemühungen intensivieren, Auszubildende zu gewinnen. Denn neben Plätzen fehle es besonders an Personal. "Ich habe immer freie Stellen", bestätigt Leonie Braun. Die Stadt versuche, attraktiver Arbeitgeber zu sein und Chancen wie eine praxisintegrierte Ausbildung für Erzieher zu nutzen.

"Die Alternative ist, dass die Eltern irgendwann klagen müssen", sagt GEB-Vorsitzende Annika Klotz. Denn Eltern haben einen Rechtsanspruch darauf, dass ihre Kinder betreut werden. Geklagt hat laut Stadtverwaltung aber bisher noch niemand.

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