Andreas Egger spricht von einer Explosion. Er benutzt das Wort aber nicht etwa, um einen besonders spektakulären Einsatz zu beschreiben. Nein, was da explodiert, ist die Summe der Einsätze – und damit die schiere Masse an Aufgaben, die der Kommandant der Singener Feuerwehr und seine Kollegen zu bewältigen haben. "In den Jahren 2009 bis 2011 haben wir im Schnitt 250 Einsätze im Jahr gefahren", erklärt Andreas Egger. "Jetzt sind es 450!" Im Unwetterjahr 2016 sei die Freiwillige Feuerwehr Singen sogar 531 mal ausgerückt.

Eine beunruhigende Tendenz, wie Egger dem Gemeinderat kürzlich anhand eines Schaubilds verdeutlichte. Abgebildet waren zehn Balken, die die Einsatzzahlen der vergangenen zehn Jahre symbolisierten. Eine von links unten nach rechts oben verlaufende Linie, die die Balken miteinander verband, dokumentierte den kontinuierlichen Anstieg von Einsätzen im vergangenen Jahrzehnt.

Das Problem: Die Personalentwicklung kann mit dieser Steigerung nicht mithalten. Die Zahl der Feuerwehrleute sank im Vergleich zum Vorjahr um 15 Personen auf 482, heißt es im Jahresbericht 2017. "Während die Einsätze explodieren, stagniert die Anzahl der Mitglieder", betont Egger. "Da ist es nur logisch, dass die Belastung für unsere Ehrenamtlichen zunimmt." Hinzu komme, dass die Anforderungen bei Wartung und Prüfung der Geräte im Vergleich zur Vergangenheit zugenommen hätten. Als Beispiel zieht der Kommandant das Feuer beim Müllentsorgungsbetrieb Alba heran. Drei Wochen habe es gedauert, Atemschutzgeräte, Schläuche, Fahrzeuge und Einsatzkleidung auf Vordermann zu bringen und alles entsprechend zu dokumentieren.

Alarm wegen Staub und Spinnen

Beklagen möchte sich Andreas Egger über diese Art von Löscheinsatz trotz allem Aufwand aber nicht. Was ihm Sorge bereitet, ist viel mehr, dass er und seine Kollegen immer öfter zu Einsätzen gerufen werden, die sich als Fehlalarme entpuppen. Das ist im vergangenen Jahr im Schnitt knapp alle zweieinhalb Tage vorgekommen. Gerade Brandmeldeanlagen größerer Betriebe und Einrichtungen seien problembehaftet. Im Falle von Flüchtlingsunterkünften müsse es dem Landratsamt noch besser gelingen, den Bewohnern zu kommunizieren, was es beim Thema Brandschutz zu beachten gibt. In Industriebetrieben wiederum würden die Brandmeldeanlagen zum Teil nicht oft genug gewartet, beobachtet der Kommandant. "Dann lösen die Brandmelder aus, weil sich Staub oder achtbeinige Bewohner eingenistet haben."

Solche Einsätze sind für Egger und seine Mannschaft frustrierend. Im Vergleich zu Unwettern und Brandkatastrophen wären sie recht einfach zu vermeiden gewesen. Leider kommen sie aber so häufig vor, dass es überhaupt erst zu der von dem Kommandanten angesprochenen Explosion kommen konnte.

Vom Fehlalarm bis zum Waldbrand

Nicht nur in Singen reagieren die Feuerwehrleute auf steigende Einsatzzahlen und Belastungen durch Fehlalarme. Der SÜDKURIER hat sich erkundigt, mit welchen Herausforderungen man in Engen und Gottmadingen kämpft. Im Hochsommer nimmt das Thema Waldbrand eine entscheidende Rolle in den Planungen der Feuerwehren im Hegau ein.

  • Probleme am Tag: Auch der Kommandant der Feuerwehr Engen, Dieter Fahr, spricht davon, dass die Einsatzzahlen zunehmen. "Die Tendenz ist steigend", erklärt der Engener Kommandant. Gerade tagsüber, wenn die ehrenamtlichen Mitglieder ihrer normalen Arbeit nachgehen, habe jede Freiwillige Feuerwehr Probleme. Trotzdem ist Fahr froh: Im laufenden Jahr habe man noch nicht häufiger ausrücken müssen als zum gleichen Zeitpunkt im Vorjahr.
  • Bürger sind gefragt: Das Problem von Fehlalarmen ist Stefan Kienzler, Feuerwehr-Kommandant von Gottmadingen, nur allzu gut bekannt. "Das ist eine zusätzliche Belastung", betont er. "Gerade, weil die Kollegen beruflich und familiär eingebunden sind – und die Feuerwehraufgaben im Ehrenamt passieren." Kienzler würde sich manchmal mehr bürgerliches Engagement wünschen. Man müsse nicht immer gleich die Feuerwehr rufen. Als Beispiel nennt er einen Fall, bei dem die Gottmadinger Wehr gerufen wurde, um einen halben Schubkarren voll Kies von einer Straße zu entfernen.
  • Vorbereitet für den Waldbrand: Der Waldbrandgefahren-Index des Deutschen Wetterdienstes weist für den Hegau die höchste Gefahrenstufe aus. Stefan Tröndle, Medienbeauftragter der Feuerwehr Singen, sieht sich für den Ernstfall gerüstet. "Wir sind auf das Thema Flächenbrände vorbereitet." Utensilien zum Totklopfen der Flammen stünden ebenso bereit wie wasserführende Fahrzeuge. Zudem verfüge man über die Möglichkeit, Wasser in 20 000-Liter-Behältern in abgelegenere Gebiete zu transportieren. In den vergangenen Jahren kann ich mich an keinen Waldbrand erinnern – wir führen aber regelmäßig Übungen durch", erklärt Tröndle. (das)