Es gehört zu den größten Freuden der Seeanrainer im Ausklang eines langen, nebeltrüben Winters am Bodensee: das mögliche Zufrieren eines Teils des Untersees und damit die Gelegenheit, die Landschaft auf Schlittschuhen zu erkunden und stundenlang im Freien zu sein – oft bei gutem Wetter.

Das müsste bei der jetzigen Kälte doch auch möglich sein, oder?

Dass es dieses Jahr noch dazu kommt, ist allerdings sehr unwahrscheinlich. Das liegt an der Wetterlage: Im Moment ist es zwar sehr kalt, aber auch sehr windig. Max Tilzer, pensionierter Professor für aquatische Ökologie, erläutert die Hintergründe: "Dass der Untersee zufriert, dazu war es nicht lang genug kalt". Drei bis vier Wochen Kälte seien dazu nötig und vor allem einige windstille Tage. "Begünstigend sind die Strahlenfröste: wenn die Luft sehr klar und trocken ist und die Wärme abstrahlt", sagt Tilzer, dann sei auch eine klare windstille Nacht ausreichend, dass sich eine dünne Eisdecke bilde.

Diese Einschätzung bestätigt Martin Wessels, stellvertretender Leiter des Instituts für Seenforschung in Langenargen: "Im Moment ist es zu windig". Der Wind durchmische das kältere Wasser mit wärmeren Wasserschichten, so dass es in Bewegung bleibe und nicht gefrieren könne. Bei sehr extremen Temperaturen könne aber auch bewegtes Wasser gefrieren. Große Hoffnungen macht er den Eislauffreunden aber nicht: "Solange wir diese Wetterlage haben, wird es kaum passieren."

Aber man sieht doch überall schon gefrorene Uferbereiche

Dass Teile des Sees zufrieren, dazu gehören weitere Faktoren: beispielsweise, dass das Wasser sehr flach ist. Daher habe der Untersee, der ein vom Obersee im Prinzip getrenntes Gewässer ist, deutlich bessere Chancen, zuzufrieren, erläutert Tilzer. Durch das wesentlich flachere Wasser habe der Untersee weniger Wärmespeicher. Zudem habe er einen niedrigeren Wasserspiegel und weise auch sonst andere Merkmale auf, beispielsweise eine ausgedehnte Röhrichtzone am Ufer. Der Obersee hingegen habe bei durchschnittlich 100 Metern Tiefe enorme Mengen an Wärme gespeichert. Dass er zufriere, komme nur etwa alle 80 Jahre vor.

Kleine Völkerwanderung: Als im Jahr 1963 auch der Obersee zufror, war ein sehr großer Teil der Bevölkerung auf dem Eis. Bild: L. Fecker
Kleine Völkerwanderung: Als im Jahr 1963 auch der Obersee zufror, war ein sehr großer Teil der Bevölkerung auf dem Eis. Bild: L. Fecker

Mit einer geschlossenen Eisdecke rechnet auch Michael Blum, Sprecher der Wasserschutzpolizei auf der Reichenau, nicht mehr. "Es gibt noch kein tragfähiges Eis auf der Reichenau", sagt er und fügt aus Erfahrung hinzu: Solange der Wind so stark bleibe und fast jeden Tag Sturmwarnung auf dem See herrsche, bildeten sich auch in Ufernähe nur kleine Flächen Eis.

Wird das Eis eigentlich noch freigegeben?

Sobald größere Flächen des Sees zufrören und viele Menschen auf dem Eis seien, sei die Wasserschutzpolizei besonders aufmerksam. Wenn Beamte der Wapo am Ufer sind, weisen sie Eisläufer auf mögliche Gefahren hin und warnen davor, sich zu weit hinaus zu wagen. Grundsätzlich aber gilt: "Jeder betritt das Eis auf eigene Gefahr." Etwa seit 30 Jahren werde das Eis nicht mehr "freigegeben". Damals traf das Landratsamt diese Entscheidung. Es sei heute aber nicht mehr möglich, dafür zu haften, dass Personen sich auf dem Eis in mögliche Gefahr begäben. Dennoch: Verboten ist es nicht, auf dem Eis Schlittschuh zu laufen oder zu spazieren.

Na klar, im Zweifel kommt ja auch die DLRG, oder?

Akut wird es auch für die DLRG erst, wenn viele Menschen auf dem Eis sind. In der Regel werde dann an Wochenenden eine "Sitzbereitschaft", die aus einem Einsatztaucher und Führungskräften bestehe, in Konstanz eingerichtet, erläutert Clemens Menge, Vorsitzender der DLRG Konstanz. Die DLRG verfügt über ein Eisrettungsgerät, ein Hansa-Board, mit dem die Retter in der Lage sind, jemanden aus einem Eisloch zu ziehen, ohne sich selbst zu gefährden. Eine Eisrettung ist allerdings sehr personalintensiv: Neben demjenigen, der den Verunfallten aus dem Wasser zieht, seien meist mindestens fünf Personen im Einsatz, oft auch mehr. Die größte Gefahr liegt in der Regel im Zeitfaktor. Bei eisigen Temperaturen kann ein Mensch im Wasser nur kurz überleben. Bis die DLRG vor Ort sei, könne es bis zu 15 Minuten dauern, so Menge.

Was muss man beachten, wenn der See doch noch friert?

Den Spaß auf dem Eis will Menge aber niemandem nehmen: "Wenn man weiß, was man tut, kann man Eislaufen, zumal, wenn man den Seeboden unter dem Eis sieht", sagt er. In flachen Bereichen könne man sich beim Schlittschuhlauf kaum mehr als nasse Füße holen. Doch dazu wird es in diesem Jahr vermutlich nicht mehr kommen.

Die Aussichten

  • Temperatur: Dienstag und Mittwoch sollen die kältesten Tage in Konstanz werden, wie Thomas Schuster vom Deutschen Wetterdienst (DWD) mitteilt. Die Höchsttemperatur heute soll bei minus sechs Grad liegen, nachts wird es bis neun Minusgrade kalt. Ab Mittwoch steigen die Temperaturen, am Donnerstag bis minus ein Grad, am Freitag bis plus vier.
  • Wind und Wasser: Es handle sich um „normale Windböen Nordost“. Die Wassertemperatur des Sees liegt derzeit bei zwei Grad. Der Pegel liegt bei 3,38 Metern.

Im Video sehen Sie Eindrücke, wie der Gnadensee 2017 als Eisfläche genutzt werden konnte.