Die Berufsfischer am Untersee beklagen seit Jahren rückläufige Fänge. Als einen der Hauptgründe sehen die Vorsitzenden Stefan Riebel und Werner Keller des Fischereivereins Untersee und Rhein die Kormorane. Jeder dieser Vögel fresse am Tag durchschnittlich 500 Gramm Fisch. Und ihre Zahl nehme stetig zu. Im vergangenen Jahr seien am Untersee im Schnitt täglich 721 der Vögel gezählt worden.

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Lisa Maier vom Bodenseezentrum des Naturschutzbundes will dies nicht so stehen lassen. Die Biologin und Umweltwissenschaftlerin ist beim Nabu unter anderem für Wasservögel zuständig. Der Kormoran werde hier zum Sündenbock gemacht. „Es gibt keinen einzigen wissenschaftlichen Hinweis, dass der Kormoran einen Einfluss auf den Rückgang der Fischarten hat“, sagt Maier. Wenn, dann sei dieser verschwindend gering.

Es gebe vielmehr andere Gründe, erklärt sie, wie etwa das geringere Nahrungsangebot, weil weniger Phosphat im Wasser ist als noch in den 70er-Jahren. Genau dies beklagen die Fischer natürlich auch, haben aber eingesehen, dass dies so bleiben wird. Als weiteren Grund nennt Maier den Klimawandel, das Wasser werde wärmer, wovon manche Fischarten profitieren, andere leiden würden.

Massen von Stichlingen im See

Und eingeschleppte Arten seien ein Problem – so etwa der Stichling, erklärt Maier. „Momentan wird untersucht, ob der nicht in Konkurrenz zum Felchen tritt.“ Von dieser maximal sechs bis sieben Zentimeter langen Fischart, die für die Fischer nicht nutzbar ist, gebe es Massen im See, so Maier. Und sie berichtet, dass in den Mägen von vielen untersuchten Kormoranen vor allem Stichlinge gefunden worden seien.

Dem widerspricht Riebel vehement: „Das stimmt überhaupt nicht.“ Dazu gebe es Studien. Natürlich könne es sein, dass ein Kormoran mal in einen Schwarm Stichlinge stößt und viele fresse, aber: „Das ist eher die Ausnahme.“ Und ebenso stoße der Kormoran auch in Schwärme junger Kretzer. „Das ist ein nachhaltiger Schaden, weil die noch nicht gelaicht haben.“

Keine stetige Zunahme der Brutpaare

Immerhin in einem sind sich die Fischer und Maier einig. „Der Kormoran frisst, was da ist“, so die Biologin. Sie bestreitet aber auch, dass es eine stetige Zunahme gebe. Im Gegenteil. Die Fischer hatten berichtet, dass in der neuen Brutkolonie im Wollmatinger Ried im vergangenen Jahr die Zahl der Brutpaare von 40 auf 120 gestiegen seien. Maier erklärt, nach Zählung des Nabus seien es 95 gewesen und aktuell sogar nur 30 Nester. Und hierbei handele es sich um eine Verlagerung, weil die Brutkolonie bei der Radolfzeller Aach zusammengebrochen sei.

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Letzteres vermutet Riebel zwar auch, doch entscheidend sei nicht die Zahl der Nester in dieser Kolonie, weil die Komorane auch größere Strecken auf der Jagd fliegen. Entscheidend sei die oben genannte Zahl der Vögel. Und demnach hätten diese Kormorane allein am Untersee zusammen rund 125 000 Kilogramm Fisch gefressen im Vorjahr. Bei den Untersee-Fischern waren es knapp 98 000 Kilo. „Der Kormoran entnimmt die größte Masse an Fisch aus dem See noch vor dem Menschen“, so Riebel. „Wenn das keinen Einfluss hat auf die Fänge, was hat dann einen Einfluss?“

„So funktioniert die Natur“

Maier dagegen meint, sie gehe nicht davon aus, dass die Zahl der Kormorane stark steigen werde. „Der Kormoran wird reguliert durch das, was er fängt.“ Wenn es den Vögeln zu mühsam werde, Beute zu machen, suchten sie neue Reviere – wie sonst auch in der Tierwelt in Räuber-Beute-Beziehungen. „So funktioniert Natur.“