Masken zum Schutz vor einer Corona-Infektion gehören mittlerweile zu unserem Alltag. Wir tragen die Verhüllung beim Einkaufen, in öffentlichen Gebäuden, auf dem Weg zum Platz im Restaurant. Einige Menschen können allerdings aus gesundheitlichen Gründen keine Maske tragen. Marc Kunze geht es so. Er ist mehrfach vorerkrankt. Ein Attest bescheinigt ihm, dass er keine Maske tragen muss. Immer wieder wird er angegriffen, weil er keine Maske trägt – verbal und sogar körperlich. In seiner Selbsthilfegruppe melden sich viele, denen es ähnlich geht.

Marc Kunze leidet seit seiner Geburt an einer genetisch bedingten Erkrankung, der Ichthyose oder Fischschuppenkrankheit. Bei der Krankheit gerät die Erneuerungsfunktion der Haut aus dem Gleichgewicht. Kunze berichtet: „Meine untere Hautschicht wächst schneller als die obere. Dadurch verhornt meine Haut und die Hautporen verschließen sich.“ Täglich zwei Stunden benötigt Kunze für die Körperpflege und zum Entfernen der Hautschuppen. Sonne und Hitze muss er meiden, denn seine Haut kann nicht schwitzen.

Neue Schwierigkeiten durch die aktuelle Situation

Die Krankheit wirkt sich auch auf die inneren Organe aus. Seine Lebenszeit sei erheblich verkürzt, teilten ihm Ärzte mit, wahrscheinlich würde er nur 30 Jahre alt. „Doch inzwischen bin ich 34 geworden“, erzählt er. Vor zehn Jahren erlitt er zusätzlich einen schweren Autounfall. Ein Verkehrsteilnehmer nahm ihm die Vorfahrt. Kunze trug ein Schleudertrauma davon und leidet bisher unter dem HWS-Syndrom, unter Schmerzen im Nacken- und Halswirbelsäulenbereich.

Auf den ersten Blick sind dem athletischen jungen Mann seine Krankheiten nicht anzusehen. In der Abendsonne an der Radolfzeller Mole erzählt er, entspannt lächelnd, nach langjähriger psychologischer Unterstützung könne er heute gut mit den Beeinträchtigungen leben. Er hat für beide Erkrankungen eine Selbsthilfegruppe gegründet und hilft anderen. Doch in der aktuellen Situation ergeben sich für ihn neue Schwierigkeiten. Da die Herztätigkeit, die Atmung und der Kreislauf von der Ichthyose beeinträchtigt sind, kann er keine Maske tragen. In Geschäften, beim Einkaufen, sei er deshalb schon oft beschimpft worden.

In einigen Fällen sind die Beleidiger auch handgreiflich geworden

Ihm würden Sätze entgegen geschrien wie: „Da ist ein Maskenverweigerer unterwegs!“, „Der gefährdet uns alle!“ Kunze erzählt, er bemühe sich, ruhig und freundlich zu bleiben. Viel entgegne er nicht auf solche Anschuldigungen. Er habe die Erfahrung gemacht, dass Menschen, die so etwas sagen, oft nicht zugänglich für Erklärungen sind. In einigen Fällen seien die Beleidiger allerdings auch handgreiflich geworden.

Kunze berichtet, trotz allem komme er mit der Situation klar. Ausgrenzungen sei er seit seiner Kindheit gewohnt. Was ihn bewogen habe, nun öffentlich über dieses Thema zu sprechen, sei, dass viele Personen, die aus gesundheitlichen Gründen keine Maske tragen können, ähnliche Erfahrungen machten und sehr darunter litten. Er wolle dafür sensibilisieren, dass nicht jeder, der keine Maske trägt, ein Kritiker der Corona-Politik ist oder sich über die Gesundheit anderer keine Gedanken macht. In seinen Selbsthilfegruppen hätten sich Hunderte von Personen per Mail, auf sozialen Netzwerken oder telefonisch gemeldet.

Mancher hat sich sogar schon das Leben genommen

Vor allem Frauen und ältere Personen würden in der Öffentlichkeit verbal angegriffen. Kunze rät, freundlich und respektvoll zu bleiben, die Angriffe zu ignorieren oder auch das Attest zu zeigen, wenn sich eine Situation dadurch entschärfen lässt. Doch mit diesem Problem so gelassen umzugehen, gelingt nicht allen Betroffenen. Mehrere hätten Selbstmordgedanken, berichtet Kunze. Vier Personen, mit denen er in Kontakt stand, hätten sich tatsächlich das Leben genommen, erzählt er weiter.

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