Der Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist. Künstler Gunter Demnig möchte die Namen der Opfer des NS-Regimes nicht in Vergessenheit geraten lassen. Aus diesem Grund verlegt er seit Jahren Stolpersteine, die an die Menschen, die von den Nationalsozialisten verfolgt und ermordet wurden, erinnern sollen.

Die vierte Verlegung der Stolpersteine in Radolfzell zog viele Besucher an, die an dieser Gedenkstunde für die Opfer des NS-Regimes teilnehmen wollten.
Die vierte Verlegung der Stolpersteine in Radolfzell zog viele Besucher an, die an dieser Gedenkstunde für die Opfer des NS-Regimes teilnehmen wollten. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Am Donnerstag verlegte er zum vierten Mal fünf weitere Stolpersteine in drei Straßen Radolfzells. Diese sollen an Hermine Bauer, Josepha Trost und die Schwestern Anna, Agnes und Josefine Fetzer erinnern. Josepha Trost ist ein Euthanasie-Opfer, die anderen vier Frauen sind zwangssterilisiert worden.

Der Stolperstein für Josepha Trost.
Der Stolperstein für Josepha Trost. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Besonders die Geschichte von Josefine Fetzer ist auch eng mit der aktuellen Radolfzeller Geschichte verwoben. Denn der bekannte Narrenspruch „Fezer, Fezer Fine, alte Dreschmaschine, duesch etz d Händ weg!“ der Narrizella Ratoldi bezieht sich auf diese Frau.

Narrizella-Präsident Martin Schäuble während seiner Ansprache.
Narrizella-Präsident Martin Schäuble während seiner Ansprache. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Narrizella-Präsident Martin Schäuble sprach anlässlich der Stein-Verlegung dazu und entschuldigte sich. „Wir Radolfzeller Narren sind über diesen Stein gestolpert“, sagte er. Interne Recherchen, wann genau und wie dieser Vers entstanden sein soll, seien ins Leere gelaufen.

Doch nun sehe man den oberflächlich harmlos wirkenden Reim ganz anders. „Es verbietet sich die weitere Verwendung dieses Spruches“, so Schäuble. Die Fetzer-Schwestern lebten in den 1930er-Jahren in den städtischen Wohnbaracken im früheren Mezgerwaid. Alle drei wurden, so wie es auch Hermine Bauer ergangen war, im Zuge des Gesetzes zur Verhütung erbkranken Nachwuchses zwangssterilisiert.

Verlegung der Stolpersteine für Agnes Fetzer, Anna Fetzer und Josefine Fetzer.
Verlegung der Stolpersteine für Agnes Fetzer, Anna Fetzer und Josefine Fetzer. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Im Falle von Agnes Fetzer, verheiratete Zimmermann, spielte damals auch die Radolfzeller Stadtverwaltung eine unrühmliche Rolle. Der NS-Bürgermeister Josef Jöhle regte persönlich beim staatlichen Gesundheitsamt Konstanz die Zwangssterilisation an, er bezeichnete Agnes Fetzer als „schwachsinnig“. Zum Zeitpunkt des Eingriffs im Jahr 1939 war sie zum vierten Mal schwanger. Die Schwestern lebten bis zu ihrem Tod in Radolfzell, Anna starb 1970, Agnes 1980 und Josefine 1991.

Oberbürgermeister Martin Staab.
Oberbürgermeister Martin Staab. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Für Oberbürgermeister Martin Staab seien die Opfer keine abstrakten Daten, sondern ein Teil von Radolfzell. Die Frauen seien durch die Straßen gegangen, man habe sie auf dem Markt angetroffen, diese Opfer und ihre Geschichte seien sehr real. „Dort, wo sich eine Gesellschaft selbst verletzt, muss die Narbe sichtbar bleiben“, sagte er.

Dominik und Raphael Graumann musizieren anlässlich der Verlegung.
Dominik und Raphael Graumann musizieren anlässlich der Verlegung. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Er appelierte an alle, sich für den Schutz der Mitmenschen einzusetzen. „Nicht nur gegen ein Virus, sondern gegen Hetze und Ausgrenzung“, sagte der OB. Zu vergessen sei einfach, zu verdrängen ein menschlicher Reflex. Doch dem dürfe man sich nicht hingeben, mahnte Staab.

Die Großnichte von Hermine Bauer, Christine Graumann, erzählt aus dem Leben ihrer Großtante.
Die Großnichte von Hermine Bauer, Christine Graumann, erzählt aus dem Leben ihrer Großtante. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Vor der Teggingerstraße 19 sprach Christine Graumann, die Großnichte von Hermine Bauer, über ihre eigenen Erinnerungen an ihre Großtante. Sie war zeitweise als Säuglings- und Kleinkindpflegerin tätig, kümmerte sich ihr Leben lang um den Haushalt. Nach einem Aufenthalt in der Heil- und Pflegeanstalt bei Konstanz wurde für sie wegen Schizophrenie die Zwangsterilisation beantragt.

Das könnte Sie auch interessieren

Hermine Bauer wurde 90 Jahre alt und verstarb 1997. Josepha Trost wurde im Zuge der Aktion T 4 in die Tötungsanstalt Grafeneck gebracht. Hier wurden ab 1940 Menschen mit körperlichen, geistigen und seelischen Behinderungen systematisch ermordet.

Verlegung der Stolpersteine für Josepha Trost, Hermine Bauer, Agnes Fetzer, Anna Fetzer und Josefine Fetzer am 24. September 2020.
Verlegung der Stolpersteine für Josepha Trost, Hermine Bauer, Agnes Fetzer, Anna Fetzer und Josefine Fetzer am 24. September 2020. | Bild: Schneider, Anna-Maria

Unser bestes Angebot ist wieder da: die Digitale Zeitung + das neuste iPad für 0 €