Trotz zahlreicher Probenausfälle durch die Corona-Beschränkungen nimmt das außergewöhnliche Projekt „Klangkunst und Farbenspiel„ des Böhringer Musikvereins Form an. Dirigent Marco Geigges ist Anfang des Jahres mit seiner Idee überraschend die Aufnahme ins Förderprogramm „MusikVorOrt“ des Bundesverbands Chor und Orchester (BMCO) geglückt.

„Wir wollen mit diesem Projekt eine Brücke zur Bildenden Kunst schlagen. Konkret haben wir uns zwei Kunstwerke regionaler Künstler ausgesucht, um uns musikalisch inspirieren zu lassen und gemeinsam mit einem Komponisten ein Musikstück dazu entstehen zu lassen“, erklärt Marco Geigges.

Die letzte Probe kurz vor dem Lockdown bietet denn auch ein äußerst lebendiges Szenario: An den Wänden der Mehrzweckhalle Fotos von den Atelierbesuchen, Ergebnisse von Workshops, der Aufbau einer Komposition skizzenhaft aufgezeichnet, im Raum einige Musiker ins Gespräch vertieft, andere munter im Dialog mit Marco Geigges und Komponist Matthias Bucher, wieder andere im Austausch mit den Bildhauern Heike Endemann und Joachim Schweikart und mittendrin deren Kunstobjekte, um die sich letztlich alles rankt.

Man spürt das Prickeln, das die Musiker bei dieser Reise auf Neuland begleitet. „Das ist eine einzigartige Sache. So etwas werden wir in unserer Musikerlaufbahn wahrscheinlich nicht noch einmal mal erleben“, schwärmt Peter Lingg, Vorsitzender des Musikvereins und Mitglied des Orchesters.

Die Komposition entsteht im Dialog

„Das Einmalige an diesem Community-Music-Projekt ist der partizipatorische Ansatz. Denn das wird ja keine Auftragskomposition, sondern wir überlegen uns in Workshops mit dem Komponisten gemeinsam, wie sie aussehen soll“, macht Marco Geigges deutlich. Zum Projekteinstieg setzte man sich mit Stücken auseinander, die Kunst zum Thema haben wie die Tongemälde „Bilder einer Ausstellung“ von Modest Mussorgsky und „Dutch Master Suite“ von Johan de Mej. Parallel dazu hielt man mit einer größeren Gruppe Musiker in örtlichen Ateliers und Gärten Ausschau nach einem inspirierenden Kunstobjekt.

„Wir haben dann nicht, wie ursprünglich geplant, eines ausgewählt, sondern uns für zwei Werke entschieden, die zueinander in Kontrast stehen, um diese Gegensätze in der Musik darzustellen“, so der Dirigent.

Gegensätzliche Kunstwerke aus Stein und Holz

Eher hart und kalt wirkt die weiß-gräuliche Skulptur aus Naxos-Marmor mit glatter Struktur von Joachim Schweikart – zwei geometrische Formen – ein rechter Winkel und eine Scheibe miteinander verknüpft und als „Sonnenuhr“ betitelt. Weich und warm in der Ausstrahlung hingegen zeigt sich trotz grober Struktur die eiförmige, teils gelb bemalte Holzskulptur, die Heike Endemann mit Kettensäge und Handkreissäge aus frischem, heimischem Eichenholz entstehen ließ.

„Schon beim Aussuchen gab es tolle Ideen und Gedankengänge. Es machte von Anfang an allen Spaß hier mitzugestalten“, erzählt Peter Lingg. Dann, so Dirigent Marco Geigges, ging es darum, sich einfach von den Kunstobjekten inspirieren lassen, zu spielen, was einem in den Sinn kam und sich im Musizieren zu verlieren wie in einem Labyrinth. „Die Musiker haben sich erstaunlich gut eingelassen und waren offen. Das hat schöne musikalische Gedanken hervorgebracht“, erzählt der Orchesterleiter begeistert.

Als Komponist konnte für das Projekt Matthias Bucher aus Villingen-Schwenningen gewonnen werden, im Hauptberuf studierter Musiklehrer und nebenberuflich seit vielen Jahren als Komponist und Arrangeur für namhafte Sinfonieorchester und Auftraggeber tätig. Er zeigte den Musikern im ersten Schritt auf, wie eine Komposition aufgebaut ist, welche Teile sie hat, welche Möglichkeiten es für Übergänge gibt und stellte an einem Stück verschiedene Kompositionstechniken dar. Im zweiten Schritt wurde gemeinsam überlegt, wie die Böhringer Komposition aussehen soll.

Eine Kompostition als Skizze, hier vorgestellt von Dirigent Marco Geigges (links) und Komponist Matthias Bucher.
Eine Kompostition als Skizze, hier vorgestellt von Dirigent Marco Geigges (links) und Komponist Matthias Bucher. | Bild: Marina Kupferschmid

Allzu viel will man noch nicht verraten, aber soviel, dass am Anfang ein großer Knall geplant ist. Der erste Teil der Komposition soll dann vom Stein inspiriert sein und sich musikalisch aufbauen, der zweite Teil beschreibt das Holz. Im Höhepunkt sollen sich dann die Kunstwerke begegnen.

„Die Verknüpfung von Musik und lokaler Kunst ist allein schon eine wunderbare Geschichte“, resümiert Matthias Bucher. „Dass hier die Musiker aktiv an der Komposition mitschreiben, ist auch für mich etwas Außergewöhnliches und Neues. Meist arbeitet man als Komponist ja im eigenen Kämmerlein und mit seinen eigenen Ideen, bei diesem Projekt erweitern viele Idee und Interpretationen, die von außen herangetragen werden, den Horizont beim Schreiben.“

Als „super fantastisches Projekt“ lobte die Künstlerin Heike Endemann die musikalische Auseinandersetzung mit Kunst: „Ich bin total gespannt!“ Und auch Bildhauer Joachim Schweikart freut sich. „Man zwingt die Leute auf diese Weise, sich mit Kunst zu beschäftigen. Klasse!“

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