Mal rollte die Vespa von Norman Stemmer durch Südamerika, mal zickte „Bertl“. Doch nun liegt es nicht an technischen Problemen, dass Norman Stemmer eine Pause machen muss, Corona bremst ihn aus.

Im vergangenen August berichtete der Südkurier das erste Mal über seine Reisepläne. Seitdem hat er viel erlebt, was er auch fleißig in seinem Blog vespa-gluecksritter-norman.de schreibt. „Bei fast 19.000 Kilometern und damit so viel wie sieben Mal vom Bodensee nach Moskau waren natürlich fantastische Ritte dabei“, fasst er seine bisherige Tour zusammen.

Der Vulkan Licancabur ist 5920 Meter hoch. Norman Stemmer hat ihn bezwungen.
Der Vulkan Licancabur ist 5920 Meter hoch. Norman Stemmer hat ihn bezwungen.

Dazu gehörten viele Hoch- und Tiefpunkte. Bevor er sagen konnte, „alles startet harmlos in Kolumbien„, galt es die Vespa namens Bertl erst einmal aus den Fängen des Zolls zu befreien. „Der geilste Tag meiner Reise liegt ebenfalls im kolumbianischen Abschnitt: In Bogotá habe ich bei Kolumbiens größtem Festival für klassische Motorräder gegen sieben andere Vespas ein Rennen auf der Kartstrecke vor Publikum gewonnen. Danach volles Programm. Siegerehrung, Trophäenübergabe. Abnormales Gefühl.“

Von der Schönheit überwältigt

Durch Ecuador fuhr er in nur vier Tagen. Zu unsicher war ihm die politische Lage nach den Protesten. Danach ging es tausende Kilometer entlang der peruanischen Küste Richtung Süden.

Bei einem kurzen Abstecher in die Berge wurde er das erste Mal so sehr von seinen Gefühlen überwältigt, dass er „am Straßenrand in einer Pause ob der Schönheit des Anblicks weinen musste.“ Die Fahrt dorthin führte nahe an der Cordillera Blanca entlang schneebedeckter Vier-, Fünf- und Sechstausender. Dazu niemand sonst auf der Straße.

Dieses Straßenschild im Norden Chiles fand Norman Stemmer lustig.
Dieses Straßenschild im Norden Chiles fand Norman Stemmer lustig.

Es folgte die Durchfahrt von Chile, hunderte Kilometer durch die trockenste Wüste der Welt, die Atacama. „Ganz schön zäh.“ Der Grenzübertritt nach Argentinien im Norden sei gleichzeitig die beste aller Tagesetappen.

„Der unglaubliche 421 Kilometer lange Ritt von Nordchile über die Anden entlang von Vulkanen bis zu über 6000 Meter Höhe. Wildlebende Flamingos und Lamas, entlang von Lagunen, endlosen Salzwüsten und dem Cerro de 7 colores (Berg der sieben Farben) am Ende des Tages, gerade wenn man denkt es kann nicht mehr besser kommen.“

Aktueller Standort: Los Àngeles in Chile

Die restlichen tausende Kilometer fordern Mann und Maschine alles ab. Stürze, Einsamkeit, Wind, Schmerzen und Schotterpisten lassen Norman Stemmer am Sinn seiner Reise zweifeln. Von Ushuaia geht es auf der anderen Seite wieder nach Los Ángeles in Chile, seinem aktuellen Standort.

Ushuaia: Ende der Welt, südlichste Stadt Argentiniens und südlichster Ort auf der Reise.
Ushuaia: Ende der Welt, südlichste Stadt Argentiniens und südlichster Ort auf der Reise.

„Zu den positiven Seiten zählt rückblickend irgendwie auch alles negative. Schließlich habe ich es geschafft und es hat mich auch positiv verändert. Außerdem ist die Wertschätzung, die man als Vespa-Reisender erfährt, von nichts zu überbieten“, ist sein persönliches Resümee.

Leute schenkten ihm Essen, Trinken und fragten verschüchtert nach Fotos von der Vespa, ihm oder beiden. Oftmals wird er auch aus fahrenden überholenden Autos heraus gefilmt oder fotografiert. Dazu kamen in jeder größeren Stadt herzliche Empfänge durch die dort ansässigen Vespa-Clubs.

Das Foto entstand in der Provinz Neuquen am nördlichen Rand vor Patagonien, an der Stadtausfahrt von San Martin de Los Andes. Der See heißt Lago Lacar.
Das Foto entstand in der Provinz Neuquen am nördlichen Rand vor Patagonien, an der Stadtausfahrt von San Martin de Los Andes. Der See heißt Lago Lacar. | Bild: Norman Stemmer

Auf die Frage, wie lange seine Reise noch dauere, antwortet er: „Ich denke meine Tour verzögert sich einfach nur um die Dauer des Corona-bedingten Stillstandes.“ Die Route bleibe erst mal gleich. Eventuell müsse sie wegen des Wetters anpasst werden.

Geplant ist die Weiterfahrt in den Norden bis Santiago, dann wieder über die Anden vorbei am fast 7000 Meter hohen Aconcagua nach Mendoza, Argentinien. Danach führt die Route nach Uruguay und über Paraguay nach Bolivien ehe es auf anderer Strecke als beim Runterfahren über Peru und Ecuador wieder nach Kolumbien geht.

Freiwillig in Corona-Isolation

Norman Stemmer ist in Chile zum Stillstand gekommen, weil Vespa Bertl reparaturbedürftig war. Danach sei es die bessere Entscheidung gewesen, sich freiwillig in Corona-Isolation zu begeben. Das ist er seit über einem Monat. Eine Unterkunft hat er, die Supermärkte werden ständig gefüllt.

Das Gesundheitssystem sei nicht super, aber vermutlich eines der besten in Südamerika. Er ist gesund und kann sein Visum sowie den Aufenthaltstitel von Bertl noch bis Mitte August verlängern. In Chile trägt jeder freiwillig eine Maske, im Supermarkt ist sie Pflicht. Außerdem wird an der Türe Fieber gemessen und in jedem Gang im Supermarkt hängen Alkoholgel-Spender.

Getrennt von Freunden und Familie

Mehr Sorgen als Corona machen Norman Stemmer die sozialen Unruhen, die es bereits vor Corona gab. Die aktuellen Hilfsmaßnahmen der chilenischen Regierung würden die Unruhen seiner Einschätzung nach eher verstärken. In diesem Fall kommt er nach Hause. Sonst mache es wenig Sinn, da der Abtransport der Vespa sehr aufwendig sei. Es bleibe aber das mulmige Gefühl, tausende Kilometer von der Verwandtschaft und Freunden getrennt zu sein.

Prinzipiell möchte er erst dann seine Reise wieder aufnehmen, wenn das unter moralischen Gesichtspunkten vertretbar ist. „Für mich bedeutet das zum Beispiel, nicht in Länder und Gebiete zu reisen, in denen die Krankenhäuser vor dem Kollaps stehen. Oder es bedeutet für mich, in einer Form unterwegs zu sein, in der ich niemanden anstecken kann.“ Ob das heiße, dass er die Nächte erst einmal nur noch alleine im Zelt verbringe oder beim Betreten von Hostels eine Maske trage, müsse er für sich noch herausfinden.

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Die Weiterreise werde nur wenig mit seiner Reise vorher zu tun haben, da Nationalparks wohl erst einmal weiter geschlossen bleiben. Aber er sei unabhängig, „und die bloße Fahrt von A nach B ist für mich schon Abenteuer und Erlebnis genug.“