Dass regional erzeugte Lebensmittel die Aufmerksamkeit großer Lebensmittelketten auf sich ziehen, ist nicht alltäglich. Doch ein modernes Gewächshaus in Mühlingen zeigt eine Trendwende. Beim Ortsbesuch erlauben die Verantwortlichen der Reichenau Gemüse e.G., vertreten durch ihren Geschäftsführer Johannes Bliestle, sowie Rewe-Südwest-Verantwortlicher Bernd Grassel und Gemüsebauer Benjamin Wagner einen Blick hinter die Kulissen. Das vor acht Monaten gestartete Projekt, für das Wagner rund zehn Millionen Euro investiert hat, trägt erste Früchte.

Für Benjamin Wagner war ein schlüssiges Wärmekonzept der entscheidende Faktor bei der Suche nach einem geeigneten Standort. "Die bisher ungenutzte Abwärme der rund 700 Meter entfernten Biogasanlage kann hier sinnvoll genutzt werden", erzählt er beim Rundgang durch das 40 000 Quadratmeter große Gewächshaus, in welchem aktuell die erste Ernte der im Frühjahr gepflanzten Tomaten stattfindet. Dafür brauchte Bio-Gemüsebauer Benjamin Wagner aber eine Ausnahmegenehmigung seines Anbauverbandes – nachdem der die Nutzung der regenerativen Energie erlaubte, kann Wagner dank der Abwärme aber früher und länger seine Kulturen anbauen, ohne dass er eine Heizung braucht. Hier und da greift Johannes Bliestle eine Hand voll Tomaten von den Pflanzen welche beim Rundgang durch die verschiedenen Klimazonen im Gewächshaus ebenso regen Absatz findet wie unter den Kunden in Supermärkten.

Auf die Fragen, welche Benjamin Wagner in Bezug auf Sorten und Anbau gestellt werden, hat er stets schnell eine Antwort parat. Gegen Krankheiten setzt er beispielsweise auf eine generelle Stärkung der Pflanzen im Vorfeld. Eine optimale Versorgung des Bodens mittels Grünkompost, Hornspänen oder Mehl sei für ihn die Basis einer gesunden Pflanze und einer zufriedenstellenden Ernte. Seine Mitarbeiter, so stellt er zwischen den Fragen zu Gurken und Paprika dann fest, seien ebenso wichtig wie viele andere Faktoren in seinem Betrieb. Es werde immer schwieriger, gute und vor allem motivierte Mitarbeiter zu bekommen. "Man muss schon mehr bieten als den Mindestlohn. Ich zahle weit mehr und mir ist es wichtig, dass sie sich auch wohl fühlen. Statt in Containern wohnen meine Mitarbeiter in einem neuen gemauerten Gebäude direkt nebenan." Während die Mitarbeiter fast täglich durch die unendlich scheinenden Reihen mit Tomaten, Gurken oder Paprika fahren, um eine Pflanze auszugeizen, abzuhängen oder zu ernten, erklingt übrigens Musik.

Im Gegenzug für bessere Arbeitsbedingungen freue er sich als Gemüsebauer sehr, wenn seine Mitarbeiter auch auf die kleinsten Hinweise auf Schädlingsbefall oder Krankheiten aufmerksam werden, erklärt Wagner. Bei einem Auftreten von Schädlingen wie beispielsweise Läusen setzt der Bio-Gemüsebauer Nützlinge ein. Dazu zählt beipsielsweise der Marienkäfer, der Blattläuse zu seinem Leibgericht zählt und Pflanzen von diesem Schädling befreit. Die Nützlinge bezieht Wagner von der Reichenau, sie werden vom Reichenauer Gartencenter vertrieben. Hier können auch Privatpersonen einkaufen, falls sie Probleme mit Schädlingen haben und in ihrem Garten auf die Hilfe von Nützlingen zählen möchten.

Vieles gibt es an diesem Morgen an Neuigkeiten. Dabei gibt es für den Bio-Anbau im Hegau zwei Faktoren, die zum Erfolg führen: Eine wohldurchdachte Anbauplanung mit einer intensiven partnerschaftlichen Beziehung aller Seiten, wie Bliestle es als Geschäftsführer von Reichenau Gemüse kurz und konkret formuliert. Außerdem trage der Kundenwunsch dazu bei, der eine Trendwende im Gemüseanbau angestoßen habe.