Herr Walter, Herr Nägele, wie ist die aktuelle Lage auf dem Arbeitsmarkt?

Walter: Die Lage bei uns im Landkreis Konstanz ist im Moment gut, vorsichtig gesagt. Vergleicht man die Zahlen mit denen vom letzten Jahr, sind sie auf jeden Fall besser. Wir haben jetzt die Zahlen vom November, da waren 5434 Menschen im Kreis arbeitslos gemeldet. Vor einem Jahr waren es noch über 1600 Menschen mehr. Wir sind noch nicht auf dem Niveau von Vor-Corona-Zeiten, aber wir bewegen uns dorthin.

Welchen Einfluss auf den Arbeitsmarkt hat denn die Corona-Krise noch?

Der Einfluss ist schon noch vorhanden. Man merkt aber auch: Je mehr die Einschränkungen zurückgenommen wurden, desto mutiger wurden die Arbeitgeber wieder. Die Wirtschaft bei uns im Kreis hat wieder Fahrt aufgenommen. Das bedeutet: Unsere Kunden haben bei der Arbeitsplatzsuche wieder mehr Möglichkeiten, eine Auswahl zu treffen.

Wo gibt es die meisten offenen Stellen?

Das sind klassisch Stellen im Lagerbereich und in der Produktion, aber auch im Einzelhandel. Auch die Pflege darf man nicht vergessen. Da sind viele Stellen offen und es wird händeringend nach Personal gesucht. Das ist unter anderem auch der Corona-Pandemie geschuldet, war aber auch davor schon so. Dabei ist es ein Berufszweig, der Zukunftsperspektiven hat. Pfleger werden immer gebraucht.

Warum ist es so schwer, Stellen in der Pflege zu besetzen?

Das hängt von verschiedenen Faktoren ab. Es sind Kunden da, aber wenige, die auf die Stellen passen, weil ihnen die entsprechende Qualifikation fehlt. Wir merken aber auch, dass viele wegen der momentanen Situation nicht in dem Beruf arbeiten möchten. Die Arbeitszeitenbelastungen sind hoch. Wir als Arbeitsagentur versuchen, das Möglichste zu tun, Arbeitgeber und Arbeitnehmer zusammenzuführen.

Arbeitssuchende sind also wegen Corona abgeschreckt, einen Job in der Pflege anzufangen.

Ja. Es gibt auch Personen aus diesem Bereich, die sich arbeitssuchend melden, weil sie sagen: Ich kann nicht mehr. Es ist nicht zielführend, dass diese Leute im Beruf bleiben und am Ende daran kaputt gehen. Unsere Möglichkeiten, Stellen zu besetzen sind begrenzt. Man kann niemanden dazu zwingen, einen Pflegeberuf aufzunehmen. Durch das Qualifizierungschancengesetz sind aber unsere Möglichkeiten besser geworden, jedem eine Perspektive anbieten zu können. Das heißt, es stehen per Gesetz unendlich viele Geldmittel zur Förderung zur Verfügung.

Das Gesetz ist also eine gute Möglichkeit, die Arbeitslosigkeit zu reduzieren?

Zu reduzieren oder zu verhindern, indem ein Mitarbeiter sich stetig weiterbildet, sodass er in seiner Firma bleiben kann. Das Thema Digitalisierung spielt da eine wichtige Rolle. Denn dies betrifft alle Berufsgruppen. Viele Tätigkeiten können künftig von einer Maschine übernommen werden oder fallen weg. Deshalb gibt es Wirtschaftsprognosen, die sagen: Eine duale Berufsausbildung reicht künftig nicht mehr aus, man muss sich immer weiterbilden.

Laut Statistik gibt es viele Arbeitslose in den Bereichen Verkehr, Logistik, Schutz und Sicherheit. Aber gerade in der Logistik wird doch händeringend nach Fachkräften gesucht?

Beim Thema Logistik kann ich mir die Zahl auch nicht erklären. Man muss aber dazu sagen, das sind Berufsbereiche. Dahinter stehen möglicherweise 40 oder 50 verschiedene Berufe. Was im Moment schwächer ist, ist die Reisebranche. Busreiseunternehmen oder Reisebüros etwa.

Wie sieht es im Landkreis Konstanz mit Ausbildungsplätzen aus?

Die Chancen für junge Menschen, eine Ausbildung zu finden, sind recht gut. 935 junge Menschen waren im vergangenen Jahr im Kreis arbeitssuchend. Davon waren im November 49 noch unversorgt.

Und was ist mit Lehrstellen?

1600 Leerstellen wurden im vergangenen Jahr gemeldet. Zum September waren davon 207 unbesetzt.

Gibt es einen Bereich, in dem die Suche nach Azubis besonders schwierig ist?

Da kann ich keinen nennen, das ist querbeet. Aber vor allem im Verkauf, im Hotel- und Gaststättenbereich, im Lebensmittelbereich und dem Gesundheitsbereich sowie im Metall- und Elektrobereich ist die Nachfrage nach Bewerbern größer als es der Markt hergibt. Es gibt viele Jugendliche, die sich gegen eine Ausbildung und für Schule und Studium entscheiden.

Ist das ein Problem?

Nägele: Wir würden es gerne sehen, wenn sich mehr junge Menschen für eine Ausbildung entscheiden würden. Vielen täte es gut, wenn sie auch über andere Wege Bestätigung erhalten würden, als immer nur über Noten. Das Studium muss nicht immer das Non Plus Ultra sein. Es gibt viele Bereiche, in denen man später noch ein Studium anhängen kann.

Wie ist die Lage im Bezirk Konstanz-Ravensburg im Vergleich zu anderen?

Wir sind deutlich unter dem Landesschnitt. 0,6 bis 0,8 Prozent darunter. Wir gehören immer zu den Top-3-Bezirken in Baden-Württemberg. Unser Vorteil liegt in der Heterogenität. Wir haben alles. Von der Landwirtschaft bis zur Raumfahrttechnik. Wenn ich an Bremerhaven denke, da gibt es eine Werft, in der arbeiten 5000 Leute. Die Werft macht pleite, 5000 Leute stehen auf der Straße. Das Problem haben wir nicht.

Wie sieht es mit Kurzarbeit aus?

Walter: Die Kurzarbeit geht zurück. Wir hatten vor einem Jahr 437 Unternehmen mit 4711 Beschäftigten in Kurzarbeit. Im November 2021 waren es im Kreis noch 44 Firmen mit 857 Beschäftigten – ein deutlicher Unterschied. Die Pandemie-Lage hat sich geändert, die Einschränkungen sind geringer und somit waren die Unternehmen auch mutiger, wieder hochzufahren. Ohne Kurzarbeit sähe der Arbeitsmarkt aktuell anders aus.

Und wie sieht die Prognose aus?

Noch vor ein paar Wochen hätte ich hinsichtlich der erfreulichen Zahlen gesagt, das rocken wir alle. Aber dann kam Omikron und brachte Unsicherheit mit sich. Jetzt geht es, was Prognosen betrifft, wieder etwas in eine andere Richtung.

Fragen: Jennifer Moog