Sie ist zwei bis drei Zentimeter groß, es gibt dunklere und hellere Exemplare und charakteristisch sind verschwommene Streifen: Die Rede ist von der Quagga-Muschel. Anfang des Jahres 2016 entdeckten Taucher die ersten dieser Muscheln im Bodensee. Seither haben die Einwanderer, die eigentlich am Schwarzen Meer beheimatet sind, einen wahren Siegeszug am Bodensee angetreten. "Überall, wo Gewässerexperten derzeit am See nach der Quagga-Muschel suchen, werden sie fündig", bilanzierte jüngst die Internationale Gewässerschutzkommission für den Bodensee (IGKB).

Die Muschel, die von Gewässerkundlern als gebietsfremde Art (Neozoon) definiert ist, findet sich im Flachwasser ebenso wie in größeren Tiefen. Sogar in Planktonproben wurden bei Routineuntersuchungen Larven der Muscheln entdeckt.

Ökosystem im Bodensee im Stress

Bei der Internationalen Gewässerschutzkommission ist man besorgt. Die IGKB hat den analytischen Blick auf die Weiterentwicklung der Quaggamuschel im Bodensee zum Bestandteil eines umfassenden Projekts gemacht. Unter der Bezeichnung Seewandel wird untersucht, welche Bedeutung Nährstoffrückgang, Klimawandel, gebietsferne Arten und andere Stressfaktoren für das Ökosystem haben. Knapp 5,7 Millionen Euro beträgt das Forschungsbudget. 

Im Zeichen beträchtlicher Veränderungen: der Bodensee – hier ein Blick von oben mit dem Bodanrück im Vordergrund. Rechts ist der Untersee zu sehen, links vor mächtiger Alpenkulisse Überlinger See und Obersee. Bilder: Achim Mende (1) / Hydra-Institut Konstanz (2)
Im Zeichen beträchtlicher Veränderungen: der Bodensee – hier ein Blick von oben mit dem Bodanrück im Vordergrund. Rechts ist der Untersee zu sehen, links vor mächtiger Alpenkulisse Überlinger See und Obersee. | Bild: Achim Mende

Der Biologe Peter Rey, Leiter des Hydra-Instituts mit Sitz in Konstanz, stellt fest: "Wir sind noch in der Beobachtungsphase. Jetzt muss jeder seine Hausaufgaben machen." Hydra betreibt unter anderem im Auftrag der baden-württembergischen Landesanstalt für Umwelt (LUBW) Gewässermonitoring am Bodensee und wirkt zusammen mit der Universität Konstanz auch beim Projekt Seewandel mit.

Sie fühlen sich auch in der Tiefe wohl

Gewässerforscher haben allerdings schon einiges über das Verhalten der Einwanderer vom Schwarzen Meer zusammengetragen. Sie wissen nach Angaben von Rey zum Beispiel, dass die Muschel sehr schnell wächst und dass sie auch in größeren Tiefen klarkommt. Die bisherige Annahme, dass die Quagga-Muschel eine feste Unterlage zum Andocken benötigt, ist nach Angaben von Peter Rey nicht mehr unumstößlich. Inzwischen belegten Aufnahmen, dass die Muscheln sich auch aneinanderketten und dann auch auf Sandboden siedeln könnten.

Herausforderung für technische Anlagen

Ein ernst zu nehmendes Thema ist die Invasion der Wassertiere für die Trinkwasserversorger. Dabei stellt Roland Schick grundsätzlich klar, dass die Einwanderer eine Belästigung, aber keine Bedrohung seien. "Die Muschel ist kein Problem hinsichtlich der Qualität des Trinkwassers, aber eine Herausforderung für die technischen Anlagen", sagt der Laborleiter des Verbands der Bodensee-Trinkwasserversorgung.

Die rasche Ausbreitung der Quagga-Muscheln zwingt die Wasserversorger aber zu gewissen Vorsichtsmaßnahmen. Denn: „Es besteht das Risiko, dass auch in größerer Tiefe Wasserentnahmestellen zugesetzt werden, “ sagt Heinz-Jürgen Brauch, der Leiter der Koordinierungsstelle der Arbeitsgemeinschaft Wasserwerke Bodensee-Rhein (AWBR) mit Blick auf die Befürchtung, dass die Muscheln die Saugrohre zur Wasserentnahme besiedeln könnten.

Beim Verband der Bodensee-Wasserversorgung tüfteln nach Angaben von Laborleiter Schick Ingenieure an Lösungsmöglichkeiten – auch im Interesse anderer Wasserversorger. Die Stadtwerke Konstanz, die ein eigenes Wasserwerk betreiben, sind laut Stellungnahme von Sprecher Josef Siebler schon in Vorleistung getreten. Die Reinigungsintervalle für Rohrleitungen im See wurden verkürzt. Für mehr Effizienz bei der Reinigung werde zudem der Umbau von Rohrleitungen erwogen.

 

Die neuen Arten kommen

  • Einwanderer im Bodensee: Erhöhte Mobilität, die Öffnung von Schifffahrtswegen und der interkontinentale Warenverkehr erleichtern die Einschleppung von nicht heimischen Wassertieren. In den 1960er-Jahren breitete sich so die Dreikantmuschel am Bodensee in kurzer Zeit rasch aus. Sie erreichte eine hohe Populationsdichte und sie besiedelte sogar Abwasserrohre. Mit dem Auftreten der Quagga-Muschel sehen die Wasserversorger nun die Gefahr, dass die neuen Einwanderer sich auch an den dicken Ansaugrohren zur Wasserentnahme andocken könnten. Denn der Quaggamuschel wird nachgesagt, sich (im Unterschied zur gemeinen Dreikantmuschel) auch in größeren Tiefen wohlzufühlen. Deshalb denken Wasserwerke über Vorsorge nach. Weitere eingewanderte Arten sind der Große Höckerflohkrebs und die großgerippte Körbchenmuschel. Nachzulesen ist die Entwicklung der gebietsfremden Wasserbewohner auf www.neozoen-bodensee.de, die das Hydra-Institut für die Internationale Gewässerschützkommission betreibt.
  • Projekt Seewandel: Auftreten fremder Arten, Klimawandel, Spurenstoffe – die Internationale Gewässerschutzkommission für den Bodensee sieht jede Menge Forschungsbedarf. Deshalb forciert die IGKB das Projekt Seewandel, das aus 13 Einzelvorhaben besteht. Auch zur Quagga-Muschel werden Erkenntnisse gesammelt.