Daniel (Name geändert) sitzt in der 3c der Haidelmoosschule. Momentan steht Mathe auf dem Plan. Daniel rechnet mit, dann hat er eine Frage. Da ihm das Lernen nicht so leicht fällt wie anderen Kindern, ist neben Klassenlehrerin Eike Böhning auch noch Inklusionslehrer Volker Prinz stundenweise in der 3c. Er unterstützt Daniel in der Klasse. Und wenn die Konzentration nicht mehr reicht oder der Schüler eine Pause vom Klassenverband braucht, geht Volker Prinz mit Daniel nebenan, ins Inklusionszimmer. Dort wird er individuell unterstützt.

Daniel ist einer von zwei Inklusionskindern der 3c und einer von insgesamt 11 an der Haidelmoosschule. Sie ist eine Außenstelle der Säntisschule, einem Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrum mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung. Ziel ist es, dass die Kinder so weit wie möglich am Unterricht einer Regelklasse teilnehmen.

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Volker Prinz und seine Kollegin Katharina Stark sprechen sich deutlich für die Inklusion aus. „Wir haben tolle Erfolgsgeschichten, das bestätigt unsere Arbeit“, so Prinz. „Wir sind hier ganz flexibel. Die Kinder können vollständig im Inklusionszimmer beschult werden oder an einzelnen Stunden der Regelklasse wie zum Beispiel am Sportunterricht teilnehmen oder auch ganz in der Regelklasse lernen“, sagt er.

Stark: Der Bedarf an Inklusion ist riesig

Funktioniert Inklusion also immer? „Nein“, sagt Katharina Stark. „Manche Kinder verweigern sich, sind frustriert und ärgern dadurch ihre Klassenkameraden. Wenn die Klasse zu sehr gestört wird, macht es auch für das Inklusionskind total Sinn, einen kleineren Rahmen zu wählen als den Klassenverband mit 25 Kindern, in dem manche einfach nicht klarkommen.“ Dann kann es auch sein, dass die Kinder an die Säntisschule zurückkehren.

„Das verstehen einige Eltern als Rückschritt oder Ablehnung, aber wir schauen immer auf die Bedürfnisse des Kindes“, sagt Katharina Stark und ergänzt: „Im System geht niemand verloren, es ist in beide Richtungen durchlässig. Und auch an der Säntisschule kann man einen guten Abschluss machen.“ Leider gebe es unter Eltern und auch Lehrern immer noch Vorbehalte gegenüber dem gemeinsamen Lernen – vor allem bei denjenigen, die noch keine Erfahrung mit inklusivem Unterricht gemacht haben.

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Volker Prinz sagt: „Manche sehen nicht die Vorteile, auch für die Regellehrer. Wir Sonderpädagogen sind oft in der Klasse dabei und haben dadurch auch ein Auge auf die anderen Kinder, können unterstützen.“ Der Bedarf an Inklusion in Konstanz sei riesig, sagt Katharina Stark. Es müsse dafür noch mehr Sonderpädagogen geben.

Gesamtelternbeirat will es genau wissen

Wie gut Kinder mit speziellem Förderbedarf in Konstanz unterstützt werden, möchte der Konstanzer Gesamtelternbeirat (GEB) genauer erfahren. Dazu startet der GEB eine Elternumfrage für Familien mit Inklusionskindern. „Die Schulen und auch wir Elternvertreter haben uns zuletzt nur um Corona gekümmert, aber es gibt so viele Themen, die schon seit Jahren wichtig sind. Wir möchten nicht mehr nur über Luftfilter und das Testen sprechen“, begründet GEB-Vorsitzende Johanna Vogt den Vorstoß. Das Thema Inklusion sei wichtig – auch wenn dies in Konstanz geschätzt nur 300 Familien betrifft. „Eine kleine Gruppe mit großem Bedarf“, so Vogt.

Das Ziel ist es, die Erfahrungen mancher Familien mit belastbaren Daten zu unterfüttern und die Ergebnisse anschließend mit der Stadt Konstanz und dem Staatlichen Schulamt zu diskutieren. „Wir möchten, dass alle Kinder in Konstanz ein optimales Bildungsangebot erhalten“, sagt Johanna Vogt. Bislang sei dies nicht der Fall. „Laut UN-Menschenrechtskonvention hat jedes Kind das Recht auf Inklusion, aber manche Kollegien tun sich schwer“, sagt die GEB-Vorsitzende. Schon räumlich seien nicht alle Konstanzer Schulen darauf ausgelegt, förderbedürftige Kinder in die Regelklassen aufzunehmen.

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Zudem fehle es an Fachpersonal. Der Besuch einer Regelschule anstatt eines Sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums (SBBZ, früher Sonderschule; Anm. d. Red.) wäre aber ihrer Meinung nach für alle Kinder die beste Option. Auch die anderen Schüler der Regelklassen würden vom gemeinsamen Unterricht mit Inklusionskindern profitieren, sie lernten dabei gegenseitigen Respekt und Unterstützung.

Einige Familien machen aber andere Erfahrungen, lässt die GEB-Vorsitzende durchblicken. „Wir haben manchmal das Gefühl, dass Regelschulen durchaus Inklusion anbieten und das auch gut machen, dass sie aber unterscheiden zwischen einfachen und schwierigen Inklusionskindern. Letztere werden dann gar nicht erst nicht aufgenommen.“ Bei den Beratungsgesprächen müssten den Eltern beide Optionen (Inklusion oder der Besuch eines SBBZ) neutral erläutert werden. „Wir haben schon gehört, dass Gespräche eher in Richtung SBBZ tendierten, um die Kinder aus den Regelschulen herauszuhalten“, so Vogt.