Als die Stimme am Telefon Ina Gandor fragte, wie ihre Tochter heißt, schrie sie einfach nur. Denn in dem Moment wusste sie, dass etwas Schlimmes passiert sein musste. Einen Tag später starb ihre Patti mit nur 16 Jahren in einer Tübinger Spezialklinik.

21 Tage ist es jetzt her. Ina Gandor kauert vor dem Grab auf dem Konstanzer Hauptfriedhof und richtet eine Vase mit weißen Rosen auf. Der Wind hat sie umgeworfen. 200 Menschen waren zur Beerdigung gekommen. Was Patti wichtig war, hat Ina Gandor ans Grab gebracht. Das Meerschweinchen Lisy, das zwei Tage nach Patti starb, und fünf Medaillen.

Ina Gandor am Grab ihrer Tochter Patti.
Ina Gandor am Grab ihrer Tochter Patti. | Bild: Eva Marie Stegmann

Patti war Leistungssportlerin, erst Werfen, dann Speer, Kugelstoßen, Diskus. Ihr Ziel waren die Olympischen Spiele. „Das Werfen hat sie von mir“, sagt Ina Gandor und lächelt in der Erinnerung an ihre Tochter. Doch die Medaillen, die die Mutter um das Holzkreuz gehängt hatte, sind weg. Jemand hat sie vom Grab genommen.

Verschwunden am Freitag, den 18. September

Passiert sein muss es am Freitag, den 18. September. Am Morgen, so hat es der Totengräber gesagt, waren die Trophäen noch da. Am Nachmittag, als Ina Gandor wie jeden Tag Pattis Grab besuchen wollte, nicht mehr. Sie hat es auf Facebook gepostet: „Ich will sie wieder zurück!!!“ An diesem Tag auf dem Hauptfriedhof fragt sie: „Wer macht sowas?“ Die Medaillen seien komplett wertlos, materiell. Ihr aber bedeuten sie alles.

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„Jemand hat mir geschrieben, dass er alle Mülleimer abgesucht hat auf meinen Aufruf hin.“ Dass sich so viele Menschen meldeten, ihr Beileid und ihr Entsetzen bekundeten, gibt der Krankenschwester ein wenig Trost. „An den, der sie genommen hat: Bitte gib sie mir und Patti zurück. Und wenn du dich nicht traust, häng sie einfach wieder ans Grab“, sagt die Mutter.

Bild: Eva Marie Stegmann

Die Friedhofsverwaltung hat ihr gesagt, dass häufig von Gräbern Dinge gestohlen werden. Es ist ein kalter Tag, der den Winter ahnen lässt, doch Ina Gandor hat robuste schwarze Schnürschuhe an. Pattis Schuhe.

Mutter-Tochter-Ausflug ist schöne Erinnerung

Wenige Tage vor dem Mopedunfall waren die beiden in München, ein Mutter-Tochter-Ausflug mit der jüngeren ihrer beiden Kinder. Sie haben die Bavaria-Filmstudios besichtigt, Patti liebte die „Fack ju Göhte“-Filme.

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Ihre Mutter holt das Handy hervor und zeigt ein Foto von der blonden jungen Frau mit den ausdrucksstarken Augen. „Das war meine Patti“. Sie erinnert sich daran, wie sie beim anschließenden Shopping noch dachte, als Patti mit Bluse und karierter Hose aus der Umkleide trat: „Alter, was hab ich schöne Töchter“. Viel haben sie gelacht in München.

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„Das Motorradfahren war ihr Traum, ich hatte immer Angst“, sagt Ina Gandor. Sie war mit einem Polizisten an der Unfallstelle zwischen Freudental und Kaltbrunn. Patti, davon ist auszugehen, war nicht zu schnell unterwegs an jenem Mittag. Und auch kein anderer beteiligt. Es gibt keine Antwort auf die Frage nach dem Warum.

Ina Gandor am Grab ihrer Tochter Patti.
Ina Gandor am Grab ihrer Tochter Patti. | Bild: Eva Marie Stegmann

Vor ein paar Tagen hatte Ina Gandor Besuch von ihrer Freundin. Sie saß draußen auf dem Balkon. Plötzlich rief sie nach Ina Gandor.

Die kleine Libelle

Da war eine kleine Libelle, die immer wieder leicht gegen die Scheibe stupste, als wolle sie rein in die Wohnung. Die Krankenschwester streckte ihre Hand aus, die Libelle krabbelte auf einen Finger. „Sie blieb dort über eine Minute sitzen. Vielleicht war es Patti.“ Was würde sie ihr sagen wollen? Vielleicht: Mama, sei stark.

Wer die Medaillen hat oder etwas weiß, kann sich entweder anonym bei der Autorin des Artikels melden oder direkt bei Ina Gandor unter ina.eckhardt@freenet.de Oder sie einfach ans Grab zurückbringen.

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