Wer diesen Fuchsbau betritt, den erwartet keine dunkle Höhle. Im Gegenteil: Der neue Fox Cave in der August-Borsig-Straße in Konstanz ist hell, hat eine hohe Decke und ist ausgestattet mit allerlei Containern und Trainingselementen. Hier haben Danial Khan und Nick Single einen Teil ihres Traums umgesetzt: einen großen Übungsplatz für ihre Sportart Parkour.

Die Halle der Firma Greenbox im Unterlohn, in der das Team trainiert.
Die Halle der Firma Greenbox im Unterlohn, in der das Team trainiert. | Bild: Kirsten Astor

Salti, Schulterrollen, waghalsige Sprünge über Hindernisse oder in luftiger Höhe: All das soll hier möglich sein. Beim Parkour bewegen sich die Sportler auf dem direktesten Weg von A nach B. Wenn eine Mauer, ein Dach oder ein Laternenpfahl im Weg sind, werden diese einfach mit akrobatisch anmutenden Bewegungen überwunden oder einbezogen.

Khan und Single lernten sich vor zehn Jahren bei genau dieser Sportart kennen und sind seitdem beste Freunde. Sie gründeten das Team Fox und möchten Parkour jetzt in ihrer Heimat größer machen.

Video: Kirsten Astor

„Ich habe selbst sehr viele Sportarten wie Tennis, Tischtennis oder Handball ausprobiert und gemerkt, dass ich etwas suche, bei dem ich kein Team brauche und auch keine Ausstattung. Parkour kann man einfach so in der Stadt machen“, erzählt der 20-jährige Khan. Er lernte die Sportart im Jugendzentrum (Juze) kennen. „Parkour gab mir damals viel Selbstvertrauen, ich war ein sehr schüchternes Kind.“

Sommercamp mit 35 Kindern

Das ist heute kaum zu glauben. Danial Khan steht in seiner Halle vor rund 35 Kindern und wirkt kein bisschen unsicher. Gerade beginnt das einwöchige Sommercamp mit Mittagessen, das er und Nick Single mit vielen Helfern anbieten.

Danial Khan, einer der Gründer von Team Fox, ist stolz auf die Kinder, die im Hintergrund Kästen mit verschiedenen Techniken überspringen.
Danial Khan, einer der Gründer von Team Fox, ist stolz auf die Kinder, die im Hintergrund Kästen mit verschiedenen Techniken überspringen. | Bild: Kirsten Astor

Khan bespricht mit den Teilnehmern die Campregeln, alle passen gut auf. „Bei uns steht der Spaß im Vordergrund, aber wir achten auch auf eine liebevolle Strenge“, sagt der 20-Jährige, der als Personal Trainer in einem benachbarten Fitnessareal arbeitet und demnächst ein duales Studium für Sport und Betriebswirtschaftslehre in Stuttgart und Konstanz beginnt.

Er möchte dem Nachwuchs genau das weitergeben, was er durch den Sport gewann: Den Glauben an sich selbst und den Mut, die eigenen Ziele zu verwirklichen. „Wenn die Kinder und Jugendlichen sehen, dass ich mit 14 Jahren mein eigenes Unternehmen gegründet habe, dann glauben sie daran, dass sie ihre Träume auch leben können“, sagt Danial Khan.

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Am Anfang standen Klamotten

Alles begann vor einigen Jahren mit der Idee, eine eigene Kleidermarke zu gründen. „Meinen Freunden und mir fehlte das Geld, um coole Sportklamotten zu kaufen“, so der 20-Jährige. „Also entwarfen wir was Eigenes. Da mein Cousin in meinem Heimatland Pakistan eine Jeansfabrik hat, konnten wir dort produzieren. Ohne Kinderarbeit“, betont er. Aber dann fehlte der Sport für die inzwischen vorhandenen Klamotten; Parkour trat in das Leben der Freunde.

Parkour ist eine Bewegungstechnik, um schnell, elegant und effizient von A nach B zu kommen. Bei Parkour-Trainer Nick Single gehören ...
Parkour ist eine Bewegungstechnik, um schnell, elegant und effizient von A nach B zu kommen. Bei Parkour-Trainer Nick Single gehören dazu auch Salti und spektakuläre Drehungen in der Luft. | Bild: SK-Archiv/Aurelia Scherrer

Zuerst gaben Khan und Nick Single, der aktuell eine Ausbildung zum Erzieher macht, Kurse an Schulen der Umgebung. Als es gut lief, mieteten sie vor rund einem Jahr ihre erste eigene Halle, doch die wurde bald zu klein und vor allem zu niedrig. Vor wenigen Tagen zogen sie in den neuen Fox Cave im Industriegebiet und haben dort die nötige Deckenhöhe, um waghalsige Sprünge zu ermöglichen.

Danial Khan zeigt auf zwei der Container, die in der Halle stehen. Eigentlich dienen sie als Mädchen- und als Jungenumkleide und wurden in mühsamer Handarbeit vier Nächte lang gestrichen und aufgehübscht. Doch oben auf den Containern bauen die Parkour-Fans eine Vorrichtung. „Wir möchten von einem Container zum anderen springen können“, sagt Khan. Die Entfernung? Drei Meter.

Bald sollen Parkour-Trainierende vom linken Container zum rechten springen können.
Bald sollen Parkour-Trainierende vom linken Container zum rechten springen können. | Bild: Kirsten Astor

Auf dem Boden warten weitere Hindernisse darauf, überwunden zu werden. Und in einer Ecke stehen ein gemütliches Sofa sowie andere Sitzgelegenheiten, selbst gebaut aus Holzpaletten und Kissen. „Unser Traum ist eine perfekt funktionierende Parkour-Halle, wo Kinder und Jugendliche jederzeit trainieren können, aber auch mal nur sitzen und reden. Es soll ein riesiger Jugendtreff werden“, so Khan.

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Training bringt zum Lächeln

„Die Kinder und Jugendlichen lernen bei uns, kleinere und größere Hürden zu überwinden, und zwar nicht nur im wörtlichen Sinn“, sagt Khan, der das Gymnasium der Geschwister-Scholl-Schule besuchte. Nick Single, heute 21 Jahre alt, ging auf die dortige Realschule.

Video: Kirsten Astor

Ins Parkourtraining und auch aktuell zum Sommercamp kommen auch Kinder mit verschiedenen Auffälligkeiten wie ADHS oder Autismus. „Denen tut der Sport richtig gut“, sagt Khan und deutet auf einen Jungen. „Heute Morgen konnte er bei der Begrüßungsrunde nicht einmal neben den anderen Kindern sitzen. Und jetzt macht er das hier.“ Der Junge springt gekonnt über den Kasten und lächelt.

Auch ukrainische Flüchtlingskinder kommen ins Training und verständigen sich mit den Trainern mit Händen und Füßen. Dann zeigt Danial auf eine junge Frau, die gerade die nächste Übung ansagt. „Sie kam mit sieben Jahren zu uns und ist inzwischen selbst eine Helferin.“

Soraya, 12 Jahre, kommt aus Kreuzlingen zum Parkour-Training.
Soraya, 12 Jahre, kommt aus Kreuzlingen zum Parkour-Training. | Bild: Kirsten Astor

Doch auch kurzfristige Ziele können erreicht werden. Am Ende der Sommercampwoche sollen die Kinder ihre eigenen Grenzen überwunden haben, sich mehr trauen und neue Freundschaften geschlossen haben. Letzteres gelang schon am ersten Tag: Aleksandra, Emma und Soraya kommen aus Konstanz, Hilzingen und Kreuzlingen und kannten sich nicht. Nach kurzer Zeit laufen sie Arm in Arm durch die Halle. „Ich bin noch unerfahren im Parkour, aber ich könnte mir vorstellen, das weiterzumachen“, sagt die zwölfjährige Soraya.

Die elfjährige Emma reiste aus Hilzingen bei Singen an, um am Parkour-Sommercamp teilzunehmen.
Die elfjährige Emma reiste aus Hilzingen bei Singen an, um am Parkour-Sommercamp teilzunehmen. | Bild: Kirsten Astor

Emma, elf Jahre, war letztes Jahr schon dabei. „Das hat mega Spaß gemacht“, sagt sie. Und auch die beiden jungen Männer hinter dem Angebot haben einen großen Traum: „Wir würden gern überall in Deutschland Fox Caves eröffnen“, sagt Khan. Derzeit bieten sie Kurse in Überlingen an, bald auch in Singen und Radolfzell.

Ein vorübergehender Trend?

Schade finden sie nur, dass es in der Stadt Konstanz im Gegensatz zu anderen Kommunen keine öffentliche Parkourfläche gibt. „Es hieß, das sei ein vorübergehender Trend, aber ich sehe das anders“, sagt der 20-Jährige.

Das sieht auch Anaïs Löckermann so, deren Kinder schon länger diesen Sport ausüben: „Danial und Nick haben ein tolles Konzept. Ich wünsche mir ergänzend für die Kinder und Jugendlichen, dass es hier wie in Freiburg oder Stuttgart in Freizeitanlagen Parkour-Gerüste gibt, damit ein Treffen und voneinander Lernen auch draußen möglich ist“, sagt sie.

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Danial Khan ergänzt: „Die Verantwortlichen meinten, Parkour sei ein vorübergehender Trend, aber ich sehe das anders.“ Der 20-Jährige blickt in die volle Halle.

Da rollen sich die Kinder gerade mit einer Schulter über den Kasten. Nicht immer gelingt es, ein Mädchen sagt: „Ich kann das nicht.“ Doch das lässt Khan nicht gelten. „Versuche es noch mal, vielleicht über die andere Schulter“, sagt er. Das Mädchen nimmt Anlauf – und schafft es.