Anmerkung der Redaktion: Wolfgang Betz hat der Lokalredaktion seine Geschichte von einer Fahrt von Konstanz nach Singen zukommen lassen. Frei nach dem Motto „Geteilte Freude ist doppelte Freude“ möchte der Senior seine positiven Erlebnisse der jüngeren Vergangenheit mit allen SÜDKURIER-Lesern teilen.

Am Abend des Tages, an dem der große Schnee kam, hatte ich in Singen einen von zwei geplanten und wichtigen Terminen wahrzunehmen (nein, nicht Impfen). Es begann damit, dass meine Frau und ich an der Haltestelle Allmannsdorfer Straße auf die Buslinie 13/4 warten mussten.

Meine Frau verbrachte die Wartezeit damit, mit Schirm und Schuhen eine Furt in den durchgehenden Schneewall zu bilden, damit ich mit meinem Rollator überhaupt den Bus erreichen konnte – so ist sie eben.

Die Busfahrt – das Abenteuer beginnt

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Symbolbild | Bild: Kirsten Astor

Mit respektabler Verspätung von etwa 18 Minuten, wetterbedingt absolut verständlich, hielt er dann aber auch zentimetergenau an dieser Stelle. Dabei war es gar nicht derjenige, der zur relativen Fahrplanzeit passte, denn auf dem Rückweg nach Hause sah meine Frau, dass innerhalb weniger Minuten drei weitere der gleichen Linie folgten. Das soll natürlich keine Kritik sein, bei diesen Verhältnissen ist alles möglich.

Egal, Bus ist Bus, und einer davon war da! Also irgendwie hinein gezirkelt, Lob an den Fahrer, nächsten Notsitzplatz eingenommen und – jetzt allein – ab geht es. Na ja, langsame Fahrt im hohen Schnee, jede Ampel Rot, alle Haltestellen angefahren, Blick auf die Uhr – das könnte eng werden.

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Ich war, warum auch immer, davon ausgegangen, mit dem Regionalexpress von Gleis 1 meine Reise fortsetzen zu können. So schnell wie möglich den Bahnhofplatz und den dicken Schneematsch überwinden, den roten Zug immer fest im Blick. Eigentlich sollte dabei der Rollator mir helfen, nicht umgekehrt.

Am Bahnhof – riskante Manöver mit Rollator

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Symbolbild | Bild: Oliver Hanser

Es war jetzt eine Minute vor Abfahrt. Groß und schön stand der Zug immer noch da. Dass er so komisch unbeleuchtet war, hielt ich – wohl wie ein paar andere Fahrgäste – für Sparmaßnahmen. Also, wir saßen endlich, der Zug stand, unendlich.

Bis ein Bahnbeamter eilenden Schrittes vorbeikam: „Dieser Zug ist abgestellt“. „Was?“ Nach kurzer Wiederholung dieser Durchsage war er schon in den nächsten Abteil verschwunden. Also raus hier, bleibt nur die Frage, warum man sich in einen abgestellten Zug einfach so reinsetzen kann.

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Den Seehas drüben auf Gleis 3 hatte ich schon gesehen, und mit dem Wechsel musste ich mich jetzt befassen. Bis dahin hielt ich das für zu riskant.

Mit meinem Rollator rollte ich zum Aufzug, der sollte aber nach unten gehen, also eher ein Abzug. Wie auch immer, der hatte wohl schon Feierabend. So, wo ist in dieser Baustelle die Treppe versteckt? OK, gleich nebenan. Es war jetzt eine Minute vor Abfahrt des pünktlichen Seehas.

Die Polizei – dein Freund und Helfer

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Symbolbild | Bild: Sebastian Gollnow/dpa

Ich traute meinen Augen nicht. Während ich noch die Situation einschätzte, kamen mir von unten eine Dame und drei Herren von der Polizei entgegen. Ich sprach den ersten an, dass ich dringend den Zug erreichen müsse, und bat um Hilfe. Der Angesprochene antwortete, „Einen Moment“, und zückte sein Funkgerät. In meiner Gemütslage dachte ich noch, dieser „Moment“ könnte mir am Ende fehlen.

Aber dann ging alles ganz schnell. Zwei der Beamten liefen sofort los, die Beamtin schnappte meinen Rollator und trug ihn die Stufen hinunter, der Erste führte mich am Arm hinterher. Der Dritte hatte inzwischen den Lift nach oben organisiert, dem Vierten sollte ich noch begegnen.

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Oben angekommen, sah ich, dass der Zug schon mindestens 50 Meter angefahren sein musste, und über Funk nochmals gestoppt wurde. Der Moment! Mit einem relativen Spurt lief ich zum Ende des Seehas.

Dort stand der vierte Beamte mit dem sprichwörtlichen „Fuß in der Tür“. Er vergaß auch nicht, mir noch „Gute Reise“ zu wünschen. Ich sank in den nächsten Sitz, und während ich noch nachdachte, was das jetzt war, startete der Zug zum zweiten Mal, mit mir als buchstäblich letzten Fahrgast.

„Es bleibt mir noch, auf diese Weise meinen herzlichen Dank an die Polizistin und die Polizisten sowie an den aufmerksamen Zugführer auszusprechen“, diese Botschaft ist Wolfgang Betz wichtig.
„Es bleibt mir noch, auf diese Weise meinen herzlichen Dank an die Polizistin und die Polizisten sowie an den aufmerksamen Zugführer auszusprechen“, diese Botschaft ist Wolfgang Betz wichtig. | Bild: Oliver Hanser

Anmerkung der Redaktion: An beiden Tagen, an denen Wolfgang Betz samt Rollator mit Zug und Bus zu Terminen nach Singen musste, haben ihn fremde Menschen spontan unterstützt. Er schreibt dazu:

Ich bin nicht mehr oft unterwegs, aber gerade diese beiden Termin-Tage zusammen mit deren Anlass haben mir so richtig bewusst gemacht, was mit mir vorgeht. Ich habe die Hilfsbereitschaft vieler junger Menschen dankbar registriert, natürlich auch anderswo und immer wieder. (Ältere Mitbürger haben schließlich oft genug eigene Probleme).

Drei Beispiele von Hilfsbereitschaft junger Menschen

Ob Türen öffnen, Treppen begehen, Ein- oder Aussteigen, meistens höre ich in heiklen Situationen die Frage: „Kann ich Ihnen helfen?“. 81 Jahre, geh- und sehbehindert nimmt man das auch gerne an und freut sich darüber.

„Statistisch gesehen gewiss ein winziger Anteil, aber ich bin überzeugt, wir haben eine wunderbare, junge Generation“, lautet das Fazit von Wolfgang Betz.
„Statistisch gesehen gewiss ein winziger Anteil, aber ich bin überzeugt, wir haben eine wunderbare, junge Generation“, lautet das Fazit von Wolfgang Betz. | Bild: Oliver Hanser