Die Einschränkungen, die am Dienstag verkündet wurden, sind massiv. Die Gastronomie soll schließen, Theater ebenso. Das öffentliche Leben kommt zum Erliegen, Schulen, Geschäfte und Kitas bleiben allerdings geöffnet. All das, um die Anzahl an Neuinfektionen mit dem Coronavirus zu drücken. Doch ist das sinnvoll? Und: Wie sieht die Lage bei Medizinern und Ärzten in Konstanz aus?

Patienten verunsichert

Ines Ahlhelm ist Fachärztin für Allgemeinmedizin und seit über 30 Jahren mit ihrer Praxis in Litzelstetten ansässig. Inwiefern ein erneuter Shutdown der richtige Weg ist, ist sie sich unsicher. Sie legt allen ans Herz: „Das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes ist enorm wichtig.

Dr. med. Ines Ahlhelm
Dr. med. Ines Ahlhelm | Bild: Hanser, Oliver

Und wir müssen einfach alle wieder lernen, aufeinander Rücksicht zu nehmen und Abstand zueinander zu halten.“ Im alltäglichen Umgang nehme sie beispielsweise ihre Patienten als sehr rücksichtsvoll wahr. Dass Regeln mit Absicht nicht befolgt würden, den Eindruck habe sie nicht. „Aber viele sind sehr verunsichert.“

„Wir haben Glück“

In der Praxis der Litzelstetter Ärztin ist viel Platz. „Wir haben Glück“, sagt Ines Ahlhelm. Im Alltag hat sich viel geändert. „Früher konnte jeder zu uns kommen, wann er wollte. Das haben wir natürlich geändert: Jetzt müssen alle vorab anrufen, meine Mitarbeiterinnen fragen dann mögliche Corona-Symptome ab, und ich kläre das dann im Anschluss nochmals abschließend per Telefon ab.“ Abstriche mache sie nur vor der Tür oder auf dem Balkon. Dazu gebe es feste Zeiten, jeweils ab 12 Uhr in Fünf-Minuten-Abständen. „Wenn die Praxis ansonsten geschlossen ist.“

Labor Brunner testet unsere Corona-Abstriche

Die meisten Abstriche, die in Konstanz und Umgebung genommen werden, gehen im Anschluss ans Labor Brunner zur Auswertung. „Sehr viel zu tun gerade“, seufzt Simone Brunner am Telefon. Der SÜDKURIER erreicht sie nur wenige Minuten, nachdem die ersten Nachrichten vom Teil-Lockdown die Runde gemacht haben. Die Virologin hat ein differenziertes Bild auf die neuen Maßnahmen.

Bild: Scherrer, Aurelia

„Aus meiner Sicht sind sie zu massiv“, sagt sie. Gerade die Gastronomie zu schließen, sei sehr kritisch. Denn: „Bei Kneipen, in denen die Tische eng aneinander stehen, verstehe ich es. Aber wenn sie die Sicherheitsabstände einhalten, finde ich das nicht in Ordnung. Um es deutlich zu sagen: Es ist völlig überzogen.“ Sie lässt die Coronafälle und Superspreader-Events Revue passieren. „Wenn es zu Infektionen in Kneipen kam, waren das keine normalen Gastrobetriebe, sondern Veranstaltungen mit 80, 90, 100 Leuten in diesen Räumen.“ Beispielsweise Hochzeiten oder Partys. Aber in ganz normalen Gastronomiebetrieben mit Abstand und kleinen Gruppengrößen sei die Gefahr sehr gering.

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„Wenn sich jeder ein bisschen zurücknehmen und nachdenken würde, wo er Kontakte einschränken könnte, das würde viel mehr helfen. Es zwingt einen ja niemand, ins Restaurant zu gehen.“ Deshalb müsse man der Gastronomie doch nicht ihre Einnahmequelle nehmen.

Ein Schuss vor den Bug

„Vielleicht“, überlegt die Virologin, in deren Labor die meisten Corona-Tests im Umkreis ausgewertet werden, „braucht es in der Bevölkerung noch einen Schuss vor den Bug. Für alle, die Arbeit haben, ist das ja schön und in Ordnung.“ Nicht so einfach sei es hingegen, wenn die Existenz am seidenen Faden hänge durch die Maßnahmen.

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Klar: „Wenn man sich die Wachstumsrate der Neuinfektionen ansieht, verstehe ich, dass massive Maßnahmen ergriffen werden müssen. Das Problem ist allgemein, dass wir zwei Wochen hinterherhinken wegen der Inkubationszeit.“ Wenn Merkel sage ‚Bleibt alle zu Hause‘, dann seien ja nicht die Hälfte aller Neuinfektionen am nächsten Tag verschwunden. „Das würde man erst zwei Wochen später sehen.“

Was ist am Wichtigsten?

Otto Scholz ist Allgemeinmediziner und hat seine Praxis in Konstanz-Fürstenberg. Er ist mit Simone Brunner einer Meinung, dass es am allerwichtigsten sei, die Regeln einzuhalten: Handhygiene, Abstand, Kontakte reduzieren und lüften. Brunner sagt: „Ganz wichtig sind saubere Masken, nicht die Stoffmaske, die man seit vier Wochen schon trägt.“

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Scholz bewertet die Maßnahmen der Bundesregierung und der Länder als unbedingt notwendig. „Sie müssen wohl sein“, sagt er. Eine alternative Vorgehensweise fällt ihm nicht ein. Das, was die Kanzlerin und die Experten empfehlen, sei richtig. Und: „Jetzt kommt der Winter, da kann man nicht mehr lüften“, sagt Otto Scholz. „Deshalb werden die Zahlen noch weiter steigen. Ich glaube, wir werden die 20.000 Neuinfektionen am Tag noch übersteigen.“ Er rät deshalb weiter zur Vorsicht.

Viel an die frische Luft

Was kann man sonst tun, außer die Regeln zu befolgen? „Das Immunsystem kann man stärken, indem man viel an die frische Luft geht“, rät die Litzel-stetter Allgemeinärztin Ines Ahlhelm. Dass man sich dabei warm anziehe, sei ja selbstverständlich. „Und was nicht so beliebt ist: Sich am Ende des Duschens noch einmal mit kaltem Wasser abduschen.“ Wovon sie dringend abrät, sind Konzertbesuche und ähnliche Großveranstaltungen – aber das geht ja nun ohnehin bald nicht mehr.

Das würde ich jetzt nicht machen

„Kürzlich hat mir ein Patient erzählt, dass er Besuch aus München erwartet. Auch da habe ich gesagt: Das würde ich jetzt, wo die Lage gerade so akut ist, nicht machen.“ Laut den Informationen von gestern sollen ab November auch die Beherbergungsbetriebe wieder für Touristen geschlossen bleiben. Dazu Simone Brunner: „Warum sollte in einem Hotel mit Maskenpflicht, abgebauten Buffets, etwas passieren? Mir ist kein Corona-Ausbruch in einem Hotel bekannt. Was wir jetzt brauchen, ist ein gesittetes Miteinander, reduzierte Kontakte und das Einhalten der Hygiene-Regeln.“

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