Herr Bernhard, Sie stehen auf der Shortlist für die Oscars – ein überragender Erfolg. Wann haben Sie davon erfahren?

Das war kurz vor Weihnachten, ich war da in unserem Haus im Allgäu. Ich habe als Erstes das Team kontaktiert, dann kamen ein paar Glückwünsche rein. Gefeiert habe ich das aber nicht, ich habe das einfach genossen. Im Trubel vor Weihnachten war das eine wunderbare Überraschung.

Sie sind freischaffender Kameramann und Filmemacher, wohnen seit 2005 in Berlin. Wie kam der Kontakt zum Regisseur Shaunak Sen zustande?

Shaunak hat mich über einen Freund kontaktiert, er kannte meine Arbeit schon durch „Aquarela“ und andere Filme. Da er in Indien lebt, haben wir geskyped und geschaut, ob wir zusammenfinden. Das waren von Anfang an kreative Gespräche, deshalb war ich interessiert.

Der Film spielt in Indien. Wie lange hatten Sie im Voraus Zeit, sich mit der Gegend und den Protagonisten vertraut zu machen?

Normalerweise bekommt man aus finanziellen Gründen wenig Zeit sich vor Ort vorzubereiten. Ich versuche bei meinen Projekten aber immer so viel wie möglich vor Ort zu sein, das ist meine Bedingung. Bevor ich anfange zu Drehen möchte ich ein paar Tage lang den Ort und die Protagonisten kennenlernen. Diese Zeit haben wir uns bei „All That Breathes“ genommen.

Was war bei „All That Breathes“ anders?

„All That Breathes“ hat sehr viele Ebenen. Es ist nicht nur ein Portrait über Menschen, die gute Dinge tun, auch keine Tierdoku. Es geht um die Auswirkung unseres Tuns und die Verwundbarkeit unseres Planeten. Das sind Themen, die mich persönlich sehr beschäftigen. Und die Brüder zu sehen, mit welcher Liebe und Hingabe sie sich den Tieren verschreiben, hat mich fasziniert. Die haben nichts und geben so viel – das hat mir verdeutlicht, dass wirklich jeder seinen Beitrag leisten kann, um diesen Planeten zu erhalten, wie er ist.

Sie haben es mit „All That Breathes“ nach „Aquarela“ zum zweiten Mal auf die Shortlist der Oscars geschafft. Welche Gefühle löst das in Ihnen aus?

All die Aufmerksamkeit, ist wie ein Ritterschlag für mich. Generell muss man sagen: dass es die Filme überhaupt dahin hingeschafft haben, ist für uns Auszeichnung genug. Das was hier passiert, ist außerhalb unserer Vorstellungskraft. Wir hatten nie Geld für großes Marketing und davon leben die Oscars eigentlich. Jetzt sind wir dort auf der Shortlist und haben – das ist mir wirklich wahnsinnig peinlich zu sagen – so viele Preise gewonnen, dass ich fast den Überblick verloren habe. Das ist extrem surreal, Wahnsinn und supertoll.

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Sie sprechen von der Aufmerksamkeit einer echten Weltbühne. Ursprünglich kommen Sie aus Konstanz, weit weg davon. Wie haben Sie es geschafft, von Konstanz aus in die Filmbranche einzusteigen?

Mein Abitur habe ich auf dem Humboldt gemacht. Dort habe ich an der Film-AG angefangen und nebenher für das Akzent-Magazin gearbeitet. Sonst habe ich mit Freunden in Konstanz immer wieder Kurzfilme gedreht, das war ziemlich lustig. Aber eigentlich habe ich damals versucht, etwas anderes als die Kamera zu finden.

Weshalb?

Weil ich dachte, dass das Hirngespinste von mir sind (lacht). Ich bin zwar immer um die Kamera herumgekreist, aber die süddeutsche Erziehung hat mir eingebläut, dass man lieber etwas Ordentliches lernen sollte. Also habe ich mich eher für klassische Medienstudiengänge beworben und Praktika absolviert. Die Kamera war da zwar eine Idee, die immer rumgegeistert ist, die ich aber irgendwie eher vernachlässigen wollte.

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Und warum ist die Kamera schließlich doch in Ihrem Leben geblieben?

Wie viele andere, wollte ich wollte nach dem Abi aus Konstanz raus. Ich habe diesen Drang gespürt, mich weiterhin mit dem Medium Film zu beschäftigen. Deshalb habe ich die Handbremse gezogen – und nachdem ich an den Filmhochschulen abgelehnt wurde, habe ich Audiovisuelle Medien in Berlin studiert und währenddessen als Kameraassistenz gearbeitet. Dort habe ich erste Kontakte im Film geknüpft, wodurch alles Weitere seinen Lauf nahm.

Sie haben also von Beginn an freischaffend gearbeitet. War das immer ein Privileg? Seit wann können Sie davon leben?

Jegliche Art von kreativer Arbeit ist Privileg und Bürde zugleich. Wenn es funktioniert, ist es ein wunderbarer Luxus. Gleichzeitig ist es ein harter Kampf, der nie endet. Aber seit ich 2003 aus Konstanz weggezogen bin, lebe ich von der Arbeit beim Film. Bitte fragen Sie mich aber nicht, wie ich damals davon leben konnte. Das war mehr Faszination als Einkommen. Aber es ging. Das habe ich für meine Arbeit als Freelancer gelernt: Dinge mögen ungewiss sein, Arbeitsrhythmen wechselhaft – aber es geht.

Ben Bernhard: „Konstanz ist voll mit Erinnerungen für mich. Ich habe viele Jahre im Radieschen gekellnert und war dort als die ...
Ben Bernhard: „Konstanz ist voll mit Erinnerungen für mich. Ich habe viele Jahre im Radieschen gekellnert und war dort als die ‚singende Bedienung‘ bekannt.“ | Bild: Michael Scheyer

In Ihrem Fall bis hin zur Shortlist bei den Oscars. Wie geht es nun für Sie weiter?

Ich lebe mittlerweile seit 20 Jahren in Berlin, obwohl ich da nie hin wollte. Seit zwei Jahren verlege ich meinen Arbeits- und Kreativschwerpunkt Stück für Stück zurück ins Allgäu und an den See. Hier bin ich geboren, in der Altstadt bin ich aufgewachsen. Das war ein Luxus, den ich mein ganzes Leben lang vermisst habe (lacht).

Was verbinden Sie mit Konstanz?

Konstanz ist voll mit Erinnerungen für mich. Ich habe viele Jahre im Radieschen gekellnert und war dort als die „singende Bedienung“ bekannt. In meinen Schichten durfte ich immer die Musik auswählen, meist Jazz oder Indie, und dazu habe ich munter mitgesungen. Es ist an der Zeit, mein Leben etwas zu beruhigen und mehr hier in der Heimat zu sein.

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Aber eben auch in einer Heimat, die von Oscars und Cannes, recht weit weg ist. Wie geht es hier für Sie weiter?

Ich möchte mit ein paar Freunden einen Kunstverein und eine Produktionsfirma gründen, Kulturevents veranstalten und eine dauerhafte Artist Residency einrichten. Ideen gibt es viele – mal sehen, was sich ergibt. Erst mal schaue ich, was die nächsten Wochen bringen. Die internationale Aufmerksamkeit, die ich derzeit bekomme, ist spannend. Ich kenne das so nicht und versuche das erst mal zu Greifen. Ich bin gespannt, was das dann generieren wird. Hoffentlich spannende Projekte.