Konstanz Vom Bahnhof zum Zähringerplatz für 2,45 Euro: Wie teuer darf der Konstanzer Stadtbus sein?

Wieder einmal werden die Fahrpreise im Konstanzer Nahverkehr zum politischen Thema. Mehrere Parteien fordern Entlastungen, die Stadtwerke dagegen bangen um ihre Einnahmen. Und sagen: So teuer wie viele finden ist das Busfahren gar nicht.

Wie viel darf eine Busfahrt in Konstanz kosten? Ist es in Ordnung, Fahrgäste dass die kurze Strecke vom Bahnhof bis zum Zähringerplatz 2,45 Euro bezahlen müssen und damit genauso viel wie für den Transport vom Zentrum bis nach Wallhausen? Würde ein geringerer Fahrpreis mehr Menschen in den Stadtbus locken und einen Beitrag zur Verkehrsentlastung leisten? Und wäre es sinnvoll, das Busfahren an den besonders verkehrsintensiven Samstagen grundsätzlich kostenfrei zu machen und so auch den Einstieg in einen umlagefinanzierten öffentlichen Nahverkehr zu wagen? Ein Jahr vor der Gemeinderatswahl im Mai 2019 kommt ein Thema auf die Agenda, das fast alle Konstanzer betrifft: Immerhin steigt 12,4 Millionen Mal pro Jahr ein Fahrgast in einen Stadtwerke-Bus. Die Debatte kreist dabei um mehrere Aspekte.

  1. Der Konstanzer Stadtbus wird schon so stark genutzt, dass die Stadtwerke im Fahrpreis keine mächtige Stellschraube sehen. So jedenfalls sieht es Stadtwerke-Geschäftsführer Norbert Reuter. Bei gut 85 000 Einwohnern verzeichnet der Stadtbus 12,4 Millionen Beförderungsfälle. Zwar benutzen nicht nur Einheimische den Roten Arnold, aber die Marktdurchdringung des Angebots Stadtbus ist auch im Vergleich mit anderen ­Städten hoch. Die Stadtwerke folgern daraus, dass die Fahrpreise für viele Menschen kein Hinderungsgrund für die Bus-Nutzung seien. Die Linke Liste hält das für einen falschen Weg. Sie erhob im April die Forderung: „Runter mit den Buspreisen, damit die Lebensqualität steigt“. Ständig steigende Kosten für den öffentlichen Verkehr seien „nicht nur umweltpolitisch kontraproduktiv, sondern auch sozial unverantwortlich, weil sie Menschen mit schmalem Geldbeutel, die jeden Euro umdrehen müssen, empfindlich belasten“.
  2. Ob die Fahrpreis-Senkung in Radolfzell als Beispiel für Konstanz taugt, ist sehr umstritten. Während in Konstanz das Busfahren bereits jetzt fest im Alltag vieler Menschen verankert sei, habe in Radolfzell die Preissenkung (von 2,30 auf 1,00 Euro bei nur geringen Mehrkosten für die Stadt) einen größeren Effekt, entgegen die Stadtwerke auf einen entsprechenden Vorschlag der Linken Liste. Während in Radolfzell statistisch jeder Einwohner nur 25 Mal in den Bus steigt, sind es in Konstanz 145 Mal. Auch andere Zahlen zeigten, dass in der Nachbarstadt für den Stadtbus einfach viel mehr Luft nach oben ist als in Konstanz.
  3. Verglichen mit anderen Städten in Baden-Württemberg, ist das Busfahren in Konstanz nicht besonders teuer. Immer wieder wird der Vorwurf laut, die Buspreise in Konstanz seien zu hoch. Im Vergleich mit Ulm, Freiburg, Heilbronn, Baden-Baden, Heidelberg, Pforzheim und Tübingen (Durchschnitt 2,41 Euro pro Einzelfahrt) liegt Konstanz mit den 2,45 Euro leicht über dem Mittel. Die Tageskarten für Einzelpersonen (4,80 Euro) und Gruppen (9 Euro) sind vergleichsweise günstig. Auch die Monats- und Jahreskarten sind günstig, allerdings ist das Tarifgebiet in Konstanz auch deutlich kleiner als in manchen anderen Städten. Anderswo kann man oft eine längere Stecke zurücklegen. Dies trifft insbesondere auf Großstädte zu, so dass dort der Öffentliche Nahverkehr als preiswerter wahrgenommen wird.
  4. Ein Kurzstreckentarif wäre möglich, würde aber das Defizit erhöhen und den Kontrollaufwand vergrößern. Die Forderung nach einem Kurzstreckentarif im Stadtbus taucht immer wieder auf, zum Beispiel könnte er 1,50 Euro für bis zu drei Haltstellen betragen. Theoretisch möglich wäre das, sagt Stadtwerke-Chef Reuter. Allerdings würde das die Einnahmen deutlich schmälern – und zwar so stark, dass auch eine verstärkte Nachfrage dies nicht ausgleichen würde. So jedenfalls legen es interne Zahlen der Stadtwerke nahe. Außerdem hätten die Busfahrer mehr Aufwand beim Verkauf an einsteigende Fahrgäste, was den Bus langsamer machen würde. Und: Es müsste nach Einschätzung des Busbetriebs viel mehr kontrolliert werden, da manche Fahrgäste zwar eine Kurzstrecke kaufen, dann aber doch weiter fahren würden. Fachleute sprechen in diesem Zusammenhang vom Graufahren.
  5. Die Forderung nach Gratis-Busfahren an Samstagen lehnen die Stadtwerke aus mehreren Gründen ab. Die Freie Grüne Liste und das Junge Forum Konstanz bringen das Beispiel Tübingen vor: Weil dort ein Innenstadt-Parkhaus wegen Umbaus gesperrt ist, hat die Stadt das Busfahren am Samstag vorübergehend gratis gemacht. Die Stadtwerke lehnen das ab, weil ihnen aufs Jahr gerechnet rund 830 000 Euro Einnahmen entgingen. Und: Sie befürchten, dass bei einem Gratis-Angebot die Kapazitäten nicht reichen könnten und weitere Fahrzeuge eingesetzt werden müssten. Im Technischen und Umweltausschuss wird das Thema am Dienstag (ab 16 Uhr, Untere Laube 24) diskutiert. Eine „Anpassung des Tarifsystems“ lehnt die Stadtverwaltung laut einer Vorlage nicht generell ab – allerdings sollten erst die Ergebnisse aus der laufenden Studie zur tatsächlichen Busnutzung („Quelle-Ziel-Untersuchung“) vorliegen. Das sei Ende des Jahres zu erwarten.
  6. Möglicherweise bringt die Digitalisierung den Fahrgästen neue Möglichkeiten bei streckenabhängigen Bustarifen. Nahverkehrs-Anbieter in ganz Deutschland arbeiten am Projekt E-Ticket. Mit einer einzigen App auf dem Handy sollen Kunden ab 2019 in jeder Stadt einen Fahrschein kaufen können. Denkbar wäre auch ein Tarif mit einem Basispreis (für die Nutzung des Bus-Systems) und einem Streckenpreis (zum Beispiel 20 Cent pro Kilometer). Eine ähnliche Strategie verfolgt der Verkehrsverbund Bodo auf der anderen Seeseite schon jetzt.
  7. Eine Art Semesterticket für jeden, bei dem alle solidarisch mitzahlen, ist allenfalls Zukunftsmusik. Ein umlagefinanzierter Nahverkehr taucht in Debatten immer wieder auf, als Beispiel dient das Semesterticket für die Studierenden. Dabei zahlen alle einen Basisbeitrag für eine Basisleistung und wenn gewünscht einen vergleichsweise geringen Aufpreis für weitere Leistungen wie das Busfahren zur Hauptverkehrszeit. Grundsätzlich ließe sich so ein Modell auf die ganze Stadt und alle Bewohner ausdehnen – allerdings sind die politischen und rechtlichen Hürden hoch. Die Stadtwerke, sagt Geschäftsführer Reuter, rechnen nicht mit einer grundlegenden Systemumstellung in den nächsten Jahren.
  8. Das Buslinien-Angebot in Konstanz gilt als vorbildlich und soll sich unabhängig von der Tarif-Debatte weiterentwickeln. Vor 91 Jahren, 1927, hat in Konstanz der Betrieb von öffentlichen Omnibuslinien begonnen. Den Start machte eine Stecke nach Staad. Die Zahl der Fahrgäste ist seither stark gestiegen, wozu auch die Eingemeindungen in den 70er-Jahren beigetragen haben. Mit 14 Linien und einem 15-Minuten-Takt in nachfragestarken Zeiten gilt das Busangebot in Konstanz für eine Stadt dieser Größe landesweit als vorbildlich. Auf manchen Linien allerdings werden die Kapazitäten knapp. Untersuchungen zu einer grundlegenden Umstellung des Netzes haben jüngst begonnen.

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