Das Zimmer 129 ist lichtdurchflutet. Bett, Couch und Ohrensessel laden zum verweilen ein.

Dass dieser Ort im Steigenberger Inselhotel eine schaurige Geschichte verbirgt, das ahnen Gäste des Hotels noch nicht bei einem Blick durch den luxuriös eingerichteten Raum.

An der Wand links des Eingangs steht ein Zitat: “Wahrheit… Aufrichtigkeit… Stärke…”. Jan Hus soll es gesagt haben. Wo und wann, ist nicht bekannt. Bekannt ist, dass der Kirchenreformer während des Konstanzer Konzils hingerichtet wurde, auf dem Scheiterhaufen verbrannt.

Aber nicht bevor er über Monate in verschiedenen Kerkern gequält wurde – aufgefordert, seine Lehren zu widerrufen.

Durch einen niedrigen Durchgang erreichen Gäste einen Anbau, wo sie im ersten Stock mit Blick auf den See Speisen und Getränke zu sich nehmen können. Hier wurde Jan Hus brutal gefangen gehalten.

Bild: Lukas Ondreka

Erst von außen erkennt man den Gefängnisturm des ehemaligen Dominikanerklosters. Die Mönche sollen nicht zimperlich gewesen sein: Am Tag wurde er gefesselt und nachts in einen Verschlag gesperrt. Man überließ ihn Hunger und Krankheit.

Seinem Martyrium hat der Maler Carl von Häberlin ein großformatiges Wandgemälde im Kreuzgang gewidmet, da war das ehemalige Kloster schon zum Hotel umgebaut.

Bild: Lukas Ondreka

“Jan Hus war der erste long-stay guest”, sagt Peter Martin und grinst. Peter wird “Peta” ausgesprochen, denn Peter Martin ist gebürtiger Brite – aus London. Und das hören Gäste nicht nur, wenn er gerade Englisch spricht.

Jan Hus als erster “Dauergast”, britischer Humor halt. 1874, beim Bau des Inselhotels, sei der vormals frei stehende Gefängnisturm in das Hauptgebäude integriert worden, erzählt der 57-Jährige als er im Erdgeschoss durch den Kreuzgang führt.

Bild: Lukas Ondreka

An vier weiteren Orten in Deutschland hat Peter Martin für die Hotelkette gearbeitet. Aber in Konstanz, wo er das Inselhotel seit sechs Jahren leitet, gefalle es ihm sehr gut.

“Das Haus lädt ein zu Identifikation”, sagt er. Es sei der geschichtsträchtigste Ort, an dem er je gearbeitet habe. Orte mit dunkler Vergangenheit werden heute ganz pragmatisch genutzt. Peter Martin eilt durch die Küche und öffnet eine dickwandige Metalltür.

Bild: Lukas Ondreka

Kühle Luft entweicht dem winzigen Raum, die Klimaanlage springt an: Ein Getränkelager. Genau hier habe der arme Jan Hus im Winter geschmort. “Die Temperaturen dürften vergleichbar sein”, sagt Peter Martin und lacht.

Auf der Entdeckungstour referiert der Hobby-Historiker Zahlen, Daten, Fakten aus der bewegten Geschichte des Ortes. Er passiert ein weiteres Wandgemälde im Kreuzgang, es zeigt Eberhard Graf von Zeppelin.

Bild: Lukas Ondreka

Der Bruder von Luftschiff-Pionier Ferdinand Graf von Zeppelin und Gründer des Inselhotels schaut den Betrachter ernst an. Während alle anderen abgebildeten Figuren sich aufgeregt Kaiser Wilhelm II. zuwenden.

Der stattete Konstanz 1888 einen Besuch ab und übernachtete im Inselhotel. Der Besuch des Kaisers habe Zeppelin einen Schub an Gästen beschert, sagt Peter Martin. “Bis dahin hat der Graf zu kämpfen gehabt.”

Weiter geht die Entdeckungstour: zum Kapitelhaus, das gegenwärtig für viel Geld restauriert wird.

Bild: Lukas Ondreka

Der historische Bau aus der Klosterzeit, der während des Konzils die französische Nation beherbergte, diente dem Grafen Eberhard als Weinkeller.

Mit der ersten Eisenbahnverbindung nach Konstanz kamen vor der Jahrtausendwende viele vor allem adlige Gäste. Die wollten umsorgt sein. Bis zu 40.000 Flaschen Wein hätten hier Platz gehabt, sagt Peter Martin.

Heute lagern hier nur noch 2600 Flaschen.

Wein zu beziehen, das sei früher nicht so einfach gewesen wie heute. “Eberhard Graf von Zeppelin ist persönlich mit Pferdezügen in französische Weinanbaugebiete gereist”, sagt Peter Martin. Dort habe er mal eben 20.000 Flaschen Wein gekauft, um für die nächsten vier bis fünf Jahre versorgt zu sein. Und damals sei das Hotel nur im Sommer betrieben worden.

Der Direktor greift zu einer eingestaubte Weinflasche.

Bild: Lukas Ondreka

"Hier, ein Château Haut-Brion, Jahrgang 2002." Was kostet der? "So etwa 400 Euro."

Aber das sei heute gar nicht mehr so gefragt. Die Leute seien auch mit guten Bodensee-Weinen zufrieden. Und die hätten natürlich auch in der Qualität zugelegt. Peter Martin legt die teure Flasche zurück, sie liegt einsam im Regal.

Er verlässt den "Keller" des Kapitelhauses. Ein Keller, der vom Erdniveau nur durch eine winzige Stufe getrennt ist. "Aber es ist der tiefste Ort auf der Insel", sagt Peter Martin. Tiefer ginge nicht, dafür sei das Land hier zu sumpfig. "Die Gäste fragen uns häufig, warum wir keine Tiefgarage haben. Ich antworte dann, dass sie einen Neoprenanzug bräuchten."

Der Direktor eilt zum letzten Geheimnis der Entdeckungsreise. Im Kreuzgang passiert er ein weiteres Häberlin-Gemälde. Es zeigt eine Beerdigung.

Bild: Lukas Ondreka

Manuel Chrysoloras starb in Konstanz während des Konzils. Der berühmte Humanist aus Konstantinopel wurde in der Sakristei des damaligen Dominikanerklosters bestattet.

Heute befindet sich hier ein Raum für Weinproben.

1785 wurden die Mönche von der Insel vertrieben, das Kloster zu einer Färberei umfunktioniert. Die Schweizer Unternehmer ließen alle Gebeine entfernen, erzählt Peter Martin. Als Protestanten hätten sie es sich nicht verscherzen wollen – mit dem damals streng katholischen Konstanz.

Dabei seien die Gebeine des Manuel Chrysoloras verloren gegangen. Von dem Gelehrten zeugt noch ein Abdruck der Grabplatte, der beim Bau des Inselhotels in den Fensterbogen eingearbeitet wurde.

Bild: Lukas Ondreka

Bis vor Kurzem diente die ehemaligen Grabstätte des Manuel Chrysoloras Rauchern als Rückzugsort. Seit Ende 2017 ist das Inselhotel raucherfreie Zone.

Das sei der Trend, sagt Peter Martin. Und ergänzt mit einem Grinsen: “Noch dazu fand ich das immer etwas makaber.”

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