Die Tür zum Wohnzimmer steht offen. Nach nur einem Blick hinein wird sofort klar: Hier kann nur jemand leben, der Ukulelen von ganzem Herzen liebt. Unter der Treppe, die ins Obergeschoss der Wohnung führt, hängen sie – insgesamt sind es neun Stück. Schwarz, hellbraun, gemustert, aus Kunststoff oder mit einem roten Arm, der unter den Saiten leuchtet.

Bild: Wetschera, Wiebke

Daneben steht der stolze Besitzer der Ukulelen, Khayim Illia Perret. Er lächelt. Dann nimmt er sich eine der Ukulelen und zupft an einer Saite. Ein Ton erklingt. "Oh, die ist nicht gestimmt", sagt er. Er hängt sie zurück und greift eine andere. Wieder spielt er sie kurz an. Das breite Grinsen in seinem Gesicht beweist, dass diese Ukulele genauso klingt, wie sie klingen muss.

In jeder Ukulele steckt eine Erinnerung

Perret trägt ein weißes Shirt, eine blaue Jeans dazu. Eine Lesebrille hat er auf seinen von wenigen Haaren bedeckten Kopf geschoben. Nach der ersten Frage zur Ukulele springt er auf. Er läuft ins Wohnzimmer und kommt mit drei seiner Ukulelen zurück. Sanft legt er sie auf dem Tisch ab. "Ich kann besser darüber sprechen, wenn ich eine vor mir habe", sagt er. Die neun Ukulelen, die im Wohnzimmer hängen, sind nur etwa die Hälfte seines Besitzes. Insgesamt hat er mehr als 20 Stück. Doch die neun sind für ihn die wichtigsten – dazu zählt auch seine erste Ukulele.

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Die hat er ursprünglich gar nicht für sich gekauft, erzählt Perret. Er war leidenschaftlicher Gitarrenspieler, spielte in seiner Freizeit, auf Geburtstagen, auf Hochzeiten und auch Gute-Nacht-Lieder für seine Tochter. Die war vier Jahre alt, als sie beschloss, auch Gitarre spielen zu wollen. Doch das war zu kompliziert. Stattdessen gab es eine Ukulele. Das Interesse daran war schnell verflogen. Und so hatte die erste Ukulele schon nach kurzer Zeit ausgedient. Das war vor rund 15 Jahren. "Ich habe danach ewig keine Ukulele mehr gespielt", erinnert sich Perret.

Mit Gesang und Gitarre durchs Leben

Denn eigentlich war die Gitarre sein Instrument. Schon als junger Pfadfinder sorgte er im Lager für die musikalische Unterhaltung. Kein Wunder – denn seine Familie ist musikalisch. "Wir haben immer viel gesungen." Er erinnert sich daran, dass sie bei der gemeinsamen Fahrt in den jährlichen Familienurlaub immer zusammen musiziert haben. Rund sieben Stunden dauerte die Fahrt bis an die Adria, doch die Stimmbänder vibrierten die ganze Zeit. Den Gesang hat er sich bis heute bewahrt: "Ich habe nie aufgehört, zu singen", sagt er.

Im Alter von zehn Jahren kam die Gitarre dazu. Seine ersten Griffe lernte er auf der Gitarre seiner Mutter. Sie selbst spielte damit nie. Perret hingegen bekam einen Kurs von rund zehn Stunden. "Alles andere habe ich mir dann selbst beigebracht", sagt er. Seine erste eigene Gitarre bekam er mit zwölf Jahren. Die gibt es auch heute noch. Mit seinem zwei Jahre jüngeren Bruder habe er viel Gitarre gespielt. Sie haben sich auch nach ihrem Auszug aus dem Elternhaus noch jeden Freitag getroffen "und bis in den Morgen hinein gespielt." Eine Tradition der Brüder, die über rund 15 Jahre Bestand hatte. Die Liebe zur Gitarre verband sie. Bis sein Bruder starb.

Die Ukulele half gegen die Trauer

Nach dem Tod seines Bruders blieb Perrets Gitarre stumm. Das Gitarrespielen erinnerte in zu sehr an seinen jüngeren Bruder. Wegen der seelischen Probleme riet ihm sein Arzt, es mit dem Spielen doch wieder zu versuchen. Er habe immer so viel Spaß am Gitarrespielen gehabt. Doch er konnte es nicht mehr. Bis heute kann er keine Gitarre spielen.

Wieder bergauf ging es dann mit der Ukulele. 2014 entdeckte er in seiner Heimatstadt Zürich eine Ukulele-Gruppe. Er habe sofort gemerkt: "Das ist es", erinnert er sich. Jeden Mittwochabend traf die Gruppe sich im Park. Er war sofort fasziniert. "Nicht nur wegen des Instruments", sagt er. Sondern auch wegen der Treffen. "Ukulele ist ein soziales Ereignis." Er begann, immer mehr zu spielen. Überall, wo ihn früher die Gitarre begleitete, war nun die Ukulele dabei.

Uns hat Perret eine kleine Kostprobe gegeben:

Video: Wetschera, Wiebke

Perret ist 58 Jahre alt und hat schon viel erlebt. Er ist Vater von vier Kindern – drei Töchtern und einem Sohn. Er arbeitete als Pflegehelfer. Studierte erst Geschichts- und Sprachwissenschaft, dann Theologie. 15 Jahre lang arbeitete als Pfarrer. Bis 2009. In Zeiten der Arbeitslosigkeit hat er immer wieder als Pflegehelfer gearbeitet.

Er wuchs in Zürich und Umgebung auf. Ein leichter schweizer Akzent ist noch zu hören. Im April kam er der Liebe wegen nach Konstanz. Seit Juli ist er als Tellerwäscher im Wessenberg tätig. Erstmal für die Saison. Denn eigentlich hat er andere Pläne – und zwar mit seiner Ukulele. Er will Ukulele-Kurse anbieten und eine Ukulele-Gruppe in Konstanz gründen.

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Die Ukulele sei einfach zu erlernen. Und "das einzige Saiteninstrument, das man im Flugzeug als Handgepäck mitnehmen kann", sagt Perret. Er lacht. Dann nimmt er seine Ukulele in die Hand und spielt einige Akkorde. Es gebe nicht den typischen Ukulelisten, sagt er. Egal ob Geschäftsmann oder Hippie – das Ukulele-Spielen verbinde. Das soll es künftig auch in Konstanz. Die Ukulelen in der Truhe im Wohnzimmer warten schon auf ihren Einsatz.