Herr Müller, was ist Correlaid?

Wir sind eine Beratung für gemeinnützige Organisationen und unterstützen sie beim Umgang mit Daten. Das kann die Analyse von bestehenden Daten sein, aber auch die Beratung, wie die jeweilige Organisation Daten besser nutzen können. Wir wollen der erste Berührungspunkt in die große Welt der Daten sein und eine Brücke schlagen.

Das klingt sehr abstrakt. Können Sie ein Beispiel nennen?

Wir haben ein Projekt mit dem europäischen Jugendparlament abgeschlossen. Das bringt junge Leute aus 40 Ländern zu Konferenzen zusammen, um über die Zukunft Europas zu diskutieren. Die Organisatoren hatten den Verdacht, dass sich dort eher Kinder aus gut situierten Familien beteiligen, weil die Teilnahme einen finanziellen Aufwand darstellt. Um auch Jugendlichen aus sozial schwächeren Familien die Teilnahme zu ermöglichen, vergibt die Stiftung jetzt Reise-Stipendien.

Und da kommt Correlaid ins Spiel.

Genau. Wir haben die Daten der über 3000 Mitglieder analysiert auf soziale Hintergründe der Bewerber in den unterschiedlichen Regionen. Das soll Klarheit darüber bringen, wo das Stiftungsgeld am besten aufgehoben ist. Auf Basis unserer Empfehlung läuft das Programm nächstes Jahr an. Im Grunde ist aber jedes Projekt anders, Daten sind nicht nur Excel-Tabellen.

Sondern?

Jeder Text, jedes Bild, jedes Video sind Daten. Manchmal erkennt man die Daten nicht als wertvoll und wir wollen dabei helfen, das zu ändern. Denn auch aus Texten lassen sich wichtige und spannende Informationen gewinnen.

Zum Beispiel?

Wenn sich viele Leute regelmäßig bei einer Organisation um Stipendien bewerben, schauen wir uns an: Wer interessiert sich überhaupt für das Stipendium, ist es nur ein bestimmter Kreis? Der Organisation – in dem Fall war es eine amerikanische zur Unterstützung von deutschen Sozialunternehmern – kann sich dann überlegen: Wie sollten wir unser Marketing aufstellen?

Wie kommen Sie mit den Organisationen zusammen?

Bisher funktioniert das meist im persönlichen Gespräch oder auf Konferenzen. Dort dauert es keine zehn Minuten, bis man ein gemeinsames datenbasiertes Projekt hat. Egal, aus welchem Sektor die Organisation kommt.

Wie kamen Sie auf die Idee, Daten für gemeinnützige Organisationen zu sammeln klingt nach einer sehr schmalen Nische?

Das stimmt. Wir sind die ersten in Deutschland, die das Thema angehen. Auf die Idee kam ich in Schweden während meines Auslandssemesters. Ich wollte meine Statistik-Kenntnisse aus dem Politikstudium in die Praxis anwenden. Über Umwege bin ich während dieser Zeit auf eine amerikanische Organisation gekommen, die Nichtregierungsorganisationen mit Datenanalysten zusammenbringt. Inzwischen sind sie ziemlich groß, aber nicht in Europa aktiv. So kam das alles ins Rollen.

USA, Daten von 3000 Mitgliedern – das klingt nach großer Welt. Wie klein darf ein Verein sein, damit sich die Zusammenarbeit mit Correlaid lohnen würde?

Auf die Größe kommt es erst einmal nicht an. Wir arbeiten auch mit kleinen Pfadfindergruppen zusammen. Es geht darum, ob wir eine spannende Frage lösen können, ob wir einen Unterschied machen können.

Sie reden von uns und wir, wer ist denn dieses Wir?

Mittlerweile sind wir zehn bis 15 Leute, die ehrenamtlich mitarbeiten. Die Daten analysieren aber nicht wir, sondern unser deutschlandweites Netzwerk mit 450 Mitarbeitern. Wenn eine Organisation Interesse bei uns bekundet, schreiben wir das Projekt an das Netzwerk aus. Dort kann sich jeder einzeln um das Projekt bewerben und wir stellen das beste Team zusammen.

Gehören zu diesem Netzwerk dann ausschließlich Informatik-Genies?

Nein, und das macht es gerade spannend. Die Gründergruppe bestand vor allem aus Sozialwissenschaftlern. Inzwischen haben wir vom Biologen über den Programmierer bis zum Linguisten alles vertreten.

Was macht denn ein Linguist mit Daten?

Daten sind überall angekommen. Linguisten analysieren riesige Datenmengen in Form von Texten und Wörtern. Sie nehmen sich zum Beispiel alle Shakespeare-Werke vor, um zu prüfen, ob er seine Werke wirklich alle alleine geschrieben hat. Ein Berührungspunkt hat eigentlich jedes Fach. Aber man kann die Theorie aus den Seminaren bislang nur schwer an echten Problemen anwenden.

Regelmäßig treffen können Sie sich bei knapp 500 Netzwerkmitgliedern kaum. Wie schaffen Sie es denn, zusammenzukommen?

Wir sind dezentral organisiert. Auch weil jeder aus ganz Deutschland mitmachen können soll. Zweimal pro Jahr gibt es große Treffen, auf denen wir uns austauschen und neue Ideen erarbeiten. Außerdem planen wir auch lokale Zusammenschlüsse, an Orten, wo schon viele unserer Datenanalysten arbeiten.

Zählt da Ihr Stammsitz Konstanz auch dazu?

Wir wollen es auch hier angehen, ja. In Deutschland spielt sich Datenanalyse hauptsächlich in Berlin ab. Theoretisch könnte sie auch hier stattfinden. Für Correlaid ist das Problem in Konstanz eher, dass es keine Szene für soziales Unternehmertum gibt. Da fehlt es am Austausch. Das Schöne für uns ist, dass wir überall sein können. Sagen wir es einmal so: Konstanz ist kein großer Nachteil.

Bleibt es auf Dauer bei der Vereinsstruktur von Correlaid oder planen Sie, ein wirtschaftliches Unternehmen daraus zu entwickeln?

Uns gefällt die Vereinsstruktur eigentlich ganz gut. Da kann man viele Leute mitnehmen. Auf der anderen Seite stößt man an Grenzen bei größeren Projekten. Mittelfristig versuchen wir, die Finanzierung durch Stiftungen zu stemmen.

Wie entwickelt sich Correlaid weiter?

Aktuell läuft intern sehr viel. Einerseits laufen einige neue Projekte an. Andererseits wollen wir eine Handy-App für gemeinnützige Organisationen entwickeln. Darin sammeln wir alle möglichen datenbasierten Projekte, die andere gemeinnützige Organisationen schon durchgeführt haben. Damit bekommen Interessenten eine Idee davon, was überhaupt möglich ist. Es soll dem Satz vorbeugen: ‚Wir haben doch gar keine Daten.’

Wie ändert sich unsere Welt durch die Verarbeitung von Daten?

Die Frage wird gerade kontrovers debattiert. Ich kritisiere, dass es in Deutschland grundsätzlich eine negative Einstellung gegenüber Datenanalyse gibt. Die Skepsis ist zum großen Teil berechtigt, aber in Datenanalyse steckt eben auch ein großes Potenzial. Vor allem künstliche Intelligenz wird unser Leben verändern, wie wir es noch gar nicht vorstellen können. Die große Sorge ist: Stellt künstliche Intelligenz eine Gefahr für die Menschheit dar?

Tut sie es Ihrer Meinung nach?

In der nahen Zukunft nicht, glaube ich. Es wird keine Schauerwelt wie in Science-Fiction-Filmen entstehen. Die Gefahr ist eher, dass künstliche Intelligenz und Daten sehr stark mit Macht und Geld verbunden sein werden. Mit anderen Worten: Wer Geld hat, hat große Möglichkeiten. Correlaid will dazu beitragen, zu verhindern, dass es zu einer Zentralisierung von Macht durch Daten kommt und auch die Zivilgesellschaft von dem Potenzial profitieren kann.

Fragen: Benjamin Brumm

Zur Person, zum Verein

Johannes Müller (23) wurde in Stockholm geboren und kam 2012 zum Politik-Studium nach Konstanz. Derzeit studiert er an der University of Oxford (England). Neben dem Studium hat er Correlaid gegründet. Das als Verein organisierte Jungunternehmen will Datenanalysten aus ganz Deutschland mit gemeinnützigen Organisationen zusammenbringen. Ziel ist es, das Potenzial von Daten für die Zivilgesellschaft nutzbar zu machen. Ein Höhepunkt war die Auszeichnung durch Bundeskanzlerin Angela Merkel für soziales Engagement im Juni in Berlin. (bbr)