Das Zimmer mit der Nummer 12 befindet sich am Ende des Ganges. Ein großer Mann öffnet die Tür und bittet herein. Er heißt Noradeen Almahmada und lebt gemeinsam mit seiner Frau und zwei Kindern in dem schätzungsweise 20 Quadratmeter großen Ein-Zimmer-Appartement. Dort verbringen sie den Großteil ihres Tages. Links stehen zwei Kühlschränke und ein Sofa, rechts ein Etagen- und Einzelbett. Daneben ein weiteres Sofa sowie ein Fernseher, der kein Signal empfängt. Noradeen Almahmada fühlt sich und seine Familie von der Stadt Konstanz vernachlässigt: Seit mehr als einem Jahr wohnen sie in der Gemeinschaftsunterkunft in der Luisenstraße und hoffen, eine Wohnung außerhalb des Heims vermittelt zu bekommen. Bislang ist das nicht passiert.

In Mossul herrschte der „Islamische Staat“

Im Zimmer sitzt seine Frau Shilan Ibrahim auf dem Bett und kümmert sich um den fünf Monate alten Sohn Gan Nooraldin. Die 11-jährige Tochter Noura sei in der Schule, sagt der Vater. Er, seine Frau und die Tochter stammen aus Mossul, einer Großstadt im Norden des Iraks. 2014 nahm der sogenannte Islamische Staat die Stadt ein, drei Jahre später wurde sie durch die irakische Armee, Milizen und ausländische Partner zurückerobert.

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Doch die Befreiung hat die Familie nicht mehr miterlebt. Seit 2015 seien sie in Deutschland, sagt der 32-jährige Almahmada. Sie haben einen Aufenthaltstitel und bekommen Schutz, da in ihrem Heimatland Gefahr für Leib und Leben droht. Jetzt sind sie sicher, aber mit ihrer Wohnsituation unzufrieden.

Zu viert in einem Raum

„One room for four people is not normal“, findet Noradeen Almahmada, ein Raum für vier Personen sei nicht normal. Er spricht nur wenig Deutsch, sein Englisch ist etwas besser. Kenan Koca, ein Freund, übersetzt. Er kenne die Familie seit mehr als drei Jahren und helfe ihr immer wieder bei der Kommunikation mit Behörden.

Die Ausstattung des 1-Zimmer-Appartements ist einfach. Der Dusche fehlt beispielsweise ein Vorhang.
Die Ausstattung des 1-Zimmer-Appartements ist einfach. Der Dusche fehlt beispielsweise ein Vorhang. | Bild: Jonas Schönfelder

Almahmada und seiner Familie geht es nicht gut in dem Zimmer. Der Sohn sei häufig krank und schlafe unruhig. Die Sirene vorbeifahrender Rettungswagen und das Geräusch anfliegender Helikopter machten ihm Angst. Die Tochter sei in einem Alter, in dem sie einen eigenen Raum abseits der Eltern haben sollte, findet der Vater. Auch sie könne oft nicht schlafen. Die Mutter weine abends oft und auch der Vater wünscht sich mehr Rückzugsmöglichkeiten. „Ich sitze in diesem Zimmer fest“, sagt Almahmada.

Wenige Stunden vor Redaktionsschluss dieses Artikels schickt Noradeen Almahmada zudem mehrere Fotos, die Schimmelbefall in der Wohnung zeigen.

Am 17.12.2019 schickte Noradeen Almahmada dieses Foto. Demnach gibt es in der Wohnung nun ein Schimmel-Problem.
Am 17.12.2019 schickte Noradeen Almahmada dieses Foto. Demnach gibt es in der Wohnung nun ein Schimmel-Problem. | Bild: Noradeen Almahmada

Ärztliche Atteste belegen psychische Krankheiten

Dass die Wohnsituation die Familie belastet, belegen auch zwei medizinische Atteste, die dem SÜDKURIER vorliegen. Ein Arzt des Zentrums für Psychiatrie Reichenau bescheinigt Noradeen Almahmada unter anderem eine posttraumatische Belastungsstörung. Er schreibt, es sei aus medizinischer Sicht unbedingt notwendig, Noradeen Almahmada „den Wechsel in eine andere Wohneinrichtung oder eine eigene Wohnung einzuräumen, die ihm mehr Reizschutz und eine Verringerung von Konfliktpotential ermöglicht.“ Ein Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie bescheinigt der Tochter Noura unter anderem eine Angststörung. Für deren Steigerung spiele die „unzumutbare Wohnsituation„ sehr wahrscheinlich eine ursächliche Rolle, weshalb auch er einen zeitnahen Umzug empfiehlt. Die Atteste stammen aus dem Jahr 2018, als die Familie noch in einer anderen Unterkunft wohnte. Durch das aktuelle Zimmer habe sich an der belastenden Wohnsituation aber nichts geändert, sagt Freund Kenan Koca.

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Walter Rügert, Pressesprecher der Stadt Konstanz, schreibt auf die Frage des SÜDKURIER, ob das Bürgeramt von der psychologischen Situation wisse: „Die medizinischen Atteste sind dem Bürgeramt nicht bekannt und wurden bislang nicht vorgelegt.“ Dem widerspricht Koca: „Das stimmt nicht. Wir haben das alles abgegeben, ich war selbst dabei.“ Es steht Wort gegen Wort.

Familie fühlt sich ungerecht behandelt

Der Familie geht es vor allem um die Ungerechtigkeit, die ihr aus ihrer Sicht widerfährt. Almahmada und Koca behaupten, andere Familien hätten bereits eine Wohnung vermittelt bekommen, obwohl diese später in die Gemeinschaftsunterkunft in der Luisenstraße einzogen. Das sei richtig, sagt Pressesprecher Walter Rügert, liege jedoch auch an Erschwernissen bei der Wohnungsvermittlung, die in einem Gespräch mit der Familie Almahmada/Ibrahim thematisiert worden seien. Genauer könne er darauf nicht eingehen, weil es persönliche Belange der Familie betreffe.

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Rügert schreibt außerdem, die Stadt könne derzeit „leider keine größere Wohnung in einer anderen kommunalen Anschlussunterbringung oder in einer Wobak-Wohnung zur Verfügung stellen“. Das Bürgeramt habe der Familie aber zwei nebeneinander liegende Zimmer in der derzeitigen Unterkunft angeboten, was Noradeen Almahada abgelehnt habe. Es empfehle sich zudem, sich auch bei anderen Vermietern zu bewerben.

Bewerbungen für Wohnungen schwierig

„Ich rufe Leute mit freien Wohnungen an“, sagt Noradeen Almahmada. Aufgrund seiner geringen Deutschkenntnisse könne er sein Anliegen aber schlecht erklären und habe deshalb bislang keinen Erfolg gehabt. Dass es ein Angebot über zwei nebeneinander liegende Zimmer gab, bestätigt darüber hinaus sein Unterstützer Kenan Koca. „Die sind aber im Keller und das wollte Herr Almahmada nicht“, sagt er. Fenster hätten sie jedoch gehabt.

Koca betont, die Familie wolle die Stadt nicht schlecht machen. „Noradeen Almahmada hat Angst um die Gesundheit seiner Kinder.“ Alleine könne er auch im Keller leben, aber die Familie könne das nicht.

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