Jörg Heiligmann gehört nicht zu den Menschen, die die Tage bis zu ihrem Ruhestand zählen – auch wenn der bereits am 1. September kommt. "Das würde mir ja nichts bringen", sagt er. "Es kommt, wie es kommt. Ich bin nicht tieftraurig." Auch wenn der 66-Jährige bald schon nicht mehr berufstätig sein wird – die Liebe zu seiner Berufung nimmt er mit. "Ich werde mich ja nicht komplett aufgeben", erklärt er schmunzelnd. "Ich freue mich darauf, lateinische Schriftsteller nicht mehr als Archäologe zu lesen, sondern als Freund der Literatur." Was da der Unterschied ist? "Ganz einfach: Als Archäologe stelle ich mir ständig die Frage: Stimmt das? Unter welchen Gesichtspunkten war das damals so? Heute kann ich einfach nur sagen: Ach, wie schön ist das geschrieben."

Konstanz spielt heute die Hauptrolle

Seit 1993 leitet Jörg Heiligmann das Archäologischen Landesmuseum (ALM) in Konstanz. Damals hatte niemand damit gerechnet, dass die Konstanzer Dependance des Archäologischen Landesmuseums viele Jahre später die Hauptrolle im Land einnehmen sollte. Zunächst war die Zentrale in Stuttgart angesiedelt, die Zweigstelle in Konstanz. Erster Direktor wurde Dieter Planck, Präsident des Landesdenkmalamtes in Esslingen.

Jörg Heiligmann in einem Nachbau der Pfahlbauten im Museum. Im Hintergrund ein Poster des Bodensee.
Jörg Heiligmann in einem Nachbau der Pfahlbauten im Museum. Im Hintergrund ein Poster des Bodensee. | Bild: Schuler, Andreas

Jörg Heiligmann war Plancks Stellvertreter. Nachdem Planck 2009 in den Ruhestand gegangen war, wurde Heiligmann zum Direktor und Konstanz auf Empfehlung des Rechnungshofes zur Hauptstelle ernannt. "Ich war als Kind oft am Bodensee, da meine Patentante in Wangen am See lebte", erinnert sich Jörg Heiligmann. "Mir war also bekannt, wie schön es hier ist."

Lob von Landrat und Oberbürgermeister

Heute hat sich der anerkannte Experte der provinzialrömischen Archäologie einen in ganz Europa wohlklingenden Namen erarbeitet. Landrat Frank Hämmerle sagt zur heutigen Verabschiedung des Wissenschaftlers: "Über mehr als zwei Jahrzehnte hat Jörg Heiligmann das ALM entscheidend weiterentwickelt und nachhaltig geprägt. Es ist ihm gelungen, Menschen auf unterschiedlichste Weise für die Archäologie zu begeistern.“ Oberbürgermeister Uli Burchardt hört sich ähnlich an: "Mit seinen kreativen und innovativen Konzepten wie zum Beispiel den Playmobil-Ausstellungen ist es ihm gelungen, das Museum für die Stadtgesellschaft zu öffnen und verstärkt bei Kindern und Familien eine beeindruckende Resonanz für seine historischen Themen zu finden."

Faszination Ungewissheit

Die Liste der besonderen Ausstellungen im ALM ist lang. Gemeinsam haben sie eines: "Man kann sich nie ganz sicher sein, ob es wirklich so war vor mehreren tausend Jahren. Dann wäre es nur halb so spannend." Die Menschheit sei fasziniert von Dingen, die man sich nicht richtig erklären kann. Ein Beispiel ist für ihn Stonehenge in England. "Wir sind fasziniert davon", sagt Jörg Heiligmann. "Aber wie haben es die Menschen geschafft, solche riesigen Steinblöcke so zu postieren?", fragt er. "Waren es Druiden? Hatte das etwas mit dem Kalender zu tun? Auf was sind die Steine ausgerichtet? Himmelskörper? Sonnenlicht?" Das Faszinosum: Selbst die schlauesten Experten können diese Fragen nicht hundertprozentig beantworten. Die Erbauer haben uns keine Zeugnisse hinterlassen, ihre Welt ist längst untergegangen.

Die Entwicklung der Erkenntnisse

"Besonders für Laien ist das toll, wenn sie diskutieren können und lernen, dass die Wissenschaft nicht immer recht hat", so Jörg Heiligmann. Wissenschaftliche Erkenntnisse würden sich niemals linear entwickeln, sondern stets wie eine Spirale. Als Beispiel nennt er keltische Viereckschanzen, die in Süddeutschland häufig vorkommen. "Im 19. Jahrhundert hieß es: Das sind Römische Schanzen. Ich habe in den 70er Jahren gelernt, dass es sich dabei um Heiligtümer handeln würde." Ganz aktuell seien zwei solcher Schanzen ausgegraben worden, "und man hat festgestellt, dass es keltische Gutshöfe sind", so Heiligmann, der lachend hinzufügt: "Jetzt bin ich gespannt, wann diese Areale wieder als Heiligtümer gelten."

Playmobil als Aushängeschild

Die bundesweit beachtete Playmobilausstellung und seine Mitarbeiter – die Antwort auf die Frage seiner zwei schönsten Erinnerungen, die er in den nahenden Ruhestand mitnehmen wird, kommt schnell und wenig überraschend. Auch wenn er die Tage bis dahin nicht zählt.