Beim Blick in den Himmel wunderte sich Zahide Sarikas jedes Mal. Warum nur, so fragte sich das damals 14 Jahre alte Mädchen, gibt es in Deutschland keine Sterne? 40 Jahre ist das jetzt her. Damals war Zahide aus einem Dorf in Ostanatolien in die Industriestadt Duisburg gekommen, die unter einer Wolke von Smog lag. Ihr Vater war dort Gastarbeiter und holte nach der Frau und den Söhnen auch seine beiden Töchter zu sich nach Deutschland.

Heute ist Zahide Sarikas als SPD-Politikerin und engagierte Bürgerin in Konstanz stadtbekannt. Sie hat längst den deutschen Pass, Deutschland und Konstanz sind ihre Heimat geworden. Auf dem Weg dorthin hat sie viel erlebt: liebevolle Hilfen und abgrundtiefen Hass.

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Aufgeregt und neugierig seien sie gewesen, als vor 40 Jahren eine Maschine der Türkischen Airline sie und ihre zwei Jahre jüngere Schwester um 2 Uhr nachts in Düsseldorf absetzte, erinnert sich Zahide Sarikas. Die Mädchen kamen aus einem kurdischen Dorf in Ostanatolien, wo es keinen Strom und kein fließendes Wasser gab.

Dennoch hätten sie sich nicht arm gefühlt. Die Eltern hätten ein Steinhaus und mehr als 120 Schafe besessen. Die Familie habe sich selbst versorgt, im Sommer die Grundlage dafür geschaffen, dass alle im Winter genug zu essen hatten. Die Kinder machten an den dunklen Abenden an einer Petroleumlampe ihre Hausaufgaben.

Schläge vom Türkischlehrer in der Schule

Immer wieder sei Militär für Durchsuchungen ins Dorf gekommen. Als kurdische Aleviten, also Angehörige einer ethnischen und religiösen Minderheit, seien sie in die Türkei als Menschen zweiter Klasse behandelt worden. In der Schule habe man den Kindern verboten, Kurdisch zu sprechen.

Ein rein türkischsprachiger Lehrer habe ihnen manchmal auch mit Schlägen das Türkische eingebläut. Zur Religion, mit der sie aufwuchs, habe sie wenig Bezug, sagt Zahide Sarikas. Ihr sei vor allem ein ethisches Verhalten wichtig. Sie respektiere aber jeden, der eine Religion ausübe, solange diese nicht für Machtkämpfe missbraucht werde.

Die ersten acht Jahre in Deutschland verbrachte Zahide Sarikas in Duisburg, in einem Stadtviertel mit wenig Ausländern. Ein Kollege habe ihrem Vater den Tipp gegeben, nicht in eines der typischen Gastarbeiterviertel zu ziehen, damit die Kinder schnell Deutsch lernen. Der Vater hielt sich an den Rat, und den Kindern sei gar nichts anderes übrige geblieben, als sich rasch das Deutsche anzueignen.

Zahide Sarikas setzt sich privat, politisch und beruflich für die Integration ein. Vor 40 Jahren gehörte sie selbst zu den Fremden im Land. Damals war sie aus Ostanatolien nach Duisburg gekommen.
Zahide Sarikas setzt sich privat, politisch und beruflich für die Integration ein. Vor 40 Jahren gehörte sie selbst zu den Fremden im Land. Damals war sie aus Ostanatolien nach Duisburg gekommen. | Bild: Claudia Rindt
„Wir waren für unsere Nachbarn wahrscheinlich sehr exotisch“,
sagt Zahide Sarikas rückblickend.

Man habe sie aber herzlich empfangen, der Mama den Markt und andere Einkaufsmöglichkeiten gezeigt, die Kinder eingeladen und sie immer wieder mit kleinen Geschenken bedacht. Eine Frau sei mit der jugendlichen Zahide ein Stück aus der Stadt gefahren, um ihr zu zeigen, dass die Sterne auch von Deutschland aus zu sehen sind.

Sarikas sagt heute: „Vielleicht kommt es darauf an, wie man auf andere zugeht. Ich kann nur sagen, ich hatte nie Probleme.“ Deutschland sei für sie schnell das Land geworden, in dem sie nicht nur arbeiten, sondern dauerhaft leben wollte. In die Türkei dürfe sie inzwischen nicht einmal mehr einreisen. Sie führt dies auf ihre vielen kritischen Kommentare zum Erdogan-Regime in den sozialen Netzwerken zurück.

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Als Kind habe sie auch beim Fernsehen deutsch gelernt. Die Serien Unsere kleine Farm und Bonanza hätten sie und ihre Geschwister begeistert. Alle zwei Wochen aber habe sich die ganze Familie vor dem TV-Gerät versammelt. Denn dann seien die fremdsprachigen Nachrichten gesendet worden auf Italienisch, auf Portugiesisch, auf Spanisch und auf Türkisch.

Damals sei es noch recht schwierig gewesen, Informationen aus der früheren Heimat zu bekommen, und Kontakte zu Verwandten und Freunden dort zu halten. Einer habe an der Bosporus-Brücke gearbeitet, er sei über ein Telefon zu erreichen gewesen. Er wurde der Bote für Neuigkeiten, ebenso wie Zahide selbst. Sie schrieb für Freunde und Verwandte regelmäßig Briefe in die Türkei, teilweise auf dünnem Luftpost-Papier. „Anfangs dachte ich, die finden meine Schrift so schön, und fragen mich deshalb.“ Erst später habe sie verstanden, dass die meisten gar nicht oder kaum lesen und schreiben konnten, so wie auch ihre Eltern.

1984 lehrt Zahide Sarikas an der VHS türkischen Frauen das Lesen und Schreiben

Zahide Sarikas ließ diese Erfahrung keine Ruhe. 1984 startete sie in Kooperation mit der Volkshochschule einen Alphabetisierungskurs, in dem 70 türkische Frauen das Lesen und Schreiben lernten, auch ihre Mutter.

Acht Jahre lang lebte Zahide Sarikas in Duisburg, dann heiratete sie Ali, von dem sie inzwischen getrennt ist, dessen Vater in Konstanz einen Imbiss mit türkischen Spezialitäten betrieb. Das junge Paar konnte dort einsteigen.

Nach einem schwierigen Start ist sie heute in Konstanz zu Hause

Den Start in Konstanz beschreibt Zahide Sarikas als schwierig. Vor allem habe sie die Mundart nicht verstanden. Sie machte die Buchhaltung für den Laden, übersetzte für den Zoll, am Zentrum für Psychiatrie Reichenau und an Schulen. Doch freundschaftlicher Kontakt seien erst entstanden, als ihr Sohn auf der Welt war, und sie sich mit anderen für den Aufbau eines Waldorf-Kindergartens einsetzte. Heute sagt sie über Konstanz: „Ich bin hier zu Hause.“

Sie habe sich angewöhnt, aus jeder Kultur das Schöne mitzunehmen. Mit ihrem Sohn habe sie beispielsweise christliche und muslimische Feste gefeiert. Ihm sollte die Kultur, in der er aufwächst, nicht fremd bleiben.

2011 wird die Politikerin in ihrem Konstanzer Büro überfallen

Zahide Sarikas kam schon als junge Frau in Kontakt mit den Jungsozialisten. Als Mitglied der SPD steht sie alle Krisen ihrer Partei durch. Sie vertritt die SPD im Gemeinderat und im Kreistag von Konstanz. Privat und politisch tritt sie für die Integration ein und gegen Radikalismus, auch im Islam. Sie machte sich damit nicht nur Freunde. Im Jahr 2011 wurde sie als Landtags-Kandidatin für den Wahlkreis Konstanz-Radolfzell in ihrem Wahlkampfbüro in der Konstanzer Innenstadt brutal überfallen. Die Hintergründe wurden nie aufgeklärt.

Zahide Sarikas hatte lange mit den Folgen zu kämpfen. Bis heute meidet sie es, im Dunklen allein auf die Straße zu gehen. In ihrem Engagement aber hat sie nie zurückgesteckt: „Ich lasse mich nicht mundtot machen.“ Erst kürzlich ermunterte sie Menschen, die sich im Landkreis Konstanz haben einbürgern lassen, ihre Gesellschaft mitzugestalten, und sich in Vereinen und Parteien einzubringen, um so den Rechtspopulisten andere Meinungen entgegen zu setzen. „90 AfD-Abgeordnete im Bundestag. Das macht mir Sorge und Angst.“

Im Konstanzer Kreistag sitzen künftig zwei Vertreter der AfD. Sarikas hofft, dass sachliche Diskussionen möglich sind, und dass auf mögliche Provokationen keiner einsteigt.