Unterhaltungen mit Georg Schramm haben einen hohen Unterhaltungswert. Sie sind tiefgründig, spannend, durchaus auch mal albern und lustig. Eines sind sie jedoch nie: langweilig oder gar oberflächlich. Georg Schramm, der große (noch nicht so) alte Mann des politischen Kabaretts hat auch fünf Jahre nach dem Ende seiner aktiven Zeit viel zu erzählen. Einiges ist bekannt über den 70-Jährigen.

Seine Bühnencharaktere Rentner Lothar Dombrowski, Oberstleutnant Sanftleben und Drucker August sind jedem Freund des Kabaretts ein Begriff. Doch dass seine große Karriere in Konstanz begann – das wissen nur Insider der Szene. „Zwei entscheidende Personen in meiner Karriere sind Konstanzer„, sagt er. „Ernst Köhler und Ulrich Khuon.“ Der eine, Uni-Dozent Ernst Köhler, drängte Schramm zu seinen Soloauftritten in den 80er Jahren, als dieser in Konstanz lebte. Der andere, Theaterintendant Ulrich Khuon, engagierte Schramm für die Werkstatt, nachdem er ihn einmal im damaligen Theatercafe auf der Bühne sah. Doch der Reihe nach.

Aufgewachsen im mondänen Bad Homburg

Georg Schramm wuchs auf als Sohn eines Arbeiters in Bad Homburg. In dem Frankfurter Vorort ist bis heute der Geldadel beheimatet. Wer in Bad Homburg wohnt, der ist in der Lage, noch höhere Mieten oder Immobilienpreise als in Konstanz zu zahlen. Hier ist die Quandt-Dynastie beheimatet, eine der reichsten Familie Deutschlands überhaupt. Alfred Herrhausen, der 1989 bei einem RAF-Attentat in Bad Homburg getötete Vorstandssprecher der Deutschen Bank, hatte hier ebenfalls seinen Wohnsitz. „An dem Zebrastreifen, an dem damals die Bombe hochging, war ich als Jugendlicher Schülerlotse“, erinnert sich Georg Schramm. Vielleicht liegt in seinen täglichen Beobachtungen der urkapitalistischen Umwelt einer der Gründe, warum er später ein Gegner dieses Systems war. Wobei er sich mit der Bühne begnügte.

Georg Schramm mit seinem Programm Schlachtenbummler.
Georg Schramm mit seinem Programm Schlachtenbummler. | Bild: SK-Archiv

Das Studium der Psychologie führte ihn nach Bochum. „Vor meinem Studium war der Beruf des Psychologen noch verheißungsvoll“, blickt Georg Schramm zurück. „Als ich nach fünf Jahren dann fertig war, gab es kaum Stellen.“ Am südlichsten Zipfele der Republik jedoch fand er eine Anstellung: bei den Schmieder Kliniken in Gailingen. „Die ersten zwei Jahre habe ich dann in Radolfzell gewohnt, bis Schmieder sich auch bis nach Allensbach und Konstanz erweiterte.“ Er übernahm schließlich einen Posten in Allensbach und zog nach Konstanz. „Unser großes Glück war, dass mein Vorgesetzter sich mit seiner Frau zerstritt und dann ihre Wohnung in der Glärnischstraße frei wurde“, sagt Georg Schramm. Sarkasmus ist eines seiner Markenzeichen. „Als die beiden ein halbes Jahr später wieder zusammen kamen, waren wir glücklicherweise schon längst in der Wohnung. Pech gehabt.“

Georg Schramm bei einem Auftritt in Konstanz.
Georg Schramm bei einem Auftritt in Konstanz. | Bild: Archiv Johannes Brand

Seine beiden Töchter kamen in Konstanz zur Welt, sie wuchsen hier auf und verließen die Stadt erst im Erwachsenenalter. „Es war sehr schön für uns als Familie“, berichtet er. „Die Kinder hatten tolle Möglichkeiten mit dem Büdingen-Areal direkt vor der Haustür.“ Die heutigen Entwicklungen dort stoßen ihm zwar unangenehm auf – doch überrascht ist er nicht. „So ein tolles, attraktives Gelände“, sagt er. „Es war nur eine Frage der Zeit, ehe hier so ein Projekt entstehen würde.“ Die Tatsache, dass der Investor ein nobles Hotel errichten und am liebsten von der Umwelt abschotten würde, lässt Georg Schramm nicht kalt. „Die Gegner sollten vorgehen wie damals der Erwin Reisacher„, sagt er lachend. „Unvergessen, wie er am 1. Mai aus Protest am See entlang über die Zäune geklettert ist.“ Der damalige Konstanzer DGB-Chef und SPD-Stadtrat Erwin Reisacher war eine streitbare Person, er wollte nicht verstehen, dass direkter Zugang zum See nur den Reichen und Schönen möglich sein sollte. Heute lädt der See fast überall zum Schwimmen ein, das Ufer ist frei zugänglich.

Zusammen mit der Konstanzerin Hilde Schneider, die er auch heute noch als gute Freundin bezeichnet. Sie war mehr als zehn Jahre seine Co-Autorin und Regisseurin.
Zusammen mit der Konstanzerin Hilde Schneider, die er auch heute noch als gute Freundin bezeichnet. Sie war mehr als zehn Jahre seine Co-Autorin und Regisseurin. | Bild: SK-Archiv

Georg Schramm ging mit seiner Familie gerne ans Hörnle oder in die Schmugglerbucht. „Das sind wahre Oasen“, sagt er. „Auch in der Bisonstube auf dem Bodanrück waren wir oft.“ Er wurde bei Schmieder Betriebsratsmitglied, gewerkschaftlicher Vertrauensmann und entschied sich nach eigener Aussage erst „im letzten Moment“ gegen eine Laufbahn als hauptamtlicher ÖTV-Gewerkschaftssekretär. 1983 spielte er in Konstanz erstmals politisches Theater, er schloss sich dem von Ernst Köhler gegründeten Noie-Para-Theater an und trat an der Seite von Johnny Brand und Hilde Schneider erstmals im Fernmeldehochhaus in der Moltkestraße auf. „Das war damals ein besetztes Haus“, erinnert er sich. „Noch am Tag vor der Räumung hatten wir einen Auftritt. Aus der Szene in dem Haus entstand dann das K9.“ Es folgten Solo-Auftritte im Theatercafe gegenüber der chinesischen Bushaltestelle, wo heute eine Immobilienfirma beheimatet ist. „Das war fürchterlich, der zweite Auftritt ging voll in die Hose“, blickt er zurück. „Und doch stand Ulrich Khuon vor mir, der fand das super gut und wollte mich fürs Theater engagieren.“ Zweimal spielte er in der Werkstatt.

Die Karriere nahm ihren Lauf

Stück für Stück kristallisierte sich heraus, dass er für die Bühne geschaffen ist. 1988 nahm er bei Schmieder eine zweijährige Auszeit. Ein TV-Auftritt beim Sender Freies Berlin zog weitere Engagements in Norddeutschland nach sich und ebnete den Weg für ein hauptberufliches Kabarettistendasein, von dem er sich 2014 nach 29 Jahren auf der Bühne schließlich in den Ruhestand verabschiedete. Er gewann zahlreiche Preise, unter anderem den Deutschen Kleinkunstpreis, den Deutscher Kabarettpreis, den Salzburger Stier oder den Schweizer Kabarett-Preis. Einem breiten Publikum wurde er aber durch sein langjähriges Engagement im ARD Scheibenwischer bekannt, den er 2006 aus inhaltlichen und konzeptionellen Differenzen verließ. Seit Januar 2007 setzt er für das ZDF mit seinem Kollegen Urban Priol einmal monatlich live das gemeinsame Konzept der viel beachteten Politsatire Neues aus der Anstalt um.
Georg Schramm und Urban Priol wurden dafür mit dem Deutschen Fernsehpreis 2007 ausgezeichnet.

Heute lebt der dreifache Vater mit seiner zweiten Frau in Badenweiler im Markgräflerland. Wenn er die heutige Gesellschaft und aktuelle politische Entwicklungen betrachtet, dann wird ihm unwohl. „Aber es gibt auch Hoffnung“, sagt er. „Jetzt, wo die jungen Menschen endlich aus den Puschen kommen und die alten unter Druck setzen.“ Mit großer Freude habe er gehört, dass Konstanz als erste Stadt den Klimanotstand ausgerufen hat. „Selbst, wenn das nur ein Marketing-Gag gewesen sein sollte: Wer hätte vor zehn Jahren gedacht, dass man mit so einem Thema so viel erreichen kann?“