Ralf Kremer ist ein echter Typ. Um keinen Spruch verlegen ist der herzliche Mitmensch, den Schelm hat er stets im Nacken. Er vereint Spaß und Ernst auf sich. Immer wieder wird er bei dem rund 90-minütigen Gespräch mit dem SÜDKURIER gegrüßt von Personen, die ihn zufällig sehen im Strandbad Litzelstetten und ihn wiedererkennen; hier erzählt er eine kleine Anekdote aus seinem Sportlerleben, gibt dort einem angehenden Arbeitnehmer Ratschläge. Ralf Kremer steht mitten im Leben. Das jedoch wäre vor zwei fast zu Ende gewesen. Von einem Moment zum anderen. Doch der Reihe nach.

Ralf Kremer sitzt am Ufer des Bodensee in Litzelstetten und genießt das Leben. "Die Erkrankung war selbst verschuldet", sagt er ...
Ralf Kremer sitzt am Ufer des Bodensee in Litzelstetten und genießt das Leben. "Die Erkrankung war selbst verschuldet", sagt er rückblickend. "Ich habe viel zuviel gearbeitet, hatte zu viel Stress." | Bild: Schuler, Andreas

Wie so oft düste der Regional-Geschäftsführer der Barmer auch an einem Sonntag ins Büro, um die kommende Woche vorzubereiten. "Es gab immer etwas zu tun", erinnert sich Ralf Kremer. "Sieben Tage die Woche. Entweder es stapelte sich, die Termine reihten sich aneinander oder irgendjemand hatte eine Frage." An jenem Sonntag also fuhr wer seinen Computer hoch, öffnete eine Excel-Tabelle und sah – quasi nichts. "Ich konnte nichts mehr lesen", erinnert er sich. "Es war alles verschwommen."

Gefäßverschluss im Auge

Der damals 55-Jährige litt unter einer Zentralvenenthrombose, dem Verschluss des zentralen blutableitenden Gefäßes im Auge. Folge ist in erster Linie eine schmerzlose Verschlechterung dessen Sehkraft. "Ich hatte großer Glück, dass die Vene dort verstopft wurde und nicht im Gehirn oder am Herzen." So ist er, der Ralf Kremer. Auch im großen Pech entdeckt er noch großes Glück. Kopf oder Herz hätte Hirnschlag oder Herzinfarkt bedeutet.

Zu viel Arbeit, zu viel Stress

Er unterzog sich einer Lasertherapie – die erfolgreich war, so dass er heute wieder fast normal sehen kann. "Die Erkrankung war selbst verschuldet", sagt er rückblickend. "Ich habe viel zuviel gearbeitet, hatte zu viel Stress und habe zu wenig Wasser getrunken." Aufstehen, Termine, Termine, Termine, Termine, Pausen gab es nicht in seinem Berufsleben. "Teilweise habe ich erst abends bemerkt, dass ich weder feste noch flüssige Nahrung zu mir genommen hatte an dem Tag." Als Geschäftsführer war er rund um die Uhr im Einsatz – immer erreichbar. "Ich musste etwas Grundlegendes ändern", erzählt er. "Der zweite Warnschuss wäre vielleicht nicht so glimpflich ausgegangen."

Kein Nikotin, fast kein Alkohol

Die Erkrankung packte ihn – obwohl er nie geraucht hat und so gut wie keinen Alkohol trinkt. An diesem Nachmittag sitzt er in Shorts und T-Shirt am Bodensee und kann von sich behaupten: "Ich habe den Absprung geschafft. Und ich bereue keine Sekunde." Ralf Kremer verhandelte mit seinem Arbeitgeber und ging in Frührente. "Was hätte mir die Arbeit genutzt, wenn ich mit 60 am Infarkt gestorben wäre?", stellt er die rhetorische Frage.

Oberliga-Kicker bei der DJK

Ralf Kremer ist nicht nur als Versicherungsfachmann bekannt. Auch als Fußballer genießt er in der Handball-Hochburg Konstanz einen herausragenden Ruf – zumindest unter älteren Kennern der Szene. Als er 20 Jahre alt war, verpflichtet der damalige Oberligist DJK Konstanz den pfeilschnellen Torjäger von Hassia Bingen, der Kapitän der Südwestdeutschen Auswahl war. Als Gegenleistung für die fußballerischen Dienste gab eine Ausbildungsstelle im Einzelhandel sowie insgesamt rund 1800 Mark pro Monat. Immerhin war die Oberliga damals die dritthöchste deutsche Spielklasse.

Ralf Kremer mit 20 Jahren im Trikot von Hassia Bingen. Damals war er Kapitän der Südwestdeutschen Auswahl.
Ralf Kremer mit 20 Jahren im Trikot von Hassia Bingen. Damals war er Kapitän der Südwestdeutschen Auswahl. | Bild: privat

Zwei schwere Verletzungen bremsten seine Hoffnungen auf höhere Weihen jedoch nach rund zwei Jahren jäh. "Mit 22 musste ich meine Profilaufbahn beenden, bevor sie richtig begonnen hat", erklärt er. "Für mich ist eine Welt zusammen gebrochen." Als Quereinsteiger kam er zur Barmer – und dank einer erfolgreichen OP im Vincentius klappte es in den niederen Klassen auch mit dem Fußball wieder. Für diverse Mannschaften der DJK spielte er sogar bis ins hohe Fußballer-Alter von über 50 Jahren. "Mit 53 musste ich jedoch endgültig aufhören", sagt er schmunzelnd. "Die Schmerzen wurden zu groß."

Ralf Kremer und seine Frau Ljuba in den 80er Jahren.
Ralf Kremer und seine Frau Ljuba in den 80er Jahren. | Bild: Privat

Heute geht er gerne mit seiner Frau Ljuba wandern oder Ski fahren. "Ljuba heißt Liebe. Das passt", erzählt Ralf Kremer. "Wir sind ein Paar seit unserer gemeinsamen Schulzeit in Alzey." Die Liebe seines Lebens arbeitet in der Therme an der Kasse, drei erwachsene Töchter haben sie zusammen. "Das Leben ist schön", sagt der 57-Jährige. "Besonders hier am Bodensee. Wer es hier länger als zwei Jahre ausgehalten hat, der wir nie mehr gehen."

Ralf Kremer und seine Frau Ljuba.
Ralf Kremer und seine Frau Ljuba. | Bild: privat