Bis zur Eröffnung der Fasnacht am 11. November ist noch einige Wochen hin. Doch dürfte die Saison 2018/2019 in Konstanz anders ausfallen als bisher. Die Forschungen von Stadtarchivar Jürgen Klöckler leuchten das Vorleben des berühmten Narrenkomponisten und Dichters Willi Hermann aus, dessen Lieder bis heute intoniert werden. Sein bekanntestes Lied "Ja, wenn der ganze Bodensee..." wird jedes Jahr zum Finale der Konstanzer Fernsehfasnacht gesungen.

Klöckler kommt zu einem erstaunlichen Ergebnis: Hermann war früh in die NSDAP eingetreten und absolvierte nach der Machtergreifung 1933 eine Karriere als NS-Funktionär. Im Zweiten Weltkrieg war seine Einheit, in der er als Unteroffizier diente, an Kriegsverbrechen beteiligt. Mit hoher Wahrscheinlichkeit war Hermann bei den Erschießungen von Kriegsgefangenen dabei.

Der Weg zu diesen Erkenntnissen ist gewunden: Willi Hermanns 111. Geburtstag jährt sich am 23. November. Für dieses närrisch-runde Datum hatte die Große Narrengesellschaft Niederburg eine Gala geplant, in deren Mittelpunkt die launigen Verse und Weisen des närrischen Talents Hermann stehen sollten.

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Der nahende Geburtstag löste auch Fragen aus, zum Beispiel nach dem Lebenslauf des Mannes, der am 23. November im sinfonischen Rahmen geehrt werden sollte. 

Bild: privat

Die Fragen, die der SÜDKURIER etwa an Zeitzeugen und Weggefährten des berühmten Mannes stellte, liefen ins Leere. Niemand vermochte zu sagen, was Willi Hermann vor 1945 beruflich getan hat und wie er die NS-Zeit überstand. Seine Vita vor 1945 war nicht greifbar.

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Deshalb trat der SÜDKURIER an Jürgen Klöckler heran, den Stadtarchivar von Konstanz und Kenner der Geschichte des Dritten Reiches. Er wurde in deutschen Archiven sowie einem französischen Archiv dann fündig und konnte eine lückenlose Biografie zusammenstellen, die dieser Zeitung exklusiv vorliegt.

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Das Gutachten Klöcklers macht klar: Als Hermann im Alter von 24 Jahren in die NSDAP eintrat, tat er dies aus Überzeugung. Nach dem gescheiterten Staatsexamen (1931) setzte er seine Hoffnung auf Adolf Hitler und seine Bewegung, die ihn nach dem 30. Januar 1933 mit Posten belohnte. Eine seiner Aufgaben bestand in Propagandareden, die er vor dem Landvolk in Stockach und Umgebung zu halten hatte.

Bild: Bundesarchiv Berlin-Lichterfelde

Zitate daraus zeigen, dass Hermann kein Mitläufer war. Er diente – seinen Reden zufolge – als überzeugter Nationalsozialist und Antisemit. Es war die reine NS-Lehre, wenn Hermann etwa sagte: „Hitler ist Deutschland und Deutschland ist Hitler. Über Gräber vorwärts!“ Sein Vorgesetzter, der Karlsruher Kreisleiter Worch, lobte ihn als „sehr guten Redner, absolut gefestigt im Sinne der NSDAP.“

Bild: Bundesarchiv

1940 musste Willi Hermann bei der Wehrmacht einrücken. 1943 war seiner Einheit befohlen worden, 2500 entwaffnete Italiener zu erschießen. Dem kam sein Bataillon nach. Der Stadtarchivar beschreibt es so: „Willi Hermann war zweifellos in eines der schwersten Kriegsverbrechen mit der direkten Beteiligung von Wehrmachtseinheiten verwickelt. Ob er selbst geschossen hat oder seiner Grenadier-Einheit Erschießungen befohlen hat, kann nicht mehr geklärt werden.“

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Nach dem Krieg und der Internierung durch die Franzosen (von ihm als „Kriegsgefangenschaft“ retuschiert) fing der nun 42-Jährige von vorne an. Er ging nach 1949 wechselnden Arbeiten nach. Größten Erfolg hatte er in der Fünften Jahreszeit. In seiner Heimatstadt Stockach saß er 16 Jahre lang im Narrengericht.

In Konstanz dichtete er schmissige Weisen. Als Büttenredner zählt er zu den Stars. Er wusste, wie man auftritt und Pointen setzt. „Er konnte bei einem breiten Publikum als Komponist und Büttenredner Anerkennung erlangen, das von seiner vormaligen Tätigkeit nichts wusste“, schreibt Jürgen Klöckler.

Willi Hermanns bekanntester Hit

  • Willi Hermann (1907 bis 1977) dürfte den meisten Menschen wenig sagen. Doch werden seine Lieder und Couplets bis heute gesungen – weit über Konstanz hinaus. Der talentierte Texter und Komponist konnte nicht nur Klavier spielen; auch die Verse gingen ihm leicht von der Hand. Auf Anfrage dichtete er häufig für andere Gemeinden, etwa für seine Heimat Stockach oder für Schweizer Gemeinden ("Du liebes Stei am Rhii").
  • Der Schlager: Landesweit bekannt ist bis heute Hermanns Lied "Ja, wenn der ganze Bodensee, ein einzig Weinfass wär...". Es wurde auch in diesem Jahr bei der Fasnacht im Konstanzer Konzil intoniert und vom SWR im Fernsehen übertragen. Den Rahmen dafür bietet das große Schlussbild. Ob der SWR als öffentlich-rechtlicher Sender an dieser Tradition nach den jüngsten Erkenntnissen über den Fasnachter Hermann festhält, das wird die Zukunft zeigen.