Halb versteckt hinter einem Bauzaun knien Frauen und Männer im Dreck der Großbaustelle. Hier soll bald ein neues Wohnquartier entstehen. Mit Schaufeln, Maurerkellen und Pinseln schaffen sie Erde beiseite.

Seit März laufen die archäologischen Grabungsarbeiten auf dem ehemaligen Gelände des Vincentius-Krankenhauses. Mehr als 600 Skelette haben die Archäologen bereits gefunden, weitere werden folgen. Denn hier liegt ein Teil des einstigen Schottenfriedhofs, der vom Spätmittelalter bis ins 19. Jahrhundert der Hauptfriedhof in Konstanz war. Immer mehr Schädel, Kieferknochen und Gebeine kommen zum Vorschein.

Sechs Massengräber haben die Archäologen bereits gefunden. Bis zu seiner Schließung im Jahr 1870 wurden auf dem Schottenfriedhof bei verheerenden Ereignissen immer wieder Menschen in großen Gruppen verscharrt. Die Toten in der Grube könnten Pest-Opfer sein oder Opfer von der Schlacht auf der Rheinbrücke im Jahr 1548. Grabungsleiter Jens Gutperle ist an seiner orangenen Sicherheitsweste zu erkennen. Geduldig beaufsichtigt der 41-Jährige die Mitarbeiter, die in diesem Massengrab die Gebeine von Toten freilegen.

Jens Gutperle arbeitet für das Unternehmen Archäograph, das die Grabungen an der Laube durchführt. Das Landesamt für Denkmalpflege beaufsichtigt die Arbeiten. Der gebürtige Heidelberger und sein Team stehen unter Zeitdruck. Anfang nächsten Jahres sollen Gebäude des Krankenhauses mit schwerem Gerät abgerissen werden. Bis dahin muss die Rettung der Skelette abgeschlossen sein. "Was wir hier ausgraben, ist wichtig. Es gehört zu unserem kulturellen Gedächtnis", sagt der Archäologe.

Im früheren Vincentius-Krankenhaus sind viele Konstanzer zur Welt gekommen. Bald wird der graue Bau einem Wohnquartier namens Laubenhof weichen. Dort, wo die Tiefgarage für die künftigen Bewohner gebaut werden soll, heben drei Arbeiter ein Massengrab aus.

Bauherr ist eine Immobilientochter der Landesbank Baden-Württemberg, die sich beim Kauf des Areals verpflichtet hat, die archäologische Grabung zu finanzieren. Die Kosten schätzt das Unternehmen auf einen hohen sechsstelligen Betrag.

Die Skelette auseinanderzuhalten, ist schwierig. Stück für Stück arbeiten sich die Grabungshelfer in dem Massengrab vor. Sie finden einen Schädel, den sie vorsichtig in einem Plastikbeutel verstauen.

Gräber, in denen nur eine Person zur letzten Ruhe gebettet wurde, machen es dem Team leichter. Die Skelette werden sorgfältig freigelegt, markiert und fotografiert. "Mit einer speziellen Methode zur Dokumentation erfassen wir die Grabungsstätte dreidimensional", sagt Jens Gutperle. So lasse sich im Nachhinein jedes Skelett genau verorten. Alles muss korrekt dokumentiert werden.

Ist alles dokumentiert, werden die Skelette in Kisten verpackt. Ihr Ziel: Das Archiv des Landesamts für Denkmalpflege in Rastatt bei Karlsruhe. Dort werden sie sicher eingelagert. Doch zuvor gehen die Knochen für eine Erstuntersuchung durch die Hände einer Wissenschaftlerin in Konstanz.

Etwa 500 Meter von Vincentius entfernt, mitten in der Konstanzer Innenstadt, liegen Schädel, Gebeine und Kieferknochen der Grabungsstätte in einem Büro. Durch die geöffneten Fenster dringt der Lärm der Wessenbergstraße herein. Hier arbeitet Carola Berszin.

Die 53-Jährige ist selbstständige Archäologin und Anthropologin. Sie arbeitet bundesweit an archäologischen Projekten. Im Auftrag der Vincentius-Grabung übernimmt sie die erste Untersuchung der Knochen. Hierfür legt Carola Berszin die Skelette einzeln auf einem großen Tisch aus.

Alter und Geschlecht grenzt die erfahrene Anthropologin anhand bestimmter Merkmale ein: Die Stärke der Wulst über den Augen eines Schädels und die Form des Hüftknochens geben ihr darüber Auskunft, ob es sich um eine Frau oder einen Mann gehandelt hat.

Auch zu Krankheiten und Gewalteinwirkungen stellt sie erste Vermutungen an. "Jedes Skelett erzählt eine Geschichte", sagt Carola Berszin. Sie zeigt auf die gut erhaltenen Zähne in einem Unterkiefer. "Da, die Rillen auf den Zähnen. Dieser Mensch hatte Stress an einem Punkt in seinem Leben." Unterernährung oder Krankheit könnten Gründe dafür gewesen sein.

Der Bauboom in Deutschland sorge für volle Auftragsbücher, sagt die Anthropologin. Zwei Mitarbeiterinnen gehen ihr deshalb mit der Vorbereitung der Knochen zur Hand. Die Skelette kommen verschmutzt von der Grabungsstätte. Mit lauwarmem Wasser müssen sie vom Dreck befreit werden. Simone Beck wäscht mehrmals die Woche Knochen für Carloa Berszin.

Die 43-Jährige arbeitet eigentlich bei der Staatsanwaltschaft Konstanz. Knochen waschen, das mache sie nebenbei. "Das hat etwas Meditatives", sagt Simone Beck. Damit die Gebeine beim Schrubben nicht beschädigt werden, greift sie auch mal zu filigranem Besteck, wie es Zahnärzte einsetzen, oder zu einer weichen Zahnbürste.

Nach dem Waschen müssen die Knochen trocknen. Hierfür werden Sie in Trockenschränken auf Zeitungspapier platziert. Bis zu 60 Skelette gehen jeden Monat durch die Hände von Carola Berszin und ihren Mitarbeiterinnen.

Zwischen den Knochen finden die Archäologen auch immer wieder persönliches Hab und Gut. Etwa Knöpfe, die teils aufwendig gearbeitet sind. An Ihnen lässt sich ablesen, welchen gesellschaftlichen Stand die begrabene Person zu Lebzeiten hatte. Neben Knöpfen haben die Archäologen bei den Grabungen auch dritte Zähne auf dem Vincentius-Gelände gefunden.

Nach der Erstuntersuchung verpackt Carola Berszin Fundstücke und Knochen in Plastikbeuteln, beschriftet sie und verstaut sie in Kisten. Dutzende stehen im Büro von Carola Berszin und warten darauf, in das Landesarchiv in Rastatt transportiert zu werden. Bis jemand erneut die Kisten öffnet, um mehr über die Geschichte der Knochen zu erfahren, finden sie dort ihre (vorerst) letzte Ruhe.