Nur wenige Meter trennen den Balkon der Familie Steidle und den Neubau in ihrem Garten. Auf 94 Quadratmetern sollen hier in Hilzingen fünf Räume entstehen. Das Besondere: Es ist kein normales Wohnhaus, sondern ein Neubau speziell ausgelegt für Kindertagespflege. Und die Bauherren sind nicht etwa die Gemeinde oder ein privater Investor, sondern zwei Schwestern. Sandra Steidle und Lisa Bühler betreuen seit zwei Jahren Kinder in Hilzingen und Worblingen. Schon jetzt arbeiten sie meistens gemeinsam, künftig wollen sie dafür auch eine gemeinsame Adresse haben. Nachdem sich die Suche schwierig gestaltete, ergriffen sie nun die Initiative.

Ein Blick auf die Baustelle: Links der Neubau für die Tagesmutter-Betreuung der beiden Schwestern, rechts das Wohnhaus von Sandra Steidle und der gemeinsamen Mutter.
Ein Blick auf die Baustelle: Links der Neubau für die Tagesmutter-Betreuung der beiden Schwestern, rechts das Wohnhaus von Sandra Steidle und der gemeinsamen Mutter. | Bild: Arndt, Isabelle

Gespielt wird künftig nebenan statt im privaten Wohnzimmer

Im Wohn- und Esszimmer von Sandra Steidle stapelt sich das Spielzeug. Hier steht eine Kiste mit buntem Holzspielzeug, dort eine Kinderküche und im Flur reihen sich drei Hippos, mit denen Kinder durch die Wohnung flitzen können. Unter den Kindern sind mit Maja und Lea nicht nur die dreijährigen Töchter der Schwestern, sondern auch Kinder anderer Mütter. Sieben Kinder zwischen wenigen Monaten und 14 Jahren können sie gleichzeitig betreuen, erklären die Schwestern. Mit zwölf Eltern haben sie Tagesmutter-Verträge für wochentags zwischen 7 und 18 Uhr. Damit sie mehr Platz zum Betreuen haben, brauchten sie eigene Räume.

Keiner wollte sieben Kinder in seiner Wohnung

Monatelang suchten sie danach. Doch das Ergebnis war ernüchternd, sagt Sandra Steidle: Keiner habe sieben Kinder in seiner Wohnung sehen wollen. Auch die Unterstützung des Hilzinger Gemeinderats habe nicht zu Räumen verholfen. Im Frühjahr 2018 habe ihr Mann dann vorgeschlagen, den eigenen Garten für Betreuungsräume zu nutzen, sagt die 38-jährige Mutter. „Wir konnten es entweder selbst in die Hand nehmen oder verwerfen – und das war keine Option.“

Noch stehen sie zwischen Gerüst und Baumaterial, im September soll der Neubau fertig sein.
Noch stehen sie zwischen Gerüst und Baumaterial, im September soll der Neubau fertig sein. | Bild: Arndt, Isabelle

Bis der Bau los gehen konnte, brauchte es Zeit, Geld und Nerven. „Wir dachten eigentlich, dass wir ein halbes Jahr früher starten“, erklärt Sandra Steidle. Doch die Baufreigabe habe auf sich warten lassen. Wegen der Kinder gebe es einige Vorgaben. Immer wieder habe sie Unterlagen nachreichen müssen, bis im Mai die Erlaubnis kam. Inzwischen stehen schon die Wände und diese Woche sind Innenputz und Fenstereinbau geplant. Anfang bis Mitte September soll der Neubau fertig sein, dann können hier die Kinder spielen. Schon jetzt ist die Baustelle direkt vor der Tür täglich Thema: Statt mit einem „Hallo“ würden sie von den Kindern auch mal mit dem Wort „Bagger“ begrüßt, erzählt Lisa Bühler lachend.

Innenputz und Fenster stehen als nächstes auf dem Bauplan.
Innenputz und Fenster stehen als nächstes auf dem Bauplan. | Bild: Arndt, Isabelle

Gemeinde unterstützt die Schwestern

Die Gemeinde wird Miete sowie Nebenkosten übernehmen, erklären die Schwestern. Das entsprechende Tiger-Modell habe sich bewährt – Tiger steht für Tagespflege in anderen geeigneten Räumen. Dabei betreuen zwei Tagesmütter bis zu zwölf Kinder in Räumen, die weder zum Haushalt der Tagesmutter noch der Eltern gehören. Eine 450-Euro-Kraft muss parat sein für den Fall, dass eine der beiden Tagesmütter ausfällt. Zwei Drittel der Betreuungskosten würden dann vom Land übernommen, ein Drittel tragen die Eltern, erklärt Sandra Steidle.

Rund 300 Kitaplätze gibt es laut Bürgermeister Rupert Metzler aktuell in Hilzingen. Der klassische Land-Kindergarten mit Betreuungszeiten von 8 bis 12 und 14 bis 16 Uhr passe dabei nicht mehr zum Lebensalltag von Familien. Doch eine komplette Betreuung auch in Randzeiten könne die Gemeinde nicht leisten – auch deshalb seien Tagesmütter so wertvoll. Rund 20 arbeiten aktuell in Hilzingen, die Schwestern Steidle/Bühler unterstütze die Gemeinde gerne: „Das ist eine hervorragende Maßnahme“, sagt Metzler, weshalb die Gemeinde rund 15 000 Euro Investitionskostenzuschuss investiere.

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Der Spielplatz im Garten soll erhalten, aber erweitert werden.
Der Spielplatz im Garten soll erhalten, aber erweitert werden. | Bild: Arndt, Isabelle

Gemeinsam betreut es sich besser, meinen die beiden

Weil die Schwestern keine gelernten Erzieherinnen sind, ist die Platzzahl auf sieben beschränkt. Einzeln dürften sie mehr Kinder betreuen, doch ihnen sei die Zusammenarbeit wichtig. „Wenn du alleine bist, musst du überall gleichzeitig sein“, sagt Lisa Bühler. „So kann einer nach den Kindern sehen, während die andere kocht.“ Die Schwestern hätten sich schon immer gut verstanden und die beiden Kinder würden wie Schwestern aufwachsen. Da habe es nahegelegen, sich auch für die Tagespflege zusammen zu tun.

Der Neubau bedeutet vorerst keine neuen Plätze für Hilzinger Kinder: „Die Kinder, die wir künftig betreuen, sind noch nicht geboren“, prognostiziert Lisa Bühler. „Die Eltern rufen an, wenn die Babys gerade auf der Welt sind.“ Für Anfang 2020 hätten sie kürzlich zwei Plätze vergeben, die innerhalb kurzer Zeit belegt waren. Für Herbst 2020 können sie voraussichtlich wieder neue Kinder aufnehmen, wenn andere in den Kindergarten wechseln. Der Bedarf an Betreuungsplätzen sei groß, beobachten die Tagesmütter: Manchmal würden sie ein oder zwei Anfragen pro Woche erhalten. Auch Randzeiten-Betreuung sei gefragt, wenn Eltern zum Beispiel vor oder nach dem Schulunterricht arbeiten müssen.

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