Der Frust ist Angelika Straub deutlich anzuhören, als sie über die vielen armen Menschen in Deutschland spricht. „In diesem reichen Land“, sagt sie fassungslos. Sie weiß von Menschen, denen der Strom abgestellt wurde, die viel zu wenig Rente erhalten, die sich eine Brille oder Waschmaschinenreparatur nicht leisten können. Oder gar ein Hörgerät – in der Regel zwei – das trotz Zuzahlung der Krankenkasse für sie unerschwinglich bleibt.

Reinhard Kimmich und Angelika Straub vom Diakoniefonds der evangelischen Kirchengemeinde Allensbach
Reinhard Kimmich und Angelika Straub vom Diakoniefonds der evangelischen Kirchengemeinde Allensbach | Bild: Nikolaj Schutzbach

„Ich denke, das kann es doch nicht sein“, erklärt die Vorsitzende des Diakoniefonds der evangelischen Kirchengemeinde. „Ich finde, dass die Armut auch in Allensbach zugenommen hat. Das sieht man in dem reichen Allensbach nicht sofort. Man erkennt die Armut nicht unbedingt, wenn die Menschen gut angezogen sind, obwohl die Kleidung aus einer Kleiderkammer stammt“, erzählt Straub.

Die kleine Gruppe wirkt eher im Verborgenen. Etwa sechs bis acht Helfer bilden den harten Kern. 80 Menschen zahlen eine Art jährlichen Beitrag, der nur zehn Euro beträgt. Der Diakoniefonds war einige Jahre lang als selbstständiger Verein organisiert gewesen. Hervorgegangen sei er 1986 aus dem Krankenpflegeverein, der mit Einführung der ersten Pflegeversicherungen in den Diakonieverein umgewandelt wurde, berichtet Reinhard Kimmich. Später wurde er dann in den Kirchengemeinderat eingegliedert. Die aktiven Mitglieder sind diesem als Beiräte angeschlossen.

Kurzfristige, finanzielle Hilfe

Die Unterstützung des Fonds richte sich an Menschen in Not, erläutert Kimmich. Menschen, die finanziell nicht mehr ein oder aus wüssten. „Wir habe so etwa 25 Empfänger jedes Jahr“, berichtet Kimmich. Das Geld gebe es kurzfristig, aber nicht auf Dauer. Außer den kleinen Beträgen gebe es natürlich auch anderweitige Unterstützung, betont er.

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„Wir vermitteln weiter, etwa an die Diakonie in Radolfzell oder die Schuldnerberatung. Es können aber auch mal so kleine Dienste sein wie den Hof kehren oder Schnee schippen. Oder wir schicken einen Jugendlichen los, wenn ein älterer Mensch Probleme mit seinem Handy hat“, erzählt Kimmich.

Auch Migranten konnten sie schon helfen, vor allem, wenn es um formale Dinge ging. In einem Fall bekam ein Mann Probleme, weil er ohne sich abzumelden eine Reise in den Kongo gemacht habe, schildert Reinhard Kimmich ein Erlebnis. „Ich habe ein Schreiben aufgesetzt, damit wieder Geld fließt“, berichtet er.

Mit Engagement gegen die Einsamkeit

Neben Geld und organisatorischer Unterstützung kümmert sich der Diakoniefonds auch um einsame Menschen. „Nicht Integration sondern Segregation findet statt“, fasst Kimmich seine Beobachtungen zusammen. „Sie sind froh, wenn man ihnen zuhört“, ergänzt er. „Ich habe vier Kinder und sechs Enkel. Das haben andere nicht, und damit keine Familie, in der sie ihre Probleme besprechen können“, erklärt Kimmich.

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Alleinsein trifft wegen der Corona-Pandemie auch Jüngere. Angelika Straub erzählt von ihrer Tochter, Anfang 30, die ebenfalls betroffen sei. Wie vielen Singles fehle auch ihr der Kontakt zum Freundeskreis. Besonders abends nach der Arbeit seien die Beschränkungen deutlich zu spüren. „Man darf nicht weggehen, nicht einmal einen Film anschauen mit jemandem“. Daher rufe sie ihre Tochter häufig an.

Telefonieren gegen die Einsamkeit war auch eine große Aktion, die der Diakoniefonds im Frühjahr durchführte. Bis zum Sommer kamen immer wieder Anfragen, berichtet Straub. „Wir haben einen Besuchskreis, in dem acht Personen mitwirken. Alle zwei Monate haben wir die Adressen für unsere Besuche aufgeteilt. Das geht jetzt leider nicht“, sagt sie bedauernd.

Unterstützung dank Mundpropaganda

Wer Hilfe braucht, wendet sich in der Regel nicht selbst an den Diakoniefonds. „Ein Freund oder Nachbar sagt, dem und dem geht es nicht so gut und braucht Hilfe. Das geht über Mundpropaganda. Die Leute rufen nicht einfach an. Die schämen sich ja“, erzählt Angelika Straub.

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Sie ist überzeugt, dass in den vergangenen Jahren die Zahl der Bedürftigen gestiegen ist. „Im nächsten Jahr wird es einen Schub geben wegen der Arbeitslosigkeit“, wagt Kimmich einen düsteren Ausblick. Straub erwartet, dass auch die Zahl der Insolvenzen bei Klein- und Einmannbetrieben zunehmen wird.