Was geschieht mit meinen Eltern, wenn sie älter werden? Soll ich mich selbst um sie kümmern, müssen sie ins Altersheim, ist ein privater Pflegedienst das Richtige? Diese Fragen stellen sich viele Menschen. Die Allensbacherin Helga Sonnenmoser hatte sich bei ihrem Vater für die Rundum-Betreuung zuhause entschieden und muss das nun teuer bezahlen.

Die 59-Jährige war sich lange sicher, alles richtig gemacht zu haben, doch kurz vor Weihnachten 2017 der Schock: Im Briefkasten lag ein Schreiben der Rentenkasse mit dem Anfangsverdacht von nicht bezahlten Sozialabgaben. Vor wenigen Tagen folgte die bittere Gewissheit in Form einer Rechnung über etwas mehr als 15.000 Euro.

Helga Sonnenmoser entscheidet sich bewusst nicht für das günstigste Angebot

Doch der Reihe nach: Als ihre Mutter stirbt, lebt Helga Sonnenmosers Vater allein in der Mietwohnung in Singen. Seine berufstätige Tochter besucht ihn regelmäßig einmal in der Woche, zudem kommt der Pflegedienst, ab und an auch der Hausarzt. Als der Vater wiederholt Schwindelanfälle erleidet und ins Krankenhaus muss, sagen die Mediziner, dass er nicht mehr alleine wohnen könne. „Mein Vater war geistig völlig klar, und er wollte nicht ins Heim. Das war sein oberster Wunsch, und den hatte ich zu respektieren“, sagt Helga Sonnenmoser.

Die Tochter weiß, dass sie sich um eine 24-Stunden-Betreuung kümmern muss – und das binnen zweier Tage. „Unter Hochdruck durchforstete ich das Internet, mit der Priorität, einen seriösen Anbieter zu finden“, erinnert sich die Allensbacherin. Sie stößt auf jede Menge dubioser Seiten und vertraut der vermeintlich seriösesten. Einer Agentur mit einer Außenstelle in Uhldingen-Mühlhofen. „Ich hätte es auch viel billiger haben können“, sagt Helga Sonnenmoser, „doch ich habe mich bewusst für sie entschieden, weil sie mir versicherten, alle anfallenden Sozialabgaben zu bezahlen und mir schnellstmöglich eine Betreuerin zu stellen.“

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Bereits am nächsten Tag bekommt die heute 59-Jährige Besuch von einer Mitarbeiterin der Agentur, die einen unverbindlichen Vorvertrag dabei hat. „Auch darin war klar ersichtlich, dass ich keine zusätzlichen Abgaben zu leisten hätte. Ich fühlte mich sicher und gut aufgehoben“, sagt Sonnenmoser, die daraufhin ihr altes Kinderzimmer umräumt, in dem später die unterschiedlichen Pflegehaushaltshilfen wohnen werden. Den Anfang macht Claudia aus Rumänien.

Mehr als zwei Jahre lang überweist Helga Sonnenmosers Vater monatlich 1700 Euro an die Agentur. Die Betreuung stimmt, alle sind zufrieden. Im Frühjahr 2016 stirbt der Mann im stolzen Alter von 94 Jahren zuhause in seinem Bett. „So wie er es sich immer gewünscht hatte“, sagt Tochter Helga Sonnenmoser, „ich hatte das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben.“

Bild: Feiertag, Ingo
„Ich hatte das Gefühl, alles richtig gemacht zu haben.“
Helga Sonnenmoser

Dies ändert sich knapp zwei Jahre später, als sie in der Adventszeit 2017 einen Brief der Rentenversicherung erhält. Darin erfährt sie, dass die Finanzkontrolle Schwarzarbeit beim Hauptzollamt Ulm, Außenstelle Friedrichshafen, mehrere Ermittlungen gegen verschiedene Dienstleister führe. „Diese stehen im Verdacht, über ein Netzwerk in- und ausländischer Agenturen osteuropäische Haushaltshilfen (…) verliehen zu haben, ohne sie vorschriftsmäßig zur Sozialversicherung angemeldet zu haben“, heißt es in dem Brief.

„Ich war geschockt, da ich bis dahin der Meinung war, es mit einer seriösen Agentur zu tun zu haben“, sagt Sonnenmoser. Im Vertrag mit der Agentur, der dem SÜDKURIER vorliegt, steht: „Die Einhaltung der Bestimmungen der Steuergesetzgebung und der Sozialversicherungsgesetzgebung obliegen der Agentur. (…) Alle, auch osteuropäische Arbeitnehmer, sind legal beschäftigt und sozialversichert.“

Der Geschäftsführer der Agentur setzt sich wohl ins Ausland ab

Der Geschäftsführer, der den Vertrag unterschrieben hat, hat nach Angaben von Helga Sonnenmoser inzwischen „Insolvenz angemeldet und sich ins Ausland abgesetzt. Außerdem war die Agentur wohl gar nicht berechtigt, Pflegekräfte zu vermitteln. Mein Vertrag war nichtig.“ Doch es kommt noch dicker: Somit wurde der beauftragende Haushalt, beziehungsweise die Erbin Helga Sonnenmoser, zum Entleiher.

„Da ich mich nicht unmittelbar betroffen fühlte, habe ich zuerst nicht auf dieses Schreiben reagiert“, sagt Sonnenmoser, „stattdessen rief ich die damalige Vermittlerin an. Sie versicherte mir, dass alles in Ordnung sei und ich mir keine Sorgen machen müsse.“ Ein Jahr später aber kommt der nächste Brief, dieses Mal mit der Forderung finanzieller Nachzahlungen.

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„Die Rechtslage ist in diesem Fall eindeutig“, erklärt Thomas Becker von der Pressestelle der Deutschen Rentenversicherung, „wenn man eine Erbschaft annimmt, sind auch Schulden darin enthalten. Wir haben keine Möglichkeit, da anders zu reagieren. Es geht schließlich um Versichertengelder.“

Der Fall von Helga Sonnenmoser ist längst nicht der einzige, der durch diese Betriebsprüfung ans Licht kam. Nun versucht die Rentenversicherung, die betroffenen Arbeitnehmer zu ermitteln. „Sind wir erfolgreich, bekommen sie ihre Sozialbeiträge“, sagt Becker. Das ist auch im Sinne von Helga Sonnenmoser, denn: „Die Pflegekräfte sind ja genauso betrogen worden wie ich.“

Die Frage stellt sich: Wie erkennt man einen seriösen Vermittler

Was die Allensbacherin jedoch nicht versteht, ist, dass nun zur Kasse gebeten wird. „Welche Alternative hätte ich denn gehabt? Hätte ich direkt fragen sollen, ob die Frauen sozialversichert sind oder ob die Agentur sie vermitteln durfte? Da wäre mir doch irgendwas aufgetischt worden“, sagt die 59-Jährige.

Helga Sonnenmoser sieht ihren Fall stellvertretend für ein generelles Problem. „Eine Betreuung rund um die Uhr von einer Sozialstation hätte ich mir niemals leisten können, obwohl mein Vater nach 50 Jahren bei der Maggi keine schlechte Rente hatte.“ Viele Menschen könnten sich im deutschen Gesundheitssystem eine umfangreiche Betreuung im Alter gar nicht leisten. „Es gibt bestimmt auch seriöse Agenturen, doch es fallen zwangsläufig viele auf solche herein wie ich“, sagt sie.

Helga Sonnemoser wünscht sich eine bessere Aufklärung

Die Allensbacherin wünscht sich eine bessere Aufklärung. „Zu allem gibt es Broschüren. Warum gibt es keine offizielle Checkliste, worauf man achten muss, wenn man in einer solchen Lage ist? Wie viele schwarze Schafe gibt es?“, fragt Helga Sonnenmoser. Sie hofft nun auf Kontakt zu anderen Geschädigten, mit denen sie sich austauschen kann.

Seit dreieinhalb Jahren lebt ihr Vater nicht mehr. Helga Sonnenmoser hat aus ihrer Sicht nichts Unrechtes getan und soll nach so langer Zeit nun die Schuld eines anderen begleichen. Verstehen kann sie das alles nicht. Die Allensbacherin sagt: „Ich will nur noch einen Punkt dahinter machen.“