So ähnlich muss es im Paradies aussehen. Glückliche Schafe, die seelenruhig grasen oder im Schatten eine Siesta halten. Da möchte man sich am liebsten dazulegen.

Bild: Schuler, Andreas

Neugierige Lämmer, die in ihrem kindlichen Übermut vergnügt hüpfend die Welt erkunden. Sanft, geduldig und unschuldig sind diese Tiere. Lämmer haben eine tiefe Wirkung auf uns Menschen. Beruhigend, entspannend, ausgleichend und motivierend zugleich.

Ein Tag bei einer Schäferin

Die frühlingshafte Sonne auf den Bodanrück-Wiesen erwärmt die Luft auf angenehme 18 Grad. Vögel zwitschern herzerwärmend, ein Bach plätschert harmonisch vor sich hin. Hin und wieder ertönt das Blöken der Schafe, das in dieser Idylle wie eine beruhigende Symphonie klingt.

„Ich liebe es, hier draußen bei meinen Tieren zu sein“, sagt Elischa Serpi. „Hier kann ich alleine sein mit mir und meinen Gedanken. Ich beobachte die Tiere beim Grasen und es geht mir gut.“

Serpi ist gelernte Schäferin und Herrin über 500 Schafe. Wenn sie pfeift und einen bestimmten Ruf loslässt, setzen sich die Tiere in Bewegung und folgen der jungen Frau. Einer nach dem anderen, erst nur ein paar, bis schließlich alle in ihrer Richtung gehen.

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Das Sein erhält hier eine erhebende Leichtigkeit. Der Lärm der Stadt ist unendlich weit weg. Hier draußen werden die Sinne geschärft, das Leben wird leichter, Probleme verschwimmen, bis sie schließlich unsichtbar sind. Wohl dem, der hier sein tägliches Brot verdienen und innere Balance finden darf.

Der Schäferstock dient auch als eine Stützen zum Anlehnen – stundenlanges Stehen kann auf Dauer ermüdend sein.
Der Schäferstock dient auch als eine Stützen zum Anlehnen – stundenlanges Stehen kann auf Dauer ermüdend sein. | Bild: Schuler, Andreas

Es gibt Laufbahnen, die sind so logisch wie vorbestimmt. Wie bei Elischa Serpi. Bereits als Zehnjährige hat sie ihrem Vater gesagt, „dass ich mit 20 die Herde übernehmen werde“, wie sie lachend erzählt.

Jetzt ist sie 23 – und ihre Ankündigung nimmt Gestalt an. Seniorchef Andreas gibt Stück für Stück die Verantwortung an die Tochter ab. Die sechs Geschwister wohnen zum Teil ebenfalls auf dem elterlichen Stöckenhof zwischen Mindelsee, Langenrain und Allensbach, doch Elischa ist bisher die einzige, die die Leidenschaft für die Schäferei so intensiv lebt. Bereits der Opa war Schäfer, damals am Hohentwiel in Singen.

Vater Andreas Serpi mit seiner Tochter Elischa (links). Rechts Rebecca Dietrich, die auf dem Hof arbeitet und lebt.
Vater Andreas Serpi mit seiner Tochter Elischa (links). Rechts Rebecca Dietrich, die auf dem Hof arbeitet und lebt. | Bild: Schuler, Andreas

Der Vater, Sohn sardischer Einwanderer, arbeitete auf der dortigen Domäne – und lernte die Tochter des Schäfers kennen und lieben. Als sich das junge Paar entschloss, die Tradition weiterführen zu wollen, kaufte es vor 32 Jahren den Stöckenhof und fand dort sein eigenes Glück.

Neben den Schafen, die 365 Tage im Jahr draußen verbringen, züchten die Serpis Angus-Rinder und Ziegen, darüber hinaus führen sie eine Pferdepension. Lämmer und Rinder werden in der eigenen Schlachterei geschlachtet und im Hof auf Nachfrage verkauft.

Hier ist alles Bio zertifiziert. Die Tiere leben tagein, tagaus im Freien auf den weitläufigen Wiesen, die nicht gespritzt werden. Wenn Elischa die Rinder ruft, kommen sie freudig angerannt, einige hüpfen, wenn sie die junge Frau sehen. So sehen glückliche Tiere aus. Hier bin ich Kuh, hier darf ich’s sein.

Bild: Schuler, Andreas

Zurück auf die Weide zu den Schafen. Elischa Serpi hat sich ein Lamm geschnappt, das eine Woche alt ist. Als Schäferin hütet sie die Tiere aufmerksam – und ist gleichzeitig deren Ärztin und Hebamme.

„Bei so vielen Tieren können wir nicht ständig zum Veterinär gehen“, erklärt sie. Die dreijährige Ausbildung ist vielseitig – Tiermedizin, Biologie oder Ökonomie inklusive. "Ich liebe diese Vielseitigkeit", sagt Elischa Serpi.

Doch bei allen Lobeshymnen – das Leben als Schäferin hat auch unangenehme Seiten. "Wir sind jeden Tag draußen. Also auch bei Regen, Schnee, Sturm und Minusgraden."

Bild: Schuler, Andreas

Als nicht so schön bezeichnet sie auch die Momente, wenn sie ein krankes Tier aus der Herde aussortieren und im schlimmsten Fall einschläfern muss. "Daran werde ich mich nie gewöhnen, auch wenn es dazu gehört."

Wenn sie diese Worte sagt, spürt man den Spagat, den sie machen muss. Doch eins steht fest: "Ich erlebe deutlich mehr schöne Stunden als schlechte", sagt sie. "Ein Job in einem Büro käme für mich nie in Frage."

Kaum Sozialleben oder Urlaub

Der zeit- und arbeitsintensive Beruf verlangt der jungen Frau alles ab. Das Sozialleben bleibt nicht selten auf der Strecke. "Mein Verlobter ist glücklicherweise ebenfalls Landwirt und hat daher vollstes Verständnis", sagt sie. Urlaub ist ein seltener Luxus.

Der Arbeitstag auf dem Stöckenhof beginnt an sieben Tagen pro Woche um 5 Uhr: Pferdeställe müssen ausgemistet werden, bevor das Familienfrühstück um 7 Uhr auf dem Plan steht. "Danach fahre ich zu den Schafen", erzählt Elischa Serpi. Wenn sie die Tiere begrüßt, ertönt ein lautes Konzert.

Video: Schuler, Andreas

An diesem Tag warten 500 Schafe und 200 Lämmer auf sie. Sie leben derzeit auf einer riesigen, eingezäunten Weide auf dem Bodanrück. Landschaftspflege nennt sich das.

Die Hunde kommen zum Einsatz, wenn der Standort gewechselt wird – auch bei Güttingen oder bei Radolfzell bewirtschaften die Serpis mit ihren Schafen Wiesen.

Dann müssen auch mal Straßen überquert werden. "Das ist immer ein wenig kritisch", sagt die Schäferin. "Bisher ist Gott sei Dank nie etwas passiert." Das muss das Paradies sein. Zweifelsohne.