Am 23. September 1933 ist Josef Mayer am Ziel. Der 46-jährige Allensbacher Kaufmann – so steht es in seiner Entnazifizierungsakte – "soll den Bürgermeisterposten annehmen" und somit Albert Keller ablösen. Als Bürgermeister seines Heimatorts beginnt für Mayer eine, wie er sie nennt, "neue Ära der Arbeitsverantwortung". Sie endet mit seiner Verhaftung durch französische Truppen am 1. Mai 1945. Was aber passierte in den Jahren dazwischen? Wer war der Mensch, der sich nach seiner Wahl als "raubeiniger SA-Mann" bezeichnet? Der so arbeiten will, "dass er sich jeden Augenblick vor dem lieben Gott und meinem Führer rechtfertigen kann". Und der betont: "Ich werde jeden Rat zur Kenntnis nehmen und erwägen, aber ich betone, dass ich es bin, der das letzte Wort hat."

Neue Antworten sind Marie-Elisabeth Rehn zu verdanken – und ein wenig auch dem Zufall. Denn jahrelang lagen einige Fotos von Mayer in ihrer Schublade, sie gehörten einst Rehns Doktorvater Paul Hugger. Der wiederum hatte die Negative in den 70er-Jahren auf dem Konstanzer Flohmarkt gekauft. Sie zeigen Mayer im Rang eines Sturmführers und, nach seiner Beförderung, dem eines Sturmbannführers der Kampforganisation SA. Dies war der Auslöser, dass die Volkskundlerin Marie-Elisabeth Rehn über Mayer eine "kleine, aber detailreiche Charakterstudie verfasste", wie sie selbst sagt. Als wichtigste Quelle stellt sich Mayers persönliche Chronik ab 1919 heraus – die in französischer Übersetzung seiner Entnazifizierungsakte beiliegt. Rehns Aufsatz soll im 75. Jahrbuch des Hegau Geschichtsvereins im November 2018 veröffentlicht werden. 

1918: Ein desillusionierter Soldat kehrt heim

Diese "Annalen der NSDAP in Allensbach" beginnen mit den Schilderungen eines tief enttäuschten 32-jährigen Soldaten auf dem Heimweg von der Ostfront des Ersten Weltkriegs. Die letzten Kriegsmonate verbrachte Mayer wegen Rheumas im Krankenstand. Mit einem "System abfinden, das von Fremden aufgezwungen wurde" wollte er sich nicht, ist über den Dezember 1918 zu lesen.

Das Kaiserreich war zerfallen, die entstehende Republik stellte die Ordnung auf den Kopf. Für Mayer, der 1916 das Eiserne Kreuz II. Klasse erhielt, "hatte es den Anschein, dass alle guten Geister das Deutsche Volk verlassen hatten, denn sogar in den Kreisen der Korps der alten Offiziere gab es nicht wenige, die sich mit der Realität abfanden und die ihre ehrwürdigen Ideen über Bord geworfen hatten". Ideen, die bei Mayer offenbar erst ab dem Ersten Weltkrieg Anklang finden.

Er wird am 9. Dezember 1886 geboren, sein Vater ist Kaufmann und Halter der Allensbacher Poststelle, die Familie seiner Mutter stellte seit dem 19. Jahrhundert ein halbes Dutzend Bürgermeister. Bis zur vierten Klasse besucht Mayer ein Jesuiten-Gymnasium im österreichischen Feldkirch. Um das deutsche Abitur abzulegen, wechselt er schließlich auf das Suso-Gymnasium in Konstanz und lässt sich in München zum Kaufmann ausbilden.

1930: Vom Bürgerwehr-Führer zum NSDAP-Mann

Erst als er nach Allensbach zurückkehrt und 1915 als Kriegsfreiwilliger eingezogen wird, nimmt Mayers militärische Laufbahn Fahrt auf: Verkürzte Ausbildung, Beförderung zum Reserveoffizier, schließlich MG-Schütze, Zugführer und Kompanieführer an der Ostfront. Nach dem Krieg – die Wehrpflicht ist verboten, das Heer auf ein Mindestmaß zusammengeschrumpft -, engagiert sich Mayer in einer der paramilitärischen Bürgerwehren, wie sie nach Vorbild der Freikorps in der gesamten Republik entstehen.

Mayer steigt auf, bis er 1927 laut seiner Aufzeichnungen "das Kommando des gesamten Freikorps Bodensee mit drei Kompanien übernahm". Wenig später wird aus dem Freischärler ein Strippenzieher der erstarkenden NSDAP, der er am 1. März 1930 beigetreten war. Persönlich hält er sich im Hintergrund und strebt offenbar keine Parteiämter an. Auch "weil ich zu der Zeit mit dem Aufbau der SA beschäftigt war", wie er notiert.

Dennoch fasst er für die Folgejahre zusammen, "dass Allensbach, dieses kleine Dorf am Rande des Sees in Oberbaden, jedes Mal vorneweg marschierte, wenn der Führer einen Aufruf machte". Ein halbes Jahr nach Mayers Bürgermeisterwahl im September 1933 feiert Allensbach die Einweihung des Strandbades. Für ihn ist dieser 10. Juni 1934 ein wichtiger Tag auf dem Weg zur "Umwandlung des Dorfes in ein Touristenort", wie er notiert.

1937: Der Bürgermeister macht Allensbach zur heilen Nazi-Welt

Im Blick hat er dabei Reisende der Organisation Kraft durch Freude (KdF). Sie ermöglicht günstige Erholungsurlaube, mit dem Ziel die Arbeitsleistung zu erhöhen. Noch während Mayers erstem Jahr als Bürgermeister rollt ein KdF-Zug nach Allensbach, 1937 nehmen fünf Gastbetriebe und mehrere private Vermieter bereits mehr als 50.000 Reichsmark ein, was der heutigen Kaufkraft von knapp 200.000 Euro entspricht. Kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs erreicht der Tourismus mit etwa 48.000 Ankünften einen Höhepunkt.

Mayer legt Wert darauf, dass sich der Ort während der Kriegsjahre wirtschaftlich auf dieses Zubrot verlassen kann. Er erkennt, dass es den Allensbach-Urlaubern vor allem auf eine "trauliche Dorfidylle" ankommt. Seine Vorstellungen, wie dieses Bild entstehen soll: Blumenkästen vor den Fenstern, saubere Unterkünfte, die Dorfmädchen sollen als Bedienungen aushelfen. Selbst die einheimischen Stammtischgäste, die aus Mayers Sicht "ohne Meckern und Stänkern nicht leben können", sollen den Lokalen im Sommer lieber fern bleiben, denn "der Gast will sich wie zu Hause fühlen".

Zuhause bleibt auch Mayer, er wird bei der Musterung der Reservesoldaten als Bürgermeister für unabkömmlich erklärt. Die Allensbacher erleben den Krieg über Umwege: Die Winter sind eisig, die Ernten schlecht, neben zahlreichen KdF-Reisenden kommen auch immer mehr verwundete Soldaten zur Genesung in den Ort. Dennoch notiert Josef Mayer Unterstützung für den berüchtigten Aufruf zum "totalen Krieg" von Propagandaminister Joseph Goebbels. So zähle nur eines: "Alle persönlichen Bedürfnisse beiseite lassen und alles tun, um ein siegreiches Kriegsende zu ermöglichen."

1945: Der "raubeinige SA-Mann" wird verhaftet

Für den Allensbacher Bürgermeister endet dieser Krieg mit der Verhaftung durch französische Truppen am 1. Mai 1945. Als sie im April in den Ort einmarschieren, hat er sich längst in einem Wald bei Kaltbrunn versteckt. Mehrere Menschen verbürgen sich später im Entnazifizierungsverfahren für die Rechtschaffenheit des "raubeinigen SA-Mannes".

Pfarrer Fortenbacher etwa bezeugt sein "gutes und friedliches Verhältnis" zu Mayer. Nikolaus Mahlbacher, der 1945 als Oppositioneller von der Gestapo verhaftet worden war, bestätigt, dass der Bürgermeister sich für seine Freilassung eingesetzt hatte. Mayer hat laut Mahlbacher "die Interessen der Gemeinde und ihrer Einwohner stets vor die Interessen der Partei gestellt".

Im Januar 1946 wird Mayer schließlich zunächst aus einem Lager in Hüfingen entlassen. Schnell zerschlägt sich auch die Vermutung der französischen Ermittler, der Allensbacher habe ein Flugblatt zum Aufruf einer Neugründung der NSDAP mit ernsthaften Absichten unterzeichnet. Das Dokument wird als satirische Aktion gewertet, nicht zuletzt weil darauf von einem "Gründungslokal: Waschküche in Steig No. 1“ zu lesen ist. Dennoch muss Mayer noch einmal in Haft, im März 1948 wird er endgültig als minderbelastet eingestuft und kann das Internierungslager in Freiburg verlassen.

Josef Mayer stirbt am 1. Mai 1950, auf den Tag fünf Jahre, nachdem für ihn der Zweite Weltkrieg geendet hatte.

Marie-Elisabeth Rehn im Interview: "Meine erste Raktion war: Das ist ein Bilderbuch-Nazi"

Marie-Elisabeth Rehn ist promovierte Volkskundlerin und lebt in Konstanz. Ihr Vater Erwin Rehn wurde 1943 als 16-Jähriger von der Gestapo wegen "staatsfeindlicher Umtriebe" verhaftet und verbrachte bis zu seiner Befreiung zwei Jahre im KZ Moringen | Bild: privat

Frau Rehn, wie kam es zum Aufsatz über Josef Mayer?

Bei mir liegen seit sechs Jahren Studiofotos von Josef Mayer in der Schublade. Sie stammen aus dem Atelier des Konstanzer Fotografen Joseph Fischer, deren Negative mein Doktorvater, der Volkskundler Paul Hugger, auf dem Konstanzer Flohmarkt erstand. In einer ersten spontanen Reaktion auf die Fotoserie beurteilte ich das Fotomodell als eitlen Menschen, dem seine Uniform sehr wichtig war: ein Bilderbuch-Nazi.

Solche Aufnahmen sind in jenen Jahren nicht selten.

In der Vergangenheit hatte ich im Rahmen einer Beschreibung des Alltags unter dem Hakenkreuz mehrmals mit Zeitzeugen aus dem Milieu der SA zu tun gehabt. Ein alter SA-Mann sang mir freudestrahlend vor: "Wenn das Judenblut vom Messer spritzt, dann geht’s noch mal so gut." So war ich ziemlich misstrauisch, als mir kürzlich Lothar Burchardts Aufsatz über die Zwischenkriegszeit in Allensbach in die Hände geriet und ich sein Urteil über Bürgermeister Mayer las. Er habe während seiner Amtszeit "Augenmaß" bewiesen.

Ihre wichtigste Quelle ist die von Mayer selbst verfasste Chronik der NSDAP in Allensbach. Wie gelangten Sie an sie?

Meine Recherchen führten mich über das Berlin Document Center, wo die Akten der NSDAP-Mitglieder und der anderen Gliederungen der Partei zu finden sind, über das Landesarchiv bis nach Frankreich. Im Archiv des französischen Außenministeriums in La Corneuve bei Paris werden die Akten aus der Besatzungszeit aufbewahrt. So kam ich an die 247 Seiten umfassende Entnazifizierungsakte von Josef Mayer.

Mitsamt der Chronik?

Der begeisterte Heimatforscher Josef Mayer hatte die 'Annalen der NSDAP in Allensbach' geschrieben, die man fand, als in der Nachkriegszeit in der Korrespondenz des Bürgermeisters nach belastendem Material gesucht wurde. Diese Annalen liegen nur in der französischen Übersetzung vor. Die deutsche Originalfassung habe ich nicht finden können. Es gibt allerdings in der Akte eine von Josef Mayer unterschriebene Bestätigung, das Manuskript verfasst zu haben.

Zu welcher Einschätzung Mayers kommen Sie nach Ihren Recherchen?

In meinem Aufsatz habe ich versucht, aus den Aktenfunden eine kleine, aber detailreiche Charakterstudie zu machen und habe es unterlassen, eine abschließende Bewertung vorzunehmen. Der 'minderbelastete' Josef Mayer war kein Verbrecher, aber er hat in seinem KdF-Musterdorf, wo man sich vom NS-Alltag erholen konnte, dabei geholfen, die Verbrechen der Nazis zu ermöglichen. Als ausgezeichneter Netzwerker hat er wiederholt seine Kontakte genutzt, um Regimegegner, gleich welcher Art, von der Gestapo zu befreien, um sie dann fest an sich zu binden. Das Machtgefüge in Allensbach war so klar.