Weihnachten steht vor der Türe, Corona hin oder her. Das Fest der Liebe ist auch ein Fest der Musik und des Gesangs. Der Münster- und Kammerchor von Überlingen probt jetzt bereits für das Weihnachtsoratorium, das in früheren Jahren stets für ein mit 1000 Besuchern ausverkauftes Münster sorgte. Doch ob an Weihnachten 2020 mit dem Hochgesang des Halleluja so richtig Weihnachtsstimmung aufkommen mag?

Probe für das Weihnachtsoratorium

Kirchenmusikdirektorin Melanie Jäger-Waldau ist zuversichtlich, dass es einen Auftritt im Advent gibt, man arbeite daran. Weniger zuversichtlich ist Melanie Jäger-Waldau, was die Chormusik generell betrifft, sollte die Corona-Krise noch länger andauern.

Die Chormusik verliere mittelfristig an Qualität, weil für den gewohnten Wohlklang eine gewisse Dichte zwischen den Sängerinnen und Sängern nötig sei. Die Töne ergänzten sich, doch wenn der Abstand zu groß wird, verliere der ganze Klangkörper an Qualität.

Video: Hilser, Stefan

Abstand muss sein, und das hält auch Jäger-Waldau derzeit für richtig. Wobei sie weiter die Sorge umtreibt, dass vor dem Singen in Gemeinschaft eine Angst bestehe, die ungerechtfertigterweise den einen oder anderen vom Mitsingen abhalte. Oder Eltern davor, ihre Kinder in die Nachwuchschöre zu schicken, die in diesen Tagen wieder neue Kurse beginnen.

Sie vermute, dass wenige Fälle zu Beginn der Corona-Krise, bei denen sich das Virus in amerikanischen Baptistengemeinden schnell ausbreitete, zu einem falschen Image geführt hätten.

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Heute wisse man, dass beim Singen nicht mehr und nicht weniger Aerosole ausgestoßen würden als beim Sprechen, sagt die 50-Jährige, die sich auf dabei auf eine Studie unter Federführung der Universität Bristol (England) stützt. Unter Mitwirkung von Medizinern und Ingenieuren wurde der Luftausstoß von 25 Sängerinnen und Sängern gemessen und beobachtet. Demnach entscheidet nicht der Ton, also gesungen oder gesprochen, sondern die Lautstärke über die Menge an Aerosolen. Besser also leiser singen. Wie repräsentativ die Studie ist, muss sich erst noch zeigen. Doch gibt sie Jäger-Waldau Zuversicht, dass der Ruf des Chorgesangs in der Pandemie sich erholt.

Vorgaben der Landesregierung für den Schulunterricht

Jäger-Waldau entwarnt

„Wir haben zwei Meter Abstand“, sagt die Chorleiterin, vorgeschrieben von der Erzdiözese Freiburg. Dem Badischen Sängerbund genügten schon eineinhalb Meter. „Singen ist nicht gefährlich“, betont sie immer wieder, und hält dagegen, dass Singen derart gesundheitsfördernd sei, dass der Verzicht darauf im Gesamtzusammenhang eher fahrlässig wäre.

„Singen befreit, singen nimmt Ängste, und Singen macht glücklich“, betont sie – also alles eine sanfte Medizin, die gerade in der Corona-Krise gutes bewirken könne.

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Freiburger Institut warnt weiter

Vorsichtiger wird die Lage vom Freiburger Institut für Musikermedizin an der Musikhochschule Freiburg beurteilt. In einem Papier zur Risikoabschätzung schreibt das Institut: Hinsichtlich der Tröpfchenübertragung bestehe bei Einhaltung eines radiären (strahlenförmigen) Abstandes von zwei Metern kein erhöhtes Risiko.

Inwiefern speziell beim Singen Aerosole, also kleinste, virenbehaftete Partikel, in erhöhter Weise verbreitet werden, sei derzeit weiterhin nicht in Gänze zu beurteilen, da die Emissionsraten eine hohe Schwankungsbreite aufwiesen.

Und so wird das Fazit gezogen: „Die bisher erhobenen Daten legen nahe, dass es beim Singen zu deutlich höheren Emissionsraten für Aerosole im Vergleich zur Mundatmung und zum Sprechen kommen kann, im Mittel wird aktuell eine 30 Mal höhere Emissionsrate angegeben.“ Entscheidend könne man Einfluss durch Lüften und Sauerstoffzufuhr nehmen.

Jäger-Waldau: Im Freien verpufft der Ton

Der Empfehlung des Freiburger Instituts, bevorzugt im Freien zu singen, kann Jäger-Waldau insofern wenig abgewinnen, als dass der Ton ohne räumliche Begrenzung verpuffe, für ihre Chorarbeit benötige sie den Klangraum. Zumal in großen Räumen wie dem Nikolausmünster und der Suso-Kirche, wo viel geprobt wird, ein so großes Luftvolumen vorhanden sei, dass sie die Gefahr einer Ansteckung als besonders niedrig bewertet. Außerdem betont Jäger-Waldau, dass die Studien teils auf Vermutungen basierten und nicht ausgereift seien, dass ständig neue Erkenntnisse gewonnen würden, und die Studie aus Bristol von Mitte August stamme, während die Freiburger Studie schon von Anfang Juli datiere.

Singen im Chor: Neustart für Kinder und alles, was die Eltern wissen müssen

Der Münsterkantorin ist es ein Anliegen, eine Lanze für das Singen zu brechen. Wenn sie auf die Uferpromenade blickt, in die voll besetzen Gaststätten, wo die Besucher – möglicherweise unter Alkoholeinfluss – Distanzen verlieren, oder wenn in Fitnessstudios gemeinschaftlich geschwitzt und trainiert wird, oder Bussen, zwar mit Mundschutz, aber dennoch eng beieinandergesessen wird, dann müsse doch auch wieder ein Chorkonzert oder ein Opernbesuch möglich sein. Sie plädiere für eine engere Besetzung, ähnlich wie im Omnibus, und mit Maske. Ansonsten fürchte sie, dass dem ganzen Kulturbereich „der Dolchstoß versetzt wird“.

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Jäger-Waldau: Wo bleibt die Verhältnismäßigkeit?

Irgendwie, findet Jäger-Waldau, stimme die Verhältnismäßigkeit nicht mehr. Natürlich müssten die Hygienekonzepte und Abstände eingehalten werden. Dann sei Singen auch in den Schulen wieder möglich, in der Turnhalle beispielsweise. Also singen statt turnen? Wenn es nach Jäger-Waldau geht, dann ganz klar ja. „Singen muss für Kinder weiterhin Ritual und Selbstverständlichkeit sein. Es hat so viele positive Eigenschaften.“

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Mit Schrecken erinnert sie sich an die Zeit des Lockdowns, den sie mit virtuellem Gesangsunterricht überbrückte. „Als wir dann endlich wieder mit dem Proben beginnen durften – Gott, war das eine Erlösung!“

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