Sie haben sich 1995 erfolgreich für das Amt der Münsterkantorin in Überlingen beworben. Was hat Sie an Überlingen besonders gereizt?

Die Bewerbung nach Überlingen hatte etwas Kurioses. Ich war ja noch nicht ganz fertig mit dem Studium. Im Studium fuhr ich immer zweigleisig, da ich sowohl im konzertanten Orgelbereich zu Hause war als auch in der Chor- und Orchesterleitung. Ich hatte eigentlich vorgehabt, das Kapellmeisterstudium zu absolvieren.

Professor Franz Lehrndorfer hatte im August 1994 in Überlingen ein Orgelkonzert gespielt und kam im September 1994 in die Orgelstunde mit der Bemerkung: „Überlingen ist ausgeschrieben, das wäre die richtige Stelle für Sie.“ Als ich nachfragte, warum, meinte Franz Lehrndorfer: „Da können Sie sich auf den Orgeln und im Chorwesen gleichermaßen richtig austoben.“

Musik ist die Leidenschaft von Melanie Jäger-Waldau.
Musik ist die Leidenschaft von Melanie Jäger-Waldau. | Bild: Bernhard Conrads

Also hatte ich mich erkundigt und eine Bewerbung war wegen des Meldeschlusses gerade noch möglich. Dass die Wahl am Ende überraschenderweise auf mich fiel, ich war ja die jüngste Bewerberin, hatte im Vorfeld keiner geahnt.

Ihre Tätigkeit in Überlingen blieb nicht auf die sonntägliche Messfeier beschränkt. Sie sind regional auch in der Erzdiözese Freiburg tätig. Welche zusätzlichen Aufgaben haben Sie übernommen?

Ich habe verschiedene Arbeitsbereiche, da ich sowohl von der Münstergemeinde, als auch von der Diözese angestellt bin. Für die Münstergemeinde leite ich das gesamte Chorwesen mit wöchentlich etwa 260 Chormitgliedern, also die Jugendkantorei mit fünf Gruppen, den Münsterchor, den Kammerchor, das Vokalensemble, das Münsterorchester und auch die projektbezogene Band für Firmung und Erstkommunion oder wie jetzt zum Narrentag.

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Die musikalische Planung und Gestaltung der Sonntagsgottesdienste wie auch alle Konzertveranstaltungen mit Orgel-, Chor- und Oratorienkonzerten im Münster gehören ebenso dazu. Für die Diözese Freiburg bin ich als Orgeldozentin tätig sowie in mehreren Arbeitsgruppen, wie für die Herausgabe des neuen Freiburger Kinderchorbuchs und die Tagzeitenliturgien zum neuen Gotteslob, welche beide im Carus-Verlag erscheinen.

Und ich habe die Leitung des Pueri-Cantores-Verbandes der Diözese inne. Weiter bin ich in die Kirchenmusikkommission der Erzdiözese Freiburg und in das Präsidium des deutschen Pueri-Cantores-Verbandes berufen worden.

Welche Auszeichnungen wurden Ihnen dafür verliehen?

Mir wurde während des Studiums ein Stipendium der bischöflichen Studienstiftung Cusanuswerk (damals leitete Annette Schavan das Cusanuswerk), 1995 der Kulturförderpreis meiner Heimatstadt Germering sowie 2019 der Titel Kirchenmusikdirektorin der Erzdiözese Freiburg verliehen.

Woher holen Sie sich die Motivation für die zahlreichen Aktivitäten? Was ist das Geheimnis Ihres Erfolgs?

Mein Rad steht nie still, zu sehr lebe ich mit und von der beziehungsweise durch die Musik. Eine große Motivation ist die Musik selbst. Schon als Jugendliche war ich fasziniert von der geistlichen Musik, von der Verbindung aus theologischem Wort und der Musik, weil sie mich immer wieder im Innersten getroffen hat.

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Die geistliche Musik inhaltlich und emotional zu erschließen und zu fühlen, sie in mir und damit auch für die Menschen begreifbar werden zu lassen und zum Schwingen und Klingen zu bringen, das ist ein tiefer Beweggrund. Nur wenn ich eins mit der Musik bin und sie mich berührt, kann ich auch das zum Klingen bringen, was sonst der Seele verborgen bliebe: berührt zu werden.

Das erfordert natürlich zuerst die vollkommene technische Beherrschung, also des Einübens, bevor dieser Prozess sich entwickeln kann. Wenn dies dann im Dialog mit der Liturgie geschieht, fühle ich mich sehr erfüllt und getragen.

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Eine weitere Motivation sind die Menschen, seien es die Erwachsenen, seien es die Kinder und Jugendlichen. Es bereitet mir große Freude, zu sehen, wenn es mir gelingt, dass sie in der geistlichen Musik Teil des Ganzen werden, daran wachsen und darin glücklich aufgehen, gerade in unserer heutigen Zeit, wo die Kirche gesellschaftlich immer mehr ins Abseits rückt.

Oftmals gibt es auch ganz viele tiefgreifende emotionale Erlebnisse untereinander, das ist wirklich beglückend. Das Gemeinschaftsgefühl in den Chören trägt mich sehr. Und auch die Entwicklung in der Jugendkantorei, die Verbundenheit der Jugendlichen mit mir, untereinander, zur Chormusik und deren Motivation dazu – das ist schon sehr besonders.

Es macht mich froh, Kinder und Jugendliche an die Chormusik und an die Liturgie heranführen zu können und so für die Zukunft der Kirche, aber auch für die Zukunft der Chormusik einen kleinen Beitrag leisten zu können.

Wie gehen Sie mit der aktuellen Unsicherheit um?

Die aktuelle Situation ist für mich und für uns sehr bedrückend. Die eben beschriebenen Dinge sind derzeit auf Eis gelegt, wir dürfen ja nicht mehr singen, das tut richtig weh. Auch die jahrelange Vorbereitung des Pueri-Cantores-Treffen in Überlingen, welches am 1. und 2. Mai stattfinden sollte und an dem sich mehr als 800 Kinder und Jugendliche angemeldet hatten, so viele wie noch nie bei einem diözesanen Pueri-Cantores-Treffen, scheint wie eine Seifenblase zu zerplatzen.

Aber zuvorderst steht das Wohl aller und hoffentlich kommen wir da einigermaßen heil und gesund wieder heraus. Und natürlich stehen da auch noch ganz andere existenzielle Sorgen und Nöte bei vielen Menschen im Vordergrund, die es in dieser Zeit zu bewältigen gilt. Umso mehr werden wir hoffentlich danach das, was uns alltäglich erschien, bewusster und mit tiefem Herzen und Dankbarkeit anders erleben.

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