Herr Wilske, Südbaden ist eine Region der Blasmusik. Wegen der Infektionsgefahr können tausende junge Trompeter, Hornisten und Posaunisten seit Monaten nicht zusammen spielen. Wissen Sie schon, wie viele die Lust an ihrem Instrument verloren haben?

Musikschulen und Vereine sind ja sehr stark mit den Schulferien verbunden. Und weil das neue Schuljahr gerade erst begonnen hat, liegen uns die aktuellen Zahlen noch nicht vor. Die Gesamtzahlen kommen ohnehin erst gegen Jahresende. Vorerst kann ich also nur über Stichproben und Symptome sprechen.

Und wie sehen diese Symptome aus?

Einerseits weiß ich, dass es Musikschulen in Nordrhein-Westfalen gibt, wo die Sommerferien schon länger vorbei sind, die bei den Anmeldungszahlen harte Einbrüche verzeichnen. Andererseits habe ich eben gerade von der Musikschule Böblingen in meiner Nachbarschaft die Nachricht von nach wie vor vollen Wartelisten erhalten. Offenbar ist man dort von der Krise völlig unbeeindruckt.

Hermann Wilske ist Präsident des Landesmusikrats Baden-Württemberg.
Hermann Wilske ist Präsident des Landesmusikrats Baden-Württemberg. | Bild: Landesmusikrat Baden-Württemberg

Also ein sehr ambivalentes Bild?

Ja. Was Südbaden betrifft, so handelt es sich ja in der Tat um ein klassisches Blasmusikland. Der Bund Deutscher Blasmusikverbände hat allein hier 45.000 Mitglieder, das gibt es in dieser Dichte wohl nirgendwo sonst in Deutschland. Blasmusik- und Gesangsvereine gehören nun einmal zur unverwechselbaren Identität unseres Bundeslandes. Umso härter würde es uns treffen, wenn die Coronakrise noch lange andauern sollte.

Was wäre zu befürchten?

Nehmen wir nur mal die Chöre, deren Altersdurchschnitt tendenziell eher hoch ist. Weil dort häufig Mitglieder zur Risikogruppe gehören, bleiben sie schon aus Vorsicht eher zuhause. Hinzu kommt, dass viele offenbar eine Aversion dagegen haben, im Freien zu singen. Das liegt vielleicht auch daran, dass es akustisch unbefriedigend sein kann. Und drittens fehlt ja zurzeit auch das anschließende gesellige Beisammensein.

Alle drei Probleme kann man vielleicht ein paar Wochen oder Monate überbrücken. Danach aber kann es schwierig werden, die Strukturen aufrecht zu erhalten. Wir rechnen schon heute damit, dass manche Chöre die Krise nicht überstehen werden.

Was kann das verhindern?

Solange die Fallzahlen noch zunehmen, gibt es kein Licht am Ende des Tunnels. Man muss zudem verstehen, dass dann auch das Kultus- oder Wissenschaftsministerium keine wesentlichen Lockerungen der Hygienevorschriften veranlassen kann.

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Als Chorsänger finde ich auch nach längerer Pause wieder rein, das sieht bei Musikinstrumenten, die regelmäßiger Übung bedürfen, anders aus.

Das ist völlig richtig. Im Instrumentalbereich wird daheim sicherlich intensiver geübt als im Vokalbereich. Aber was die Blechbläser anbetrifft, stimmen mich allerdings die jüngsten Studien am Freiburger Institut für Musikermedizin optimistisch. Demnach ist das Spielen dieser Instrumente doch nicht ganz so gefährlich, wie man lange Zeit befürchtet hat.

Sie glauben, das Ganze stellt sich als halb so wild heraus, und Blasmusikorchester können schon in einem halben Jahr wieder regulär proben?

Das ist vielleicht allzu optimistisch. Dennoch glaube ich, dass die Situation hier zunehmend beherrschbarer sein wird. Es geht hier ja insbesondere um die Infektionsgefahr durch Aerosole. Da gab es die Vermutung, durch das Spielen eines Blechblasinstruments könnten Viren bis zu vier Meter weit fliegen. Das hat sich nun bei den Untersuchungen in Freiburg als deutlich übertrieben herausgestellt. Ich bin deshalb zuversichtlich: Wenn die Vorsichtsmaßnahmen eingehalten werden, könnte sich die Blasmusikszene wieder erholen und langfristig zu den gewohnten Abläufen zurückkehren.

Die Hoffnung liegt also auf dem Institut für Musikermedizin?

Selbstverständlich, und die Forschungen gehen ja weiter. Es ist in hohem Maße erfreulich, dass das Institut dafür aus dem Wissenschaftsministerium jetzt auch zusätzliche Gelder erhält.

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Unternehmen wie Yamaha haben für viele Instrumente Hightech-Produkte entwickelt, die lautloses Spielen bei vollem Klangerlebnis über Kopfhörer ermöglichen. Wo bleiben die Innovationen zum Infektionsschutz?

Die wird es geben. Allerdings verhält es sich damit ähnlich wie mit dem Warten auf einen Impfstoff: Kann sein, dass er kommt, kann aber auch sein, dass er ausbleibt. Für die akute Situation hilft uns dieses Prinzip Hoffnung wenig. Ich bin auch skeptisch, ob solche technischen Lösungen bei Ensembles am Ende ohne Qualitätsverlust möglich sind.

Nein, wir werden lernen müssen, uns mit Corona zu arrangieren. Und da liegt meine Hoffnung auf den Studien, die uns Fingerzeige geben, was machbar ist und was nicht. Ich würde mir in diesem Zusammenhang sehr wünschen, dass es einen nationalen Pandemierat gäbe, der gerade für die Musik die Dinge wissenschaftlich fokussiert.

Was soll der bewirken?

Wir haben zurzeit ja einen Flickenteppich an unterschiedlichsten Hygienevorschriften. In manchen Bundesländern ist viel möglich, in anderen fast nichts. Wenn beispielsweise die Charité in Berlin und das Institut für Musikermedizin in Freiburg Gelder dafür erhalten, gemeinsam ein Hygienekonzept für Musiker in ganz Deutschland zu erarbeiten, dann hätten wir alle mehr Planungssicherheit. Dass manche Bundesländer ein höheres Infektionsgeschehen haben als andere, könnte dabei ja Berücksichtigung finden.

In den Flugzeugen nach Mallorca sitzen die Menschen dicht an dicht, im Konzertsaal aber müssen sie Sicherheitsabstände einhalten. Können Sie das verstehen?

Selbst in der Musik in unserem Bundesland gibt es teils groteske Widersprüche, aber das nur am Rande. Deshalb kann ich das alles nur bedingt verstehen. Ich finde es aber richtig, dass die Kultusministerin Susanne Eisenmann und die Wissenschaftsministerin Theresia Bauer Vorsicht walten lassen. Andernfalls könnte sich das Infektionsgeschehen erneut deutlich verschärfen, und das wäre dann zum Beispiel für viele Konzertveranstalter nicht mehr beherrschbar.

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Denken wir ein Jahr nach vorne, Sommer 2021: Wie wird die Lage sein?

Oh, wir werden bis dahin alles daran setzen müssen, so viel wie nur möglich zu retten! Zum Beispiel den Wettbewerb „Jugend musiziert“: Es gibt in ganz Deutschland nirgendwo so viele Teilnehmer auf regionaler Ebene wie in Baden-Württemberg, im Januar 2020 waren es gegen 5000. Wir müssen unbedingt Wege finden, diese Veranstaltung im kommenden Jahr durchzuführen. Sollte der Regionalwettbewerb ausfallen, kann es auch keinen Landes- und keinen Bundeswettbewerb geben. Daran hängt also ein ganzer Rattenschwanz an negativen Konsequenzen.

Und wie lautet nun also Ihre Prognose?

Wir fahren so sehr auf Sicht, dass eine verlässliche Voraussage im Grunde unmöglich ist. Ich hoffe, dass wir – sofern nötig – bis zum Sommer 2021 mehr und mehr in der Lage sind, uns mit dem Coronavirus zu arrangieren. Dass wir unsere Strukturen und musikalische Vielfalt bis dahin, so gut es eben geht, bewahren können. Und dass hoffentlich allmählich eine Rückkehr zur Normalität möglich ist.

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