Wenn Martin Kuberczyk, vom Planungsbüro K3, im Dezember 2019 vor dem Mäuerle am Franziskaner stehen wird, kann er seinen Blick schweifen lassen, über helle, großflächige Naturpflastersteine, Blindenleitsysteme, LED-Straßenlaternen, neue Bänke – insgesamt werden es zehn sein, also vier mehr als jetzt -, Mülleimer – zu jeder Bank einen-, und neu gesetzte Bäume. Vorausgesetzt natürlich, bei der Sanierung der Rietstraße läuft alles nach Plan.

Video: Jens Fröhlich
  • Die Herausforderungen: Es gibt genau zwei Punkte, die den kompletten Zeitplan durcheinanderbringen würden: Die Hausanschlüsse und das Oberflächengefälle der Straße. Ersteres ist, wenn man so will, noch eine Art Black-Box. Zwischen 30 und 35 Hausanschlüsse gebe es in der Straße. Die Sanierung eines Anschlusses dauert zwei Tage. Währendessen kann nichts anderes gemacht werden. Noch wissen sie nicht, welche Anschlüsse tatsächlich marode sind. Wenn nahezu jeder Anschluss saniert werden muss, dann "kann der Zeitplan nicht gehalten werden", sagt Kuberczyk.
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    Der zweite Punkt, das Gefälle, ist für den Kanalbau wichtig. Relativ gering ist es in der Straße, gerade einmal 0,3 Prozent. "Das Mindestgefälle für Wasser, damit es abfließt." Wenn bei den Arbeiten nur eine Delle im Untergrund entsteht, wird es schon schwierig. Weniger Sorgen bereitet Kuberczyk das Wetter. "Außer vom Frost sind wir wetterunabhängig." Viel Regen und vollgelaufene Gräben bedeuten zwar mehr Arbeit, bringen aber den Zeitplan nicht durcheinander. Das könnte einzig ein langer Winter mit Schnee noch im April oder ein früher Winter mit Frost schon Anfang November.
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  • Die Bauabschnitte: Vom Bickentor aus gesehen, wird immer erst die linke Straßenseite aufgerissen, dann die rechte. "Eine Seite", sagt Kuberczyk, "wird immer begehbar sein". Insgesamt wird es sieben Abschnitte geben. Jeder wird 30 Meter lang sein. Die Bauzeit wird, je nach Anzahl der zu sanierenden Hausanschlüsse, pro Abschnitt zwischen sechs und acht Wochen liegen. Los geht es noch in diesem Jahr am Marktplatz.
    Planer Martin Kuberczyk zeigt, wo am Marktplatz im September die Sanierung der Rietstraße beginnt. Geplant ist, 2018 noch bis zur Färberstraße zu kommen. Bilder: Jens Fröhlich
    Planer Martin Kuberczyk zeigt, wo am Marktplatz im September die Sanierung der Rietstraße beginnt. Geplant ist, 2018 noch bis zur Färberstraße zu kommen. Bilder: Jens Fröhlich | Bild: Fröhlich, Jens
    "Wir fangen links vom Müller an abzuräumen." 70 Zentimeter tiefe Gräben werden ausgehoben, darüber Holzbrücken oder Stahltafeln gelegt, über die die Geschäfte und Hauseingänge weiter erreichbar bleiben. Abends und am Wochenende werden die Gräben komplett bedeckt, "sodass die Feuerwehr im Brandfall darüber fahren kann". Wenn alles nach Plan läuft, sollen bis November die neuen Kanäle und Pflastersteine bis zur Färberstraße gelegt sein. Dann soll die Baustelle ruhen, das ist mit den Händlern so vereinbart. Das Weihnachtsgeschäft soll nicht beeinträchtigt werden. Auch die Fasnet bleibt ungestört. Erst nach Aschermittwoch wird es wieder weiter gehen.
    Das Ende der Sanierung ist für 2019 geplant. Bild: Jens Fröhlich
    Das Ende der Sanierung ist für 2019 geplant. Bild: Jens Fröhlich | Bild: Fröhlich, Jens
  • Das wird für die Anlieger getan: Am 23. August soll es eine weitere Infoveranstaltung für alle Anlieger und Händler geben, auf der die genauen Termine für die Arbeiten mitgeteilt werden. Während der gesamten Bauzeit wird es einen Baustellencontainer auf dem Münsterplatz geben, dort können, in einer festgelegten Sprechstunde, Anlieger und Händler mit der Bauleitung über Probleme sprechen. "Das hat sich bereits in Schwenningen bewährt", sagt Kuberczyk.
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Das sagen die Händler in der Rietstraße

„Hier“, sagt Stefan Kleyling kniend auf dem Boden vor seinem Uhrengeschäft in der Rietstraße, „ist der neueste Stein rausgeflogen“. Lose Pflastersteine hebt er aber tatsächlich eher selten vom Boden vor seinem Laden auf. Häufiger muss er sich da schon um die Zigarettenkippen kümmern, die sich in die inzwischen recht großen Zwischenräume der Steine eingraben. „Ich gucke schon immer neidisch auf die anderen Straßen, wie einfach es dort ist, das Pflaster sauber zu halten.“

Martina Ebensperger, Filialleiterin im Backwerk
Martina Ebensperger, Filialleiterin im Backwerk | Bild: Fröhlich, Jens

Stefan Kleyling weiß, was es heißt, wenn eine Straße saniert wird. Das Uhrengeschäft Grießhaber hat in der Rietstraße die Erneuerung in den 70er-Jahren mitgemacht. Vor der Filiale in der Niederen Straße wurde ebenfalls saniert. Kleyling ist also Baustellen erprobt. Und dementsprechend gelassen. „Die Villinger kennen ihre Fußgängerzone. Wenn hier gebaut wird, lassen sich die Leute davon nicht abschrecken.“ Im Gegenteil. „Die unglaublichsten Balanceakte über Stege und Gräben machen die Leute im hohen Alter.“ Wenn sie in das Geschäft wollen, dann wollen sie da rein. Baustelle hin oder her, der ein oder andere Bauarbeiter reicht dann auch mal eine helfende Hand.

Einzig Auswärtige oder reine Schaufenster-Bummler werden die Rietstraße während der Bauarbeiten wohl eher meiden. Kleyling hat sich auf einen Umsatzeinbruch von 20 Prozent eingestellt. Die Baustelle ist nicht das, was ihn ärgert: „Das größte Glück für mich ist, wenn die Straße fertig ist.“ Das Einzige, das ihn wirklich ärgert: Dass der Zeitplan nicht eingehalten werden konnte. Ursprünglich war der Baustart für Juni dieses Jahres vorgesehen. „Wir haben extra schon sparsam eingekauft“, sagt er. Jetzt kommen die ersten Feriengäste und sie mussten noch mal Ware nachbestellen.

Heinz Rieger, Buchhändler bei Morys Hofbuchhandlung, blickt nur mit einem vielsagenden Lächeln nach draußen, dort, wo die Bücher in Rollcontainern liegen und die Postkarten in den Ständern stehen und sagt: „Es sieht jeder, das es sehr marode ist. Wir haben auch Schwierigkeiten, die Auslage rein und raus zu fahren.“ Dass eine Baustelle nicht „unbedingt umsatzfördernd“ ist, das ist Rieger klar. Ein bisschen weniger wird es werden, denkt er. Ändern kann er es nicht. Er wird eben abwarten. Und die Ware für die Auslage draußen mengemäßig während der Bauarbeiten herunterfahren.

Heinz Rieger, Morys Hofbuchhandlung
Heinz Rieger, Morys Hofbuchhandlung | Bild: Fröhlich, Jens

Martina Ebensperger, Filialleiterin im Backwerk, hat bereits mit der Geschäftsleitung in Lörrach gesprochen und die Baustelle angekündigt. Wenn die Arbeiten nach Plan laufen, wird die Backwerk-Filiale noch in diesem Jahr von der Sanierung betroffen sein. Und das ist auch gut so. „Wir wissen ja, wie es hier aussieht, dass die Steine locker sind und immer wieder rausbrechen.“ Ihre Hoffnung: „Dass das ganze zack, zack über die Bühne geht“, und, dass sie so bald wie möglich einen konkreten Zeitplan bekommen. Ansonsten sieht sie das Ganze pragmatisch: „Es ist sicher schwierig, aber man kommt da auch durch. Die Sanierung dauert ja nicht ewig.“ (ang)

Martina Ebensperger, Filialleiterin Backwerk
Martina Ebensperger, Filialleiterin Backwerk | Bild: Fröhlich, Jens