Seit Mittwoch ist die Corona-Landesverordnung mit restriktiven Vorgaben für alle Bereiche des öffentlichen Lebens in Kraft, damit ist klar: Auch Geschäfte müssen schließen – mit Ausnahme von Lebensmittelläden, Apotheken, Drogerien und Baumärkten. Es ist ein gespenstischer Gang am Mittwoch durch die Villinger Innenstadt: Wo sonst morgendliche Betriebsamkeit herrscht, senkt sich immer größere Stille über die Stadt. Im Laufe des Tages schließen immer mehr Geschäfte. Über Mittag nutzen die Villinger noch die Chance, bei den milden Temperaturen im Freien zu essen. Allerdings müssen die Tische weit auseinander stehen, hier wacht der Kommunale Ordnungsdienst auf Einhaltung.

Große Sorgen

Große Sorgen löst im Einzelhandel die Landesverordnung aus, die die Schließung zahlreicher Einzelhandelsgeschäfte bis vorläufig 19. April vorsieht. „Die Schließung bis 19. April wird für viele Geschäfte existenziell sehr schwierig, sollte sie verlängert werden, wird es oberkritisch“, prophezeit Carsten Dörr, Geschäftsführer des Gewerbeverbandes Oberzentrum (GVO). Kritische Töne schlägt auch Joachim Müller an, der Präsident des GVO. Er fordert, bei allem Verständnis für den Gesundheitsschutz der Bevölkerung, von der Politik mehr Augenmaß und Rücksichtnahme auf die Belange der Selbstständigen und kleinen Betriebe. „Wir können jetzt nicht alle in den Bankrott treiben“, warnt der GVO-Präsident. Doch wenn die Politik so weiter mache, werde genau dies passieren.

Karin Jörres, Christa Czeke und Heidi Schreiber kaufen Blumen mit einem 50-prozentigen Rabatt ein – der Blumenhändler räumt seinen Laden, bevor er vier Wochen lang schließt.
Karin Jörres, Christa Czeke und Heidi Schreiber kaufen Blumen mit einem 50-prozentigen Rabatt ein – der Blumenhändler räumt seinen Laden, bevor er vier Wochen lang schließt. | Bild: Hahne, Jochen

Augenmaß gefordert

Was er mit Augenmaß meint, verdeutlichte Joachim Müller an einem Beispiel. Wenn jemand eine Waschmaschine im Einzelhandel kaufen wolle, könnte er doch in einem Fachgeschäft anrufen und einen Termin ausmachen, um zu vermeiden, dass viele Kunden gleichzeitig aufeinander treffen. Der Verkauf könnte auch in einem abgelegenen Lagerraum stattfinden, um Ansteckungsrisiken zu minimieren. Die Verordnung der Landesregierung aber beinhalte pauschal, dass das Fachgeschäft geschlossen werden muss. „Damit spielen wir dem großen Online-Handel in die Hand, der vom Verbot ausgenommen ist“, kritisiert Müller.

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Ziel der Politik müsse es sein, auch dem stationären Einzelhandel eine Chance zu geben. Er habe am Dienstag von einem Dienstleister erfahren, der einen Übergangskredit bei seiner Bank beantragte, aber abgewiesen worden sei. Müller fürchtet, dass eine Fülle von Insolvenzen die Folge sein werden. Die verantwortlichen Politiker meinten es gut, aber: „Sie schicken jetzt die ganze Republik in die Schulden“. An den Folgen werde die Wirtschaft noch jahrelang zu beißen haben, während die politischen Entscheidungsträger ihr Geld monatlich automatisch auf ihr Konto bekämen. „Wir müssen jetzt höllisch aufpassen, dass wir es nicht übertreiben“, warnt der GVO-Präsident.

Der Einkaufsbummel in der Villinger Innenstadt endet am frühen Mittwochmorgen an vielen geschlossenen Geschäften.
Der Einkaufsbummel in der Villinger Innenstadt endet am frühen Mittwochmorgen an vielen geschlossenen Geschäften. | Bild: Burger, Roland

Drähte laufen heiß

Seit Tagen laufen bei den GVO-Verantwortlichen sämtliche Drähte heiß. Der Gewerbeverein steht derzeit in engem Kontakt mit den Mitgliedern, der IHK, der Stadtverwaltung und weiteren Stellen und Partnern, um die Lage zu sondieren, lückenlose Informationen an die Mitglieder weiterzureichen und herauszufinden, welche Maßnahmen zwingend sind und wo es womöglich Spielräume gibt. „Wir sind am Lösungen suchen und tun alles, was wir machen können, damit der Einzelhandel nicht völlig abgehängt wird“, sagt Geschäftsführer Carsten Dörr.

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Leider, so bedauert er, gebe es noch keine gesicherten Informationen über finanzielle Unterstützungen des Staates für Handel und Gewerbe. „Keiner weiß derzeit, wer dafür zuständig ist“, berichtet er. „Da müssen wir wahrscheinlich noch abwarten und etwas Geduld haben.“ Der GVO selbst habe auch schon zwei, drei Ideen entwickelt, wie man den Geschäftsinhabern und Betrieben konkret helfen könnte. Allerdings seien diese noch nicht spruchreif.

Die Metzgerei Haller weist ihre Kunden darauf hin, dass nicht mehr als vier Personen auf einmal das Geschäft betreten sollten.
Die Metzgerei Haller weist ihre Kunden darauf hin, dass nicht mehr als vier Personen auf einmal das Geschäft betreten sollten. | Bild: Burger, Roland

Ideen entwickelt

Eine dieser Ideen könnte eine Art Bürger-Hotline sein, über die Kunden mit dem lokalen Einzelhandel in Kontakt und Geschäftsverbindungen treten können. Dies berichtet Markus Blust, der Vorsitzende der GVO-Einzelhandelssparte im Stadtbezirk Schwenningen. Ob und wie sich diese Hotline realisieren lässt, müsse aber noch untersucht werden. Blust, der das Fahrradgeschäft Singer in Schwenningen betreibt, ist von der Schließung selbst stark betroffen. Der März ist für ihn der Start in die Fahrrad-Saison und damit der umsatzstärkste Monat. Jetzt wird die Geschäftsschließung verordnet. „Das Kfz-Gewerbe bleibt geöffnet, wir müssen zumachen“, beklagt er. Dabei gebe es viele Leute, die auch auf ihr Fahrrad angewiesen seien. Eine Umstellung auf reinen Online-Handel sei für ihn kurzfristig nicht machbar. Jetzt gelte es, das Netzwerk des GVO zu aktivieren, um den Mitgliedern zu helfen und das Beste aus der Situation zu machen.

Postfiliale in Villingen geschlossen

In Villingen wird keine Postfiliale mehr geöffnet haben: Das hat die Sprecherin der Postbank, Iris Laduch, auf Anfrage des SÜDKURIER bestätigt. Eigentlich sollten Postfilialen geöffnet bleiben, sie sind von den von der Landesregierung angeordneten Schließungen ausdrücklich ausgenommen. Da in Villingen die Filiale im Modepark Röther untergebracht ist, sei eine Öffnung nicht machbar. „Die Filiale ist ausschließlich über die Räume des Modeparks zu erreichen. Solange das Modehaus geöffnet hat, bieten wir in unserer Filiale die gewohnten Services an. Sollte das Geschäft aufgrund der aktuellen Situation schließen, werden wir auch unsere Filiale schließen müssen“, so Iris Laduch. Eigentlich wollte die Stadt noch versuchen, hier eine Lösung zu finden, damit diese wichtige Infrastruktureinrichtung offen bleiben kann. Komme es zu Filialschließungen, so werde der Service von umliegenden, noch geöffneten Postbank--Filialen oder Partnerfilialen der Deutschen Post übernommen. Kunden können sich über den Filialfinder im Internet unter www.postbank.de über die aktuellen Öffnungszeiten informieren. Kunden, deren Paketsendung in der geschlossenen Filiale eingelagert ist, können sich an die Telefon-Hotline der Postbank wenden, wenn es sich um lebenswichtige Medikamente oder Urnen handelt, so Laduch. Mit dem Kunden werde dann das weitere Vorgehen geklärt. Postfilialen sind geöffnet in Schwenningen, in Brigachtal und in Bad Dürrheim.

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