Nach dreieinhalb Jahren ohne Erhöhung werden die Pflegesätze im Spittel im kommenden Jahr um etwa neun Prozent angehoben. Das geht aus dem Wirtschaftsplan für das Seniorenzentrum hervor, den Betriebsleiter Albert Röcker dem Verwaltungsausschuss (VA) nun vorgestellt hat. 

Erhöhung ist offenbar nötig

Röcker verwies darauf, dass im selben Zeitraum beispielsweise die Löhne für das Personal um mehr als elf Prozent gestiegen seien. Die höheren Entgelte habe er mit den Sozialhilfeträgern und Pflegekassen im Oktober ausgehandelt. Die Erhöhung sei nötig, denn er plane für den Betriebszweig Pflegeheim 2020 wieder einen positiven Abschluss. Bei der Begegnungsstätte Spitteltreff rechnet Röcker mit etwa 108 000 Euro Verlust, die die Stadt ausgleichen soll.

  • Mehr Bürokratie: Nachdem der bisherige Pflege-TÜV mit seinen unrealistischen Bewertungen abgeschafft wurde, wird das neue Punkte-System mehr Personal binden, fürchtet Röcker. Die Mitarbeiterinnen müssten jeden der 124 Bewohner zwei Mal im Jahr screenen. Sie müssten 98 Daten je Bewohner zur Erfassung von Versorgungsergebnissen erheben und diese Daten an eine zentrale Clearingstelle übermitteln. Je Bewohner rechne er mit 90 Minuten Aufwand, das mache zusammen etwa 186 Stunden: Zeit, die die Fachkraft am PC verbringt und nicht beim Bewohner am Bett. Hinzu komme, dass der medizinische Dienst künftig zweimal statt bisher einmal pro Jahr zur Qualitätskontrolle komme. Auch das binde Arbeitskräfte.
  • Situation wird nicht leichter: Es werde immer schwieriger und teurer, Pflegepersonal zu finden. Im Wirtschaftsplan rechne er mit einer Belegungsquote von 98 Prozent. Das sei aber nur zu schaffen, wenn er genügend Personal habe. Er müsse Betten unbelegt lassen, wenn er kein Fachpersonal habe. Der Personalschlüssel sei mit den Kassen vereinbart. In anderen Heimen im Kreis sei es schon geschehen, dass Betten unbelegt blieben, weil Personal fehlte. „Wir sind noch in der Lage, alle erforderlichen Pflegestellen zu besetzen“, so Röcker. Allerdings müsse er immer wieder teure Personalagenturen einschalten.
  • Große Sorge um Ausbildung: Große Sorge macht Röcker nach wie vor die neue, generalisierte Ausbildung in der Pflege. Krankenpflegerinnen, Kinderkrankenschwestern und Altenpfleger werden künftig zunächst gemeinsam ausgebildet. In diesem Jahr hätten vier Auszubildende im Spittel ihre Ausbildung begonnen – wohl weil dies die letzte Chance sei, sich nach dem alten System ausbilden zu lassen. Es sei nicht klar, ob die Altenpflegeschule in Schramberg die generalistische Ausbildung anbieten kann. Einen Lichtblick sieht Röcker allerdings: Die einjährige Ausbildung zur Altenpflegehelferin bleibe. Danach könnten die Absolventinnen die dreijährige Ausbildung anhängen.
  • Große Investitionen geplant: Mehrere größere Investitionen sind im Spittel geplant. Nach 14 Jahren ist das laut Röcker „sehr sinnvolle“ Blockheizkraftwerk reif für einen Austausch. Kosten: etwa eine Viertelmillion Euro. Außerdem geht die Generalsanierung der Flachdächer weiter. Im Haus selbst möchte Röcker Stationszimmer mit neuen Medikamentenschränken ausstatten und die EDV erneuern. Dafür sind 130 000 Euro veranschlagt Schließlich würden weitere Nasszellen in den Zimmern im Haupthaus saniert. Der Spitteltreff bleibe ein Treffpunkt mit kulturellen Angeboten, er sei bei der älteren Generation in Schramberg sehr beliebt. Hier seien keine größeren Veränderungen geplant.
  • Frage nach Attraktivität: In der Diskussion um den laut Stadtrat Jürgen Winter CDU „erbaulichen Bericht“ ging es um die Personalfrage: „Wie könnte möglicherweise die Stadt die Attraktivität des Pflegeberufes steigern?“, wollte Winter wissen. Röcker meinte, würde ein Anfangsgehalt von 4000 Euro gezahlt, hätte er „keine Sorge, dass unsere Leute in die Industrie abwandern“. Er hatte abschreckende Beispiele, mit welchen Methoden die Heime sich gegenseitig Mitarbeiterinnen abspenstig zu machen versuchten: Da werde mit einem Thermomix beim Wechsel geworben oder mit 10 000 Euro Prämie, wenn man beim Wechsel gleich noch eine Kollegin mitbringe. Die Dekra-Organisation vermittle Fachkräfte aus Südosteuropa gegen eine Vermittlungsgebühr von stolzen 9000 Euro. Oberbürgermeisterin Dorothee Eisenlohr ergänzte, auch aus Vietnam kämen qualifizierte Fachkräfte. Das Problem sei, das immer wieder solche Kräfte hier abbrächen, weil das Heimweh zu groß werde. Die Ausschussmitglieder haben den Wirtschaftsplan und die neuen Entgelte für Unterkunft, Pflege und Verpflegung einstimmig dem Gemeinderat zur Annahme empfohlen.