Auch 100 Jahre nach der Gründung der Bezirksbaugenossenschaft hat das Thema nichts an seiner Aktualität eingebüßt. „Ziel wird es bleiben, weiterhin modernen und bezahlbaren Wohnraum auf Dauer zur Verfügung zu stellen“, erklärt Bernhard Schacherer, Vorsitzender des Aufsichtsrates der Bezirksbaugenossenschaft (BBG). Nicht der Gewinn soll im Fokus stehen, sondern die Substanz langfristig auf zeitgemäßen Niveau zu erhalten.

Hermann-Fischer-Allee 40, 42, 44, 46, 48, 50 und Eilestraße 7 von der Gartenseite
Hermann-Fischer-Allee 40, 42, 44, 46, 48, 50 und Eilestraße 7 von der Gartenseite | Bild: Baugenossenschaft
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Viele klagen heute in Donaueschingen, dass es schwer ist, überhaupt eine neue Wohnung oder ein Haus zu finden. Das war auch schon vor 100 Jahren so. Denn nach dem Ersten Weltkrieg war in Donaueschingen der Wohnraum knapp. Zwischen 1910 und 1925 wuchs die Donaueschinger Bevölkerung um 23,5 Prozent.

Auch zwei Häuser am Hindenburgring gehören der BBG.
Auch zwei Häuser am Hindenburgring gehören der BBG. | Bild: Baugenossenschaft
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Womit der Stadtpfarrer Heinrich Feurstein scheiterte, hatte Josef Ganster Erfolg. Denn der Stadtbaumeister gilt nicht nur als Gründungsvater der Baugenossenschaft, er war auch Zeit seines Lebens das Herz und der Kopf. Sämtliche Häuser der BBG entstanden unter seiner Geschäftsführung, nur eines wurde erst 1973 – also lange nach seinem Tod – gebaut.

Eigentlich sollte das Haus Friedrichstraße 18 abgerissen werden.
Eigentlich sollte das Haus Friedrichstraße 18 abgerissen werden. | Bild: Baugenossenschaft
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Die markanteste Siedlung der Stadt ist auch gleichzeitig das Herzstück der BBG – die Eile-Siedlung, die sich hinter den Donauhallen entlang der Brigach erstreckt und die mittlerweile auch unter Denkmalschutz steht. „Die Eile-Siedlung stellte damals eine markante Neuerung im Donaueschinger Stadtbild dar.

Auch die Häuser an der Konradin-Kreutzer-Straße sind typische für die 1920er Jahre.
Auch die Häuser an der Konradin-Kreutzer-Straße sind typische für die 1920er Jahre. | Bild: Baugenossenschaft
An der Hermann-Fischer-Allee wohnten früher hauptsächlich fürstliche Beamten.
An der Hermann-Fischer-Allee wohnten früher hauptsächlich fürstliche Beamten. | Bild: Müller, Roger

Dieses Ensemble leistet in seiner Gesamtheit einen wichtigen Betrag zur regionalen Baukultur der 1920er Jahren und ist für die Stadtentwicklungs- und Siedlungsgeschichte Donaueschingens von großer Bedeutung“, sagt Bürgermeister Severin Graf. Denn in der Eile-Siedllung entstanden 1921 die ersten Häuser der BBG, weitere folgten, bis ein ganzes Stadtviertel mit ganz eigenem Charakter errichtet worden war. Die Häuser wurden damals unter anderem nach Berufzugehörigkeit geplant und vermietet.

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In der Friedrichstraße 18 waren beispielsweise die Postbeamten zu Hause, in der Pfaffenhofenstraße wohnten Arbeiter der Seidenweberei und an der Hermann-Fischer-Allee lebten die fürstlichen Beamten, wohl auch ein Grund, warum der damalige Fürst Max Egon II die Gründung der BBG unterstützt hat.

Entstanden ist die Siedlung auf Schutt und Asche

Denn der Untergrund war feucht und immer wieder von Überschwemmungen bedroht. Aus diesem Umstand leitet sich auch der Siedlungsname ab: Aus „Äule“ – kleine, feuchte Aue – wurde Eile. Da das Gebiet ursprünglich tiefer lag, wurde es nach dem großen Stadtbrand mit Schutt der zerstörten Häuser aufgeschüttet – so entstand erst die Möglichkeit, die Eile-Sieldung zu bauen.

212 Wohnung für 450 Menschen aus 20 Nationen

Heute hat die BBG 212 Wohnungen mit einer Wohnfläche von 16 400 Quadratmetern und einer Grundfläche von 41 400 Quadratmetern, 114 Garagen, 61 Stellplätzen. Das sind die nackten Zahlen. Gleichzeitig bietet die BGG für 450 Menschen aus 20 unterschiedlichen Ländern eine Heimat in Wohnungen die eine Größe zwischen 41 und 124,6 Quadratmetern haben und eine Kaltmiete zwischen 3,70 und 7,10 Euro pro Quadratmetern kosten. Laut Magnus Broghammer, kaufmännischer Vorstand, und Heinz Hornung, technischer Vorstand, leben in den Wohnungen Menschen aus vielen sozialen Schichten, sowie aus vielen Herkunftsländern. Die Zahl der Bewerber übersteige allerdings oft das Angebot an freien Wohnungen.

Baustile stammen aus den 1920er, 1950er und 1970er Jahren

Neben der Eile-Siedlung besitzt die BBG auch Häuser in der Bruchsiedlung und Am Buchberg. Während die Eile-Siedlung den Wohnungsbau in den 1920er Jahren widerspiegelt, kann man in der Bruchsiedlung und „Am Buchberg“ auch die Charakteristiken der 1950er und 1970er Jahre entdecken. 1973 entstand an der Neuen-Wolterdinger-Straße das letzte Gebäude der Bezirksbaugenossenschaft mit insgesamt zwölf Wohnungen.

Fokus liegt heute auf der Sanierung und Modernisierung

Das heißt aber gleichzeitig nicht, dass die BBG seither untätig war. Denn seither richtet sich der Fokus auf die Sanierung und die Modernisierung des Bestandes und damit einhergehend natürlich auch der Werterhalt und die Wertverbesserung. „Es ist wichtig, wirtschaftlich und sparsam mit den Ressourcen umzugehen. Gelder müssen sinnvoll und vorausschauend in den Substanzerhalt oder auch in neue Bauprojekte gestellt werden“, erklärt Schacherer.

In der kleinen Einheit können Mitglieder viel besser betreut werden

In Zeiten der Globalisierung, in der durch immer mehr Fusionen und der Trend zu immer Größerem ginge, sei es für die BBG ein Privileg, ihren Platz „als kleine Einheit“ behauptet zu haben. „Die Mitglieder können individuell betreut werden, sie sind nahezu alle persönlich bekannt und die Dienstwege sind äußerst kurz“, so der Aufsichtsratsvorsitzende.

Anekdoten rund um die Bezirksbaugenossenschaft

  • Die Sache mit den Hausnummern: Bei vielen Häusern der Baugenossenschaft sind nicht die Gebäude nummeriert, sondern die Eingänge, die zum Teil auch auf unterschiedlichen Hausseiten liegen. Daher kann ein Haus nicht nur verschiedene Hausnummern tragen, sondern auch verschiedene Adressen, wenn die Eingänge beispielsweise an verschiedenen Straßen liegen. So handelt es sich beispielsweise bei der Konradin-Kreutzer-Straße 2 und der Eilestraße 5 um das gleiche Gebäude. In der Zeit der Entstehung war das auch normal. Auf dem Papier wirkt es nun allerdings so, als ob die Baugenossenschaft mehr Häuser hat, als es eigentlich sind.
  • Über das Farbkonzept: Welche Farbe hatten die Häuser früher? Über ein Farbkonzept in der Eile-Siedlung ist nichts überliefert, nur dass die Gebäude mit „Ersatzstoffen von geringer Lebensdauer“ gestrichen worden waren. In den 1920er-Jahren herrschte eben kein Überfluss. Die schwarz-weiß Aufnahmen lassen jedoch vermuten, dass die Häuser einem einheitlichen Farbkonzept folgten und so wird dies heute auch verfolgt.
  • Mietersprechstunde: Heute ist die offizielle Geschäftsstelle der Baugenossenschaft in der Konradin-Kreutzer-Straße 12 zu finden. Dort ist sie aber erst seit 1985. Davor empfing der Vorstand Josef Ganster, der nicht nur Donaueschinger Stadtbaumeister war, sondern sein Leben auch der Baugenossenschaft gewidmet hat, die Mieter in seiner Privatwohnung in der Friedrichsstraße 16. Denn dort fand Freitagnachmittags die Mietersprechstunde statt – bei einer Tasse Kaffee oder einem Schnäpschen. Nach Ganters Tod wurde die Wohnung bis 1968 zur offiziellen Geschäftsstelle.
  • Der schönste Garten: Wer kennt ihn nicht, den Garten der Luisenstraße 29. Denn dort haben Andrea und Reinhard Heimayer, die seit 21 Jahren in diesem Haus leben, eine nostalgische Freiluftschule dekoriert. Der „Gustl“ aus Bayern und die „Steffi“ aus Nordrhein-Westfalen pauken dort bei Wind und Wetter und sorgen dafür, dass der eine oder ander stehen bleibt und den Blick über die ungewöhnliche Gartendekoration schweifen lässt. Neue Ideen haben die Haimayers übrigens auch schon.