Ein schlichtes „Cum Sancto Spiritu“ singt der Chor anfangs vor sich hin. Ganz leise. Ganz zart. Als wären die 20 Sänger des St.-Oswald-Kirchenchors völlig allein auf der Welt. Doch Zeno Bianchini schnipst mit den Fingern. „Nein, Stopp“, sagt der Kantor. „Das klingt nicht nach einem heiligen Geist. So gar nicht.“

Bianchini spielt ein paar Takte auf dem Klavier – laute, lebhafte Töne. Er blättert durch sein Notenheft, spielt wieder, diesmal sind die Töne leiser. „Wie klingt das?“, will er wissen. „Wie eine Geschichte“, sagt jemand. Und Bianchini lächelt. „Genau. Manche Töne sind leise, manche feurig, manche fordernd. Aus dem Wechsel wird die Geschichte.“

Zeno Bianchini gräbt nach den verschütteten Stimmen im Chor.
Zeno Bianchini gräbt nach den verschütteten Stimmen im Chor. | Bild: Burkhard Scheibe

Es ist früher Abend im Pallottiheim. Die Sonne ist draußen längst untergegangen, der Mond hängt hinter den Wolken versteckt. Und drinnen probt der Kirchenchor, Bianchini gräbt nach den verschütteten Stimmen im Chor. Er weiß, was sein Chor alles kann. Weiß, wie er klingt, wenn seine Sänger einmal richtig loslegen. Er muss es aus ihnen nur herauskitzeln.

Leise, klare Töne

„Seid ihr bereit?“, fragt der Kantor. Und kaum hat er die Hand gehoben, sind alle da. Sofort. Als hätten sie einen Schalter umgelegt. „Cum Sancto – Spiritu.“ Leise, klare, dann immer lauter werdende Töne erfüllen den Raum. „Cum Sancto – Spiritu.“ So soll es sein.

Für viele Sänger ist es eine der ersten Proben nach langer Zeit des Stillstands

Fast eineinhalb Jahre war der Chor im Lockdown. „Da merkt man, was man vermisst hat“, wird Sängerin Ilonka Kessler später sagen. Für sie ist der Gesang Ausdruck gelebten Glaubens. „Solche Lieder zu singen, das hat noch mal ein anderes Gewicht.“ Denn: „Wenn ich das ‚Erbarme Dich Unser‘ sage, ist es für mich viel kleiner, als wenn ich es singe“, sagt Kessler. „Und wenn der ganze Chor entsteigt, dann kriege ich eine Gänsehaut.“

Für andere, für Günter Römer etwa – den seine Kollegen gern den Ma­es­t­ro nennen – geht es beim Singen im Kirchenchor vor allem ums Gemeinschaftsgefühl. Beide sind seit Jahrzehnten im St. Oswald-Chor. Kessler seit 28 Jahren und Römer seit 21 Jahren. „Da wächst man zusammen“, sagt der Ma­es­t­ro.

Sänger Ilonka Kessler, Gudrun Löffler, Günter Römer (v. links) und Martina Mertens (rechts) mit Kantor Zeno Bianchini.
Sänger Ilonka Kessler, Gudrun Löffler, Günter Römer (v. links) und Martina Mertens (rechts) mit Kantor Zeno Bianchini. | Bild: Daniela Biehl

„Da erlebt man oft, wie viel Musik bewirken kann“, sagt Sängerin Martina Mertens. „Ich merke das häufig an unseren Zuhörern, aber auch an uns. Dass wir sakrale Momente und traurige oder glückliche über ein Lied miteinander teilen, dass wir uns so verstehen.“ Was Mertens einmal zum Chor zog? „Ich habe schon immer gern gesungen“, sagt sie, nimmt ihr Notenbuch in die Hand – es sind Noten zu einer Messe von Théodore Dubois.

Schränke voller Noten

Mertens blättert sie durch, fährt mit dem Zeigefinger über einzelne Seiten und sagt: „Ich weiß, das ist ein Klischee: Aber es gibt so viele interessante und unterschiedliche Werke, die man im Chor kennenlernt. Wir haben hier Schränke voll mit Noten und lernen immer noch.“ Ob sie ein Lieblingslied hätten? Alle drei verneinen. „Das kann man so nicht sagen. Kirchenmusik ist nicht wie weltliches Repertoire. Da gibt es kein Lieblingslied“, meint Römer. Da rase das Herz jedes Mal, egal was man singe.

Es soll dramatischer werden

Und an diesem Freitagabend ist es das „Gloria“ von Théodore Dubois. Doch Zeno Bianchini ist nicht – noch nicht – zufrieden. „Ein bisschen dramatischer“, fordert er. „Singt durch die Augen. Nach vorne, in Raum hinein.“ Bianchini steht auf, unter seinen Füßen knarrt der Boden leise. Er steht jetzt mitten vor dem Chor, holt tief Luft. So tief, dass sich an der Stirn weiche Falten bilden. Kleine, dunkle Gewitterwolken über den Augen. Er atmet aus. Und singt. Ein klares, spannungsgeladenes „Gloria“ bahnt sich durch die geballte Stille.

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Und der Chor ahmt es ihm nach. Weil sie zeitversetzt singen, erst Sopran, dann Alt und erst Tenor, dann Bass, klingt ihr „Gloria“, als seien sie im Gespräch miteinander. Als erzählten sie eine Geschichte. Bianchini huscht zum Klavier, greift in die Tasten. Und es entsteht dieser kirchentypische, intensive Klang. Das „Sakrale“, wie Kessler es nennt. Ein Klang, der sich ausbreitet und Raum einnimmt. Und dann plötzlich wird es still.

Singen im Kirchenchor. Symbolbild
Singen im Kirchenchor. Symbolbild | Bild: ©julia_104 - stock.adobe.com

Momente wie diesen müssten die Sänger schon hundertfach erlebt haben. Ob es trotzdem diesen einen Moment gab? Die eine Aufführung, die auf besondere Weise berührte? Mertens lacht. „Es gab so viele.“ Denn: Tritt der Chor auf, sind die Anlässe oft besonders: Es sind Feiertage, Messen oder Hochzeiten. „Wenn es emotional wird, sind wir da“, sagt Mertens.

Proben ohne Auftritt

Und denkt an die Zeit vor Corona, als die Mitglieder noch in der Kirche sangen. Aktuell gebe es noch keinen konkret geplanten Auftritt, man mache sich aber Gedanken, wie man einen Auftritt möglich machen könne. „Das fehlt schon.“ Da braucht es einen Funken Hoffnung. Mertens sagt deshalb: „Wir können sicher bald wieder in der Kirche singen.“

Bis dahin wird an den Stimmen gefeilt. Doch: Wie macht ein Kantor das eigentlich? Wie findet er sich in ein Lied hinein? Und wie gibt er das, was er da im Lied gefunden hat, an einen ganzen Chor weiter? Bianchini runzelt die Stirn. Die Frage kann er so nicht beantworten. Nicht mit Worten. „Man muss es hören und fühlen“, sagt er. „Du spürst, wie es klingen muss.“ Ganz intuitiv. Und: „Du hörst, wenn es passt. Dann entsteht in der Musik eine dritte Dimension des Klanges.“

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Ein Sound, der sich Raum erobert. Und für den im Chor bis zu 24 Sänger verantwortlich sind. „Das ist eine Menge“, sagt Mertens. „Und wir haben ja auch noch Gast- und Saisonsänger.“ Gastsänger würden für besondere Stücke eingeladen, während Saisonsänger für regelmäßiges Proben im Alltag zwischen Familie und Beruf oft keine Zeit hätten – und dann, wenn es passt, meist saisonweise, kurz wieder einsteigen.

„Wir üben da bewusst keinen Druck aus.“ Denn: „Niemand muss jede Woche in den Chor.“ Das Singen sei schließlich keine Verpflichtung, sondern eine Einladung, sagt Mertens.