Ein umstrittenes Bauvorhaben, verhärtete Fronten und kein Kompromiss in Sicht: Das ist derzeit die Lage im Streit um das neue Gewächshaus, das die Gärtnerei des Pestalozzi Kinder- und Jugenddorfes im Tal der Stockacher Aach beim Ortsteil Wahlwies bauen will. Eine Bürgerinitiative (BI) versucht, diesen Standort noch zu verhindern, für den allerdings bereits eine Genehmigung vorliegt. Neuester Akt in dem Konflikt: Die BI zweifelt an, dass das Vorhaben tatsächlich als landwirtschaftlich privilegiert eingestuft werden darf. Ulrich Hedtstück von der BI sieht öffentliche Belange wie Naturschutz, Landschaftspflege oder Erholungswert beeinträchtigt und zweifelt an der Zulässigkeit des Vorhabens, was er kürzlich auch bei einer Infoveranstaltung des Kinderdorfs bekräftigte. Anfragen von ihm lägen beim Regierungspräsidium (RP) Freiburg und beim Stockacher Baurechtsamt vor.

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Bernd Löhle, Geschäftsführer des Kinderdorfs und Vorstandsmitglied der Stiftung Pestalozzi macht Bio, entgegnete bei dem Infoabend: „Das Regierungspräsidium wird das anders sehen.“ Auch die beteiligten Ämter verbreiten nicht viel Hoffnung, dass die Baugenehmigung zurückgezogen werden könnte: „Die Frage der Privilegierung wurde selbstverständlich von der Baurechtsbehörde im Genehmigungsverfahren umfassend geprüft. Die Baugenehmigung ist zwischenzeitlich bestandskräftig, sodass wir keinen Anlass und Spielraum für weitere Überprüfungen sehen“, schreibt Peter Fritschi, Leiter des Stockacher Baurechtsamtes, auf Anfrage. Das RP in Freiburg wiederum verweist auf die Baurechtsbehörde der Stadt. Wenn deren Stellungnahme eingegangen sei sowie nach „abschließender Prüfung“ werde das RP über das weitere Vorgehen entscheiden, so Pressesprecherin Heike Spannagel.

Die Bürgerinitiative sammelt nun Unterschriften, um eine Verlagerung des Standorts zu erreichen

Der Unmut im Ort ist unterdessen weiterhin groß. Die Bürgerinitiative zur Verhinderung des Gewächshauses an der Stockacher Aach, wie sich die Gruppe offiziell nennt, sammelt Unterschriften, um Druck für eine Verlagerung des Gebäudes an einen anderen Standort aufzubauen. Denn den Kritikern gehe es nicht darum, das Glashaus zu verhindern, betonen sie. Es soll aber nicht ins Flusstal der Stockacher Aach kommen. Für die gärtnerische Arbeit gibt es Anerkennung – das wird beim Rundgang durch das bestehende Glashaus beim Infoabend deutlich.

Ortstermin im bestehenden Gewächshaus: Gärtnerei-Leiter Christian Richter (2. v.r.) im Gespräch mit Ulrich Hedtstück von der Bürgerinitiative, die sich gegen den Standort des geplanten neuen Glashauses wehrt. Links Kinderdorf-Geschäftsführer Bernd Löhle, rechts Birger Richter, Geschäftsführer der neu gegründeten Pestalozzi Gärtnerei gGmbH.
Ortstermin im bestehenden Gewächshaus: Gärtnerei-Leiter Christian Richter (2. v.r.) im Gespräch mit Ulrich Hedtstück von der Bürgerinitiative, die sich gegen den Standort des geplanten neuen Glashauses wehrt. Links Kinderdorf-Geschäftsführer Bernd Löhle, rechts Birger Richter, Geschäftsführer der neu gegründeten Pestalozzi Gärtnerei gGmbH. | Bild: Freißmann, Stephan

Die BI hat ihre Sicht der Dinge in einem Flugblatt dargelegt – samt Illustration dessen, was inklusive einer möglichen Erweiterung im Flusstal entstehen könnte. Und bei den Infoterminen äußern sich viele Teilnehmer kritisch – auch solche, die nicht in der BI organisiert sind. Die Argumente sind im wesentlichen ausgetauscht: Anwohner der Straße „Am Maisenbühl“ treibt die Sorge vor gefährlichem Lasterverkehr um, die Bürgerinitiative argumentiert mit einem Risiko für die Stockacher Aach und den Trinkwasserspeicher Bodensee, sollte es einen Unfall geben, und das Vorhaben wird als Präzedenzfall gesehen. Die Verantwortlichen beim Kinderdorf halten dagegen: Es werde nicht mehr Lastwagen geben, nur vollere. Und Flächen für große Glashäuser im Stile der Reichenauer Gemüsebauern könne man in der Gegend nicht genehmigt bekommen, sagt Gärtnerei-Chef Christian Richter. Er betont: „Wir wollen keinen Industriebetrieb.“

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Immer wieder geht es um das Thema Transparenz: „Vollendete Tatsachen schaffen Widerstand. Es wäre anders, wenn die Menschen in die Inhalte miteinbezogen worden wären. Spekulationen schaffen Unmut“, sagte beispielsweise Peter Steidle bei einem früheren Infotermin. Und zuletzt bemängelte Wolfram Renner, es sei ihm vorgekommen, als wolle die Kinderdorf-Gärtnerei das Vorhaben klammheimlich durchsetzen: „Das Gefühl bei vielen ist: Das Kinderdorf macht, was es will.“ Geschäftsführer Löhle verweist dazu auf öffentliche Diskussionen zum Vorhaben im Laufe des Verfahrens. Doch auf Anfrage sagt er auch, dass man nicht mit so viel Widerstand gegen diesen Standort gerechnet habe. Hätte man die Bürger früher einbezogen, hätte man das wohl früher gemerkt, lautet seine Einschätzung. Ob das die Standortwahl durch den Kinderdorf-Verein geändert hätte, sei aber nicht klar.

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Inzwischen wachse der Zeitdruck für die Gärtnerei des Kinderdorfes, gibt Löhle zu. Er räumt ein, dass er den Gegnern dieses Standortes nicht viel anzubieten habe, abgesehen von einer schonenden Gestaltung und Mitwirkung beim Bau einer neuen Zufahrtsstraße. Bei den Infoterminen betonte er mehrfach, dass man nach dem langen Vorlauf am ursprünglichen Plan festhalten müsse. Und er betont die Notwendigkeit einer Erweiterung, um die Gärtnerei zu sichern. Künftig solle es aber Veranstaltungen geben, in denen er öffentlich über Aktivitäten und Bilanzen des Kinderdorfs informieren wolle: „Wir können es nur in Zukunft besser machen.“

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Ein Kompromiss, mit dem alle leben können, scheint weit entfernt. Helmut Spaeters Vorschlag lautet, doch noch Ausschau nach einem anderen Grundstück zu halten, um das Gewächshaus vom Fluss wegzurücken. Löhle selbst hält sich über seine Pläne noch bedeckt. Und was wird die Bürgerinitiative tun, wenn sie nicht erfolgreich ist? „Dann werden wir jede Kleinigkeit bei dem Vorhaben überwachen“, sagt Spaeter.