Alle nennen ihn nur Nuri. Seinen Nachnamen behält er für sich. Man kenne ihn ohnehin nur unter seinem Künstlernamen, so Nuri. Nuri stammt aus dem Osten der Türkei. Der Kurde lebt seit fast drei Jahrzehnten in Deutschland. Als Koch arbeitet er in der Lebensstätte Helianthum in Steißlingen. Und er ist leidenschaftlicher Trommler. Der Rhythmus liegt ihm im Blut, wie man leicht erkennen kann. „Schon als ich klein war, habe ich getrommelt. Damals nur auf einem Eimer“, erinnert er sich an seine ersten Trommelerfahrungen. Später habe er beim orientalischen Abend Bauchtänzerinnen begleitet.

Nuri ist Koch in der Lebensstätte Helianthum in Steißlingen. Er ist begeisterter Trommler und unterstützt daher das Tanzcafe der Lebensstätte mit Rhythmus. Er hat erlebt, wie selbst Menschen mit Demenz während der Trommelrunde wieder in Takt kommen.
Nuri ist Koch in der Lebensstätte Helianthum in Steißlingen. Er ist begeisterter Trommler und unterstützt daher das Tanzcafe der Lebensstätte mit Rhythmus. Er hat erlebt, wie selbst Menschen mit Demenz während der Trommelrunde wieder in Takt kommen. | Bild: Uli Zeller

Koch Nuri erzählt: „Hier im Helianthum gibt es Musikveranstaltungen. Ich habe gefragt, ob ich mitmachen kann.“ Und er durfte. Nuri trommelt gerne für die Hausgäste – so werden die Menschen genannt, die in der Pflegeeinrichtung wohnen. Er erläutert: „Ich sehe die Freude in den Gesichtern. Die Leute sind im Takt.“ Wie in anderen Heimen sind auch in der Lebensstätte Helianthum viele Bewohner von einer Demenz betroffen. Susanne Grundler, Leiterin der Sozialen Betreuung, erläutert: „Heute trommelt Nuri im Bestandsgebäude. Im Neubau wohnen bedeutend mehr dementiell veränderte Menschen.“ Nuri kann von seinen Erfahrungen mit diesen dementen Menschen berichten: „Manche Leute können viel mehr als ich dachte. Sie wirken abwesend. Aber plötzlich sind sie da. Und machen mit. Da ist Bewegung in den Händen und im ganzen Körper.“

Susanne Grundler leitet die soziale Betreuung in der Lebensstätte Helianthum in Steißlingen. Mit ihrer Gitarre setzt sie sich im Tanzcafe ein. Das Tanzcafe ist ein Angebot für Menschen mit und ohne Demenz. Grundler berichtet im Interview davon, dass selbst Menschen, die sich nicht mehr bewegen können, stark reagieren können auf den Rhythmus, den sie fühlen und die Bewegungen, die sie sehen.
Susanne Grundler leitet die soziale Betreuung in der Lebensstätte Helianthum in Steißlingen. Mit ihrer Gitarre setzt sie sich im Tanzcafe ein. Das Tanzcafe ist ein Angebot für Menschen mit und ohne Demenz. Grundler berichtet im Interview davon, dass selbst Menschen, die sich nicht mehr bewegen können, stark reagieren können auf den Rhythmus, den sie fühlen und die Bewegungen, die sie sehen. | Bild: Uli Zeller

Susanne Grundler leitet die Veranstaltung. Dass Nuri nicht nur Schnitzel und Steak brutzelt, sondern auch für die Hausgäste trommelt, beschreibt sie als echten Glücksfall. Es habe ein wenig gedauert, bis sie die richtige Form für die Veranstaltung gefunden haben, erläutert Grundler: „Manche Gäste wollen nur singen. Andere dagegen freuen sich aufs Trommeln.“ Inzwischen habe „Singen und Trommeln mit Nuri“ eine passende Form gefunden: Zuerst der Einstieg mit Volksliedern: „Eine Seefahrt, die ist lustig“, singen und summen die Hausgäste. Susanne Grundler hilft, dass die Begeisterung bei ihnen ankommt. Sie verteilt Rhythmusinstrumente, gibt mit einer Rassel den Takt vor – und bewegt ihren Körper zu den Liedern.

Da reißt es Doris Leiz gleich mit. Koch Nuri trommelt in der Lebensstätte Helianthum für die Hausgäste. Es hilft den Gästen, wieder in den Takt zu kommen – egal, ob sie von einer Demenz oder einer anderen Not betroffen sind. Gemeinsames Singen und Rhythmus stärkt zudem das Zusammengehörigkeitsgefühl.
Da reißt es Doris Leiz gleich mit. Koch Nuri trommelt in der Lebensstätte Helianthum für die Hausgäste. Es hilft den Gästen, wieder in den Takt zu kommen – egal, ob sie von einer Demenz oder einer anderen Not betroffen sind. Gemeinsames Singen und Rhythmus stärkt zudem das Zusammengehörigkeitsgefühl. | Bild: Uli Zeller

Der Schwung geht schnell auf die Hausgäste über. Danach kommt die Trommeleinlage mit Nuri. Im orientalischen Stil hebt sich der Rhythmus übers Helianthum und über Steißlingen. Eine Frau trommelt mit Schlaghölzern im gleichen Takt. Ein Herr klingelt mit Glöckchen. Viele wippen mit den Füßen.

„Nach Nuris Trommeleinlage und der ruhigen Einlage mit der orientalischen Gitarre kommt der schwierigste Teil der Stunde. „Nach den orientalischen Rhythmen wieder ins Singen deutscher Lieder einzusteigen, ist nicht leicht“, erläutert Grundler. Inzwischen haben sie eine Lösung gefunden: Rhythmische Schlager seien nach dem Trommeln sehr gut geeignet. Die Trommelstunde endet mit der Fischerin vom Bodensee, dem Schneewalzer – und schließlich stimmen alle ein: „Froh zu sein bedarf es wenig. Und wer froh ist, ist ein König.“ Ein schöner Mittag, während dem Körper und Geist wieder eine Weile fröhlich im Takt war.

„Ich bin immer wieder überrascht, wie fröhlich Musik macht“

Susanne Grundler (Jahrgang 1964) ist Leiterin der Sozialen Betreuung in der Lebensstätte Helianthum in Steißlingen. Sie hat an der Akademie für Musikpädagogik eine Weiterbildung zur musikpädagogischen Fachkraft mit dem Schwerpunkt „Musik und Aktivierung im Alter“ absolviert.

Wie wirkt sich rhythmische Bewegung auf das Gehirn aus?

Beim Tanzen werden verschiedene Netzwerke im Gehirn aktiviert. Zum einen Großhirnareale, die für das Hören und die Körperbewegungen zuständig sind. Dies geschieht, wenn die Hausgäste klatschen, stampfen, schnipsen oder singen. Zum anderen wirken Zentren im Kleinhirn und tiefer gelegene Hirnstrukturen an der rhythmischen Bewegung mit. Für unser Gehirn ist Tanz, Bewegung und Rhythmus ein großartiges Training. Es überrascht und freut mich immer wieder, wie lebendig und fröhlich die Musik uns Menschen macht und wie wichtig sie für unser Wohlbefinden ist.

Gibt es weitere positive Wirkungen von Tanz und Rhythmus?

Ja, viele. Zum Beispiel das Zusammengehörigkeitsgefühl. Sich gemeinsam bewegen schafft ähnlich wie gemeinsam singen ein besonders stark empfundenes Zusammengehörigkeitsgefühl. Dies äußert sich dann in Gemütsbewegungen wie Freude, Trauer, Erregung oder Entspannung. Dem zugrunde liegen wiederum elementare Empfindungen wie Sicherheit, Geborgenheit und Liebe, durch die ein Mensch überhaupt Frieden und Glück spüren und angstfrei leben kann.

Ist Trommeln und Tanzen mit Menschen mit Demenz aufgrund ihrer Einschränkungen nicht besonders schwierig?

Ja und nein. Einerseits muss man vermehrt darauf achten, dass man die Spannung aufrecht erhält und gerade die dementiell veränderten Teilnehmer immer wieder direkt einbezieht. Auch sollte das Trommeln für sie leiser sein. Andererseits sind Menschen mit Demenz aber auch unkompliziert. Sie sind spontan. Mimik, Gestik, Stimme und Authentizität sind für sie wichtiger als das gesprochene Wort.

Und wenn jemand nicht mitmachen kann?

Da hilft es, das Wissen über Spiegelneuronen zu nutzen. Spiegelneuronen sind Nervenzellen, die im Gehirn beim Betrachten eines Vorganges oder bei einem Geräusch das gleiche Aktivitätenmuster zeigen wie bei dessen eigener Ausführung. Das bedeutet: Es mag sein, dass sich jemand nicht mehr aktiv bewegen kann. Beim gemeinschaftlichen Tanz erlebt er aber dennoch eine geistige Stimulation. Beeinträchtigte Menschen sind oft still – beim Tanzen und Trommeln ist aber eine freudvolle Stille und eine innere Beteiligung deutlich zu spüren.

Menschen mit und ohne Demenz singen und trommeln zusammen. Wie wirkt das auf Menschen ohne Demenz?

Sie lassen sich anstecken und sind spontaner, fröhlicher, offener – und viel eher dazu bereit, mitzuklatschen.

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