Wenn man mit Annemarie Elze spricht ist das, wie wenn ein Fluß vorbeiplätschert. Steine sind zu sehen. Die Steine sind die Lebenserinnerungen an früher. Das Wasser bedeckt die Steine aber manchmal – wie die Demenz die Erinnerungen an das frühere Leben bedeckt.

Hält Annemarie Elze ihr Fotoalbum in den Händen, findet sie darin viele solcher Steine, die sie daran erinnern, wer sie ist. Da taucht Georg auf – ihr Ehemann, der inzwischen nicht mehr lebt. Ein weiterer Stein ist ihr Glaube. Die 85-Jährige erzählt von der Kirche und erinnert sich an ihre Firmung.

Dackel Taps in der ersten Reihe

Und dann ist da noch der Dackel Taps: „Taps war ein Rassehund. Mein Liebe gehört nicht nur den Menschen und Kindern, sondern auch den Tieren“, erläutert die 85-Jährige. Sie betont: „Wenn man einen Hund dabei hat, kommt gleich jeder und will etwas von einem wissen. Der Dackel ist ein Schauspieler und steht in der ersten Reihe“, so Annemarie Elze.

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Dann erzählt die ehemalige Hortleiterin und Erzieherin von einer Episode in der achten Klasse. Dort habe sie ihren Dackel dabei gehabt und gesagt: „Taps kommt zu dem, der am ordentlichsten sitzt.“ Sie kann sich dabei ein Schmunzeln nicht verkneifen und sagt: „Sie glauben gar nicht, wie ordentlich Jugendliche auf einmal sitzen können.“

Trotz allem wirkt sie zufrieden

Hat die 85-Jährige das Fotoalbum nicht zur Hand, wird der Bach unruhiger und bedeckt die Steine der Erinnerung. Dann scheint Annemarie nicht mehr zu wissen, dass ihre Nichte in Konstanz wohnt – sondern hat das Gefühl, die Nichte lebe gegenüber. Und sie kann auch nicht genau sagen, ob sie gerade in Berlin oder in Steißlingen ist.

Oder ob es die DDR überhaupt noch gibt. Die Antworten passen dann manchmal nicht zu den gestellten Fragen. Aber in alledem wirkt sie zufrieden. Ein Bach, der ruhig plätschert, aber nicht alle Steine bedeckt.

Ein Bild aus vergangenen Zeiten: Die heute 85-jährige Annemarie Elze und ihre Nichte Petra vor vielen Jahren mit dem Schlauchboot auf einem Berliner See.
Ein Bild aus vergangenen Zeiten: Die heute 85-jährige Annemarie Elze und ihre Nichte Petra vor vielen Jahren mit dem Schlauchboot auf einem Berliner See. | Bild: Petra Elze

Die Nichten Petra Elze und Sabine Zierold leben in Konstanz und Tägerwilen. „Tante Annemarie war ihr ganzes Leben in Berlin zuhause“, erläutert Petra Elze. Die Nichte erinnert sich an Fahrten mit dem Schlauchboot am Müggelsee in Berlin.

Das Schlauchboot, ein Ostprodukt, sei mit Talkum eingestäubt gewesen und habe nach Gummi gerochen, so die Nichte. Annemarie dagegen erinnert sich zurzeit nicht mehr an dieses Schlauchboot, wenn man sie darauf anspricht. Die Erinnerung scheint gerade von Wasser und Gischt des Demenz-Flusses bedeckt.

Mehrere Jahre alleine in Berlin

In den vergangenen Jahren nach dem Tod ihres Ehemannes Georg habe Tante Annemarie alleine in Berlin gelebt. Eines Tages sahen die Nachbarn Annemarie an der Bushaltestelle. Sie stand lange dort. Schließlich fragten die Nachbarn: „Wo wollen Sie denn hin?“ Annemarie wusste es nicht. Die Nachbarn haben zunächst das übernommen, was zuvor Ehemann Georg erledigt hat: Bankgeschäfte, Anträge, Formulare.

Doch zunehmend hatte Annemarie Elze ihr Leben nicht mehr im Griff. Von einem Vertreter kaufte sie an der Haustür einen neuen Staubsauger für 5.000 Euro. Dann stürzte sie und lag zwei Tage hilflos mit gebrochenen Schultern in der Wohnung. Alleine. Auch der Haushalt überforderte sie. Aluverpackungen lagen herum, doch Annemarie war hilflos und wusste nicht, wie sie den Inhalt kochen sollte.

„Holen Sie ihre Tante hierher“

Petra Elze fragte ihren Hausarzt um Rat. Der Rat war eindringlich: „Holen Sie Ihre Tante hierher.“ Die Nichte fand das eine drastische Entscheidung, die sie gemeinsam mit ihrer Schwester zu treffen hatte: „Wir haben Verantwortung für eine Person übernommen, die ihr gesamtes Leben in der gleichen Stadt verbracht hat.“ Und jetzt sollten die Nichten den Haushalt auflösen – und die Tante sollte 800 Kilometer weit weg ziehen.

Die Nichten organisierten einen Heimplatz in der Heimstätte Helianthum in Steißlingen. Sie packten den Koffer. Aber nur so viel, wie man auf einen Ausflug mitnimmt. Die Tante sollte nicht beunruhigt werden. Dann ging es mit dem Taxi zum Flughafen. „Schau hier, ein Flieger“, sagte die Tante nur und ließ sich auf das Abenteuer ein.

Ein neues Zuhause in Steißlingen

In Steißlingen angekommen, kam das Fotoalbum zum ersten Mal ins Spiel. Die Nichten Petra und Sabine hatten für ihre Tante Annemarie ein Erinnerungsalbum zusammen gestellt. Fotos, die dabei helfen sollten, die Steine im Fluss des Lebens zu sehen. Es lag auf dem Nachttisch ihres neuen Zimmers. „Annemarie begrüßte gleich ihre Mitbewohnerin und schaute mit ihr das Fotoalbum an. Sie hat ihr gleich aus ihrem Leben erzählt.“

Die Nichten standen in der Tür. Sie hatten Tränen in den Augen und freuten sich, dass ihre Tante ein neues Zuhause gefunden hatte. Ein Ort, an dem der Fluss gemächlich dahinfließt und wo es Menschen gibt, die gemeinsam mit ihr auf die Steine ihres Lebens blicken.

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