Jacqueline Weiß jacqueline.weiss@suedkurier.de

Die Hegau-Solawi (Solidarische Landwirtschaft) Klimaland GbR im Singener Stadtteil Friedingen startet im März mit vielen Plänen in die zweite Gemüsesaison. Sie soll nicht wie im vergangenen Jahr im Herbst enden, sondern ihren Mitgliedern das ganze Jahr über regionales Bio-Gemüse bieten. Die Gründer Severin Denzel und sein Cousin Matthias Denzel wollen mit der Solawi die Landwirtschaft und nicht das Lebensmittel finanziert. Mehrere Haushalte tragen die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs. Dafür erhalten sie im Gegenzug die Ernte.

Beitrag zum Klimaschutz

Durch den persönlichen Bezug sollen sowohl die Erzeuger als auch die Verbraucher die Vorteile einer nicht-industriellen, marktunabhängigen Landwirtschaft erfahren. Die Solawi will eine vielfältige, ökologische Landwirtschaft erhalten und so einen Beitrag zum Klimaschutz leisten. Erzeuger und Verbraucher bilden eine Wirtschaftsgemeinschaft, der monatliche Beitrag errechnet sich aus den geschätzten Jahreskosten.

Schlosshof in Friedingen gepachtet

Die Inhaber haben außerdem seit Ende Dezember den Schlosshof unterhalb des Friedinger Schlösschens und sieben Hektar um den Hof herum gepachtet. Sie wollen den Hof einerseits als zusätzliche Anbaufläche, aber auch für Aktivitäten des Vereins nutzen, berichtet Clara Bach, die zu den Gründern gehört. Unterhalb des Friedinger Schlösschens plant Severin Denzel als gelernter Winzer, Wein anzubauen. Ein Hühnerwagen auf dem Gelände soll für frische Eier sorgen. Denkbar seien zum Beispiel auch Bildungsangebote für Schulen und Kindergärten in einer der bis dahin umgebauten Scheunen des Hofs. Möglich wäre ein Seminarstandort für die Themen Landwirtschaft und Klimawandel, der den jungen Gründern sehr am Herzen liegt.

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Bis die Gebäude des Schlosshofs allerdings genutzt werden können, kommt noch viel Arbeit auf die Pächter und ihre Helfer zu. Überall muss aufgeräumt, renoviert und umgebaut werden. „Wir haben im Ort gehört, dass der Hof selbst seit rund 30 Jahren nicht mehr bewirtschaftet wurde“, berichtet Clara Bach. Die anderen Flächen, die zum Hof gehören, hat ein Landwirt aus Möggingen gepachtet und bewirtschaftet.

„Wir sind jung und motiviert“

Seit etwa einem Monat seien sie und rund zehn Helfer dabei, erstmal in und um die Gebäude aufzuräumen, erklärt Bach. Sie zeigt auf einen Container voller Plastikrohre, die sie aus dem Gelände gezogen haben. Die meisten Helfer kämen am Wochenende: Es seien Freunde, Mitglieder der Solawi und Menschen aus dem Dorf, die sich freuten, dass auf dem Schlosshof wieder Leben einzieht. Da warte schon viel Arbeit und es brauche viel Idealismus und Optimismus: „Aber wir sind jung, motiviert und haben Kraft.“

Ein Bild aus dem ersten Erntesommer: Der Marktgarten am Ortsrand von Friedingen.
Ein Bild aus dem ersten Erntesommer: Der Marktgarten am Ortsrand von Friedingen. | Bild: Weiß, Jacqueline

Der bisherige Marktgarten der Hegau-Solawi am Ortsrand von Friedingen bleibt, doch die Anzahl der Mitglieder darf steigen. Von im Sommer 25 ist die Zahl auf 50 Anteile gestiegen. Das sind 50 Abnehmer, die einen festen Betrag im Monat zahlen und dafür ein bis zwei Mal pro Woche eine Kiste Biogemüse bekommen. In diesem Jahr sollen die Anteile auf 80 steigen. Außerdem hat die Solawi den Gärtner Günter Berthold eingestellt, der sich mit einer Vollzeitstelle um die Betriebsabläufe kümmert.

Im Testjahr alles Ehrenamt

Weil jetzt Lohnkosten dazukämen, steige auch der Preis für die Anteile. „Wir haben im ersten Testjahr alles ehrenamtlich gemacht. Jetzt wollen sich Severin und Matthias für ihre Arbeit auch einen kleinen Lohn auszahlen“, so Bach. Der Preis pro Anteil errechne sich aus den Jahreskosten für den Betrieb, die Anfang des Jahres kalkuliert wurden. Darin enthalten seien neben den Kosten für einen fairen Gärtnerlohn zum Beispiel die Kosten für Saatgut.

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Wenn einem Abnehmer ein ganzer Anteil zu viel ist, dann könne er ihn sich auch mit jemandem teilen. Einkommensschwächere Haushalte könnten weniger bezahlen, was dann mit Spenden ausgeglichen werden soll. Eine weitere Neuerung soll sein, dass es Abhol-Depots in der Region geben soll, an denen die Abnehmer dann ihre Gemüsekisten möglichst ortsnah abholen können. Es werde auch weiterhin die Möglichkeit zur Mitarbeit geben, so Bach, sei es im Garten oder bei der Organisation.

Ein Verein soll gegründet werden

In diesem Jahr steht auch die Gründung eines Solawi-Vereins an. Dabei stünde im Vordergrund, dass es sich um ein gemeinsames Projekt handle, bei dem alle, die mitmachen, auch mitreden können, zusammen gearbeitet und gefeiert werde. Im Mittelpunkt stehe laut Bach immer der Umwelt- und Klimaschutzgedanke: unbehandeltes, unverpacktes, regionales und ökologisch erzeugtes Gemüse anzubieten.

Das bedeutet Solawi und zur Serie

  • Die Solawi: In einer Solidarischen Landwirtschaft wird laut der gleichnamigen Internetseite die Landwirtschaft und nicht das Lebensmittel finanziert. Mehrere Haushalte tragen die Kosten eines landwirtschaftlichen Betriebs, wofür sie im Gegenzug die Ernte erhalten. Erzeuger und Verbraucher sollen so die Vorteile einer nicht-industriellen, marktunabhängigen Landwirtschaft erfahren. Die Solawi will eine bäuerliche und vielfältige Landwirtschaft erhalten und regionale Lebensmittel zur Verfügung stellen. Erzeuger und Verbraucher bilden eine Wirtschaftsgemeinschaft, der monatliche Beitrag errechnet sich aus den geschätzten Jahreskosten.
  • Die Serie: In der Serie „Wir packen‘s an“ stellen wir Unternehmen und Initiativen aus der Wirtschaft und aus allen Branchen vor, die sich gerade in Zeiten der Corona-Pandemie engagieren, Tradition und Regionalität pflegen oder etwas ganz Neues aufbauen. Die Serie soll zeigen, was Unternehmer der Pandemie und deren Auswirkungen entgegensetzen. Denn trotz monatelanger Einschränkungen stellen sich viele Firmen den Herausforderungen.