Herr Wagner, wie stellt sich die Müllsituation in Singen aktuell dar?

Wir haben zurzeit ein Müllproblem, allerdings möchte ich das auf keinen Fall auf Singen reduzieren. Fakt ist, dass, seit die Gastronomie wegen Corona geschlossen wurde, wir vermehrt Müll im öffentlichen Raum finden, der nicht ordnungsgerecht entsorgt wurde. Und das betrifft nicht nur Singen, sondern durchweg alle Städte.

Das heißt, wenn wir von einem Müllproblem reden, sprechen wir von Fast-Food Verpackungen?

Genau. Überlegen Sie mal, bei den Fast-Food-Ketten wird normalerweise ein Teil vor Ort verzehrt und der Müll bleibt damit im Restaurant. Nun lagen wir über mehrere Monate bei 100 Prozent Take Away. Hinzu kommen die anderen Gaststätten, die nun auch ausschließlich das Essen außer Haus verkaufen konnten. Was passiert? Die Leute nehmen die Gerichte mit, suchen sich einen Platz und lassen ihren Unrat dort liegen, wo sie das Essen verzehrt haben. In Singen ist das vor allem der Platz vor dem Hallenbad sowie die Schulhöfe, wo wir den meisten Müll finden.

Was wird hauptsächlich achtlos weggeworfen?

Vorwiegend sind es Pizzakartons, Fast-Food-Verpackungen und jede Menge leere Becher und leere Flaschen, gefolgt von Zigarettenstummeln und Kaugummis.

In einigen Städten und Gemeinden hat man gerade für die Pizzakartons spezielle Behälter aufgestellt. Machen Sie das auch?

Nein, das ist bei uns nicht notwendig, denn in Singen arbeiten wir – wie übrigens auch die Kollegen in Konstanz – mit einem anderen System. Unsere Nachbarstadt Radolfzell leert ihre Unterflurcontainer mit einer Kehrmaschine, wir mit einem Müllsauger. Diese Container, die unter dem sichtbaren Einfüllrohr im Boden eingelassen sind, haben ein Fassungsvermögen von 600 Litern. Der Saugschlauch der Müllsauger ist so dick, dass es keine Probleme mit den Pizzakartons gibt.

Können Sie ausmachen, welche Bevölkerungsgruppe vorwiegend für die Vermüllung verantwortlich ist?

Interessant ist, dass es für den Müll auf der Straße eine Regel gibt, die da heißt: Wo schon Müll liegt, da wird wahrscheinlich bald noch mehr landen. Die meisten Gründe für das sogenannte Littern sind Bequemlichkeit oder Faulheit und hier haben wir die Hauptgruppe der Litterer bei den Erwachsenen bis 30 Jahre. Das erklärt sich dadurch, dass mit zunehmendem Alter der Einkauf von Unterwegs-Verpflegung und deren Konsum im öffentlichen Raum wieder abnimmt. Wenn es jedoch um das leidige Thema Hundekot geht, gilt die Altersgruppe über 50 als die größten Verursacher.

Gemeinsam mit Johanna Volz, Klimaschutzmanagerin der Stadt Singen, und Marcel Da Rin von der Kriminalprävention Singen haben Sie ein Müllkonzept auf den Weg gebracht. Wie wollen Sie gegen den Müllberg vorgehen?

Nun, Kontrolle ist sinnvoll, aber schwierig. Wir hatten auch angedacht, gegebenenfalls Bußgelder zu verhängen, denn das Wegwerfen von Müll ist definitiv eine Ordnungswidrigkeit. Wir sind jedoch überzeugt davon, dass es am sinnvollsten ist, die Menschen aufzuklären. Wenn es uns gelingt, die Bevölkerung für die Umwelt zu sensibilisieren und zum Umzudenken anzuleiten, denkt vielleicht jeder darüber nach, was er kauft, wie und wo er Müll entsorgt. Schön wäre es, wenn insgesamt weniger Verpackungsabfall anfällt.

Wie wollen Sie das machen?

Die Humboldt-Universität hat in einer Studie erarbeitet, welche Maßnahmen als erfolgversprechend gelten. Dazu gehören unter anderem, auffällige Mülleimer aufzustellen – gegebenenfalls mit bunt markiertem Einwurf oder akustischem Feedback. Plakataktionen mit originellen Sprüchen und lokalem Bezug können wachrütteln oder farbige Fußspuren, die zu Papierkörben führen, in Kombination mit einer humorvollen Plakat-Kampagne. Auch der Einsatz von Kümmerern, also sogenannten Waste Watchern, wäre eine Möglichkeit. Und bei dem ganzen Thema hilft wahrscheinlich der Humor mehr, als mit erhobenem Zeigefinger vorzugehen, Sanktionen zu verhängen oder Repressalien.

Und was wollen Sie konkret in Singen tun?

Im Jahr 2019 hatten wir den „Singen macht sauber“-Aktionstag initiiert. Wir waren damals ebenso erstaunt wie erfreut, wieviel Bürgerinnen und Bürger sich daran beteiligt haben. Von Jung bis Alt, Kinder und sogar Rollstuhlfahrer waren mit Enthusiasmus dabei. In 2020 musste der Aktionstag Corona geschuldet ausfallen. In diesem Jahr wollen wir den Aktionstag Corona-gerecht gestalten, gehen das Müllsammeln in kleineren Gruppen und unterschiedlichen Teilgebieten in Singen und den Ortsteilen an. Infos dazu und wo und wie man sich dazu anmelden kann, geben wir noch frühzeitig bekannt. Außerdem wollen wir das Konzept der Müll-Patenschaften forcieren. Das hat sich bei den Behältern für Hundekotbeutel bewährt. Die Behälter werden regelmäßig mit frischen Beuteln von Freiwilligen auf ihrer Gassirunde aufgefüllt. Ein tolles Konzept – einfach und effektiv. Wir würden uns übrigens freuen, wenn wir weitere Paten dafür finden.

Was wünschen Sie sich für Singen?

Mehr Aufmerksamkeit der Bürgerinnen und Bürger, mehr Achtsamkeit und Respekt. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Wir haben an sechs Tagen die Woche den Wertstoffhof geöffnet, auf dem alle Singener ihren Müll kostenlos abgeben können. Und es ist für mich absolut unverständlich, warum es immer noch Menschen gibt, die ihren alten Computer in ihr Auto tragen und ihn dann im Wald statt auf dem Wertstoffhof entsorgen.