Das stabilste Schiff? „Das wäre ein Floss“, sagt Henning Brockmann. „Zugegeben, ein Floss ist recht träge.“ Nun wollten die Bewohner Ozeaniens aber schnell und wendig über die Wellen gleiten, erzählt der 53-Jährige. „Ihre Lösung: Sie entwickelten ein Kanu, das wie ein Floss über eine stabile Plattform verfügt. Aber auch über zwei Bootsrümpfe, sodass es sich mit hoher Geschwindigkeit manövrieren lässt.“

Das polynesische Doppelrumpf-Kanu Hokule‘a – hier zu sehen vor Hawaii.
Das polynesische Doppelrumpf-Kanu Hokule‘a – hier zu sehen vor Hawaii. | Bild: Zak Noyle

Genau ein solches Gefährt entsteht gerade unter seiner Aufsicht im Singener Industriegebiet. Ein Doppelrumpf-Kanu nach dem Vorbild samoanischer Fischerboote, um genau zu sein. Statt an einem Palmenstrand im Pazifik soll es bald schon am Bodensee die Segel hissen.

Platz für Übernacht-Passagiere

„Wenn das Kanu fertig ist, wird es 450 Kilo wiegen und zehn Personen Platz bieten. Wir werden sogar Schlafkojen an Bord haben“, berichtet Brockmann. Der gebürtige Hamburger ist schlank und großgewachsen. Er trägt T-Shirt, kurze Arbeitshosen und eine Hornbrille, die er sich auf die Stirn geschoben hat.

Bild: Tesche, Sabine

Das fertige Boot hält Brockmann für stabil genug, um Fahrten auf dem Mittelmeer oder der Nordsee auszuhalten. Eine Überfahrt nach England? Gut vorstellbar, meint der Skipper, der seit seinem 20. Lebensjahr leidenschaftlich segelt. Noch ist es nicht so weit.

Die beiden acht Meter langen Rümpfe sind zwar bereits aufgebockt, Verbindungsplattform, Mast und Segel kann man aber nur anhand der Baupläne erahnen. Brockmann, der schon einige Wassergefährte gebaut hat, rechnet mit insgesamt 650 Stunden Arbeitszeit.

Unterstützung über Generationen hinweg

Gut, dass der Autodidakt Unterstützung hat. „Über die Sommerferien haben mir vier Jungs zwischen acht und 14 Jahren im Rahmen des Kinderferienprogramms geholfen“, erzählt er. „Auch eine Seniorin und ein Senior schauen seitdem regelmäßig vorbei und legen Hand an.“

Bild: Stadt Singen

Der Bootsbau zu Singen als generationenübergreifendes Projekt. „So haben wir uns das auch gewünscht“, betont Marcel Da Rin von der Kriminalprävention. Er ist mitverantwortlich dafür, dass das Kanu unter der Flagge des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ segeln wird – und rund 10.000 Euro Fördermittel erhält. Aus Da Rins Sicht sinnvoll investiertes Geld.

Er freut sich, dass sich Brockmann – selbst Vater von vier Kindern – bereit erklärt hat, den Nachwuchs im wahrsten Sinne des Wortes mit ins Boot zu holen: „Es wird Fahrten geben, an denen sich Singens Jugendliche beteiligen können.“

Besuch vom Oberbürgermeister

Bei seinem Besuch in der Werkhalle wird Da Rin von Oberbürgermeister und Hobbysegler Bernd Häusler begleitet. „Ich sehe das Boot heute zum ersten Mal“, erzählt er. Besonders interessiert sich der OB für die Bauweise.

Bild: Tesche, Sabine

„Wir verzichten auf große Maschinen“, schildert Brockmann seinen Gästen. „Der Bausatz, mit dem wir arbeiten, vergibt Fehler“, ergänzt er. Selbst wenn ein Kind nicht ganz gerade gesägt habe, habe man problemlos weiterbauen können.

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Die Einzelteile werden in Singen mit an die 1000 Kabelbindern fixiert. Statt abgesägter Baumstämme, wie die alten Polynesier, verwende man 24 Birken-Sperrholz-Platten. „Abgedichtet wird alles mithilfe von Glasfolie“, erklärt Brockmann abschließend.

Bild: Tesche, Sabine

Auch wenn zwei Drittel der Arbeit noch vor ihm liegen, hofft der Hamburger Ende des Jahres in See zu stechen. „Bis dahin freue ich mich über Unterstützer.“ Er könne sich vorstellen, dass Jugendliche ab 14, aber auch Eltern Spaß daran hätten, mitzuarbeiten – und später natürlich mitzusegeln. Brockmann ist es ernst mit seiner Einladung: „Selbst bei der Namensgebung des Boots bin ich für Vorschläge offen.“

Weltumsegelung ohne GPS und Kompass: Warum die Polynesier begnadete Seefahrer sind

Dass Henning Brockmann sich bei seiner Zusammenarbeit mit der Singener Kriminalprävention dafür entschieden hat, ausgerechnet ein polynesisches Doppelrumpf-Kanu nachzubauen, ist kein Zufall. Schließlich gelten Polynesier als legendäre Seefahrer:

  • Einen Erdteil erschlossen: 25 Millionen Quadratkilometer und damit ein Fünftel der Erdoberfläche gehören zu Polynesien. Aber wie wurde diese entlegene Inselregion mitten im pazifischen Ozean besiedelt? Lange Zeit herrschte darüber Unklarheit. Heute gilt es als wissenschaftlich erwiesen, dass bereits 1000 Jahre vor Christi Geburt Menschen von Neu-Guinea aus in selbstgebauten Segelbooten aus Holz mehr als 3000 Kilometer Wasserstrecke zurücklegten und sich auf den Inseln Fiji, Samoa und Tonga niederließen. Von dort aus wurden im Laufe der Jahrhunderte weitere Inseln, unter ihnen Tahiti und Hawaii, erschlossen.
  • Navigation ohne Hilfsmittel: Für viele Forscher schwer zu akzeptieren, schien die Tatsache, dass die Polynesier sich beim Navigieren allein auf die Beobachtung von Sonne, Mond, Sternen, Wind, Wolken, Wasser, Tieren und Treibholz verließen. Ohne Kompass waren sie in der Lage, mit ihren Kanus tausende Kilometer auseinander liegende Inseln so zielgenau anzusteuern, dass regelmäßige Besuche und ein reger Warenaustausch zwischen den Bewohnern möglich waren.
  • Crew tritt den Beweis an: Um zu beweisen, wie tiefgehend die über Generationen weitergegebenen Navigationskünste der Polynesier sind, schickte sich die Besatzung des nach traditioneller Bauart errichteten Kanus Hokule‘a 1976 an, von Hawaii nach Tahiti zu segeln. In 35 Tagen gelang die Überfahrt – ohne dass Hilfsmittel wie Sextant, Kompass, Stift oder Papier zum Einsatz kamen. Es sollte nicht die letzte Fahrt der Hokule‘a bleiben, die ausschließlich mithilfe traditioneller polynesischer Navigation inzwischen sogar die Erde umrundet hat.

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